1864_Lewald_163_283.txt

hatte und ein glänzendes Haus machte, eine zahlreiche Gesellschaft zu einem Balle. Die Gesellschaft war sowohl den Nationalitäten als den Berufsklassen und Ständen nach eine sehr vielfarbige, und es befanden sich in ihr Personen genug, welche den Augenblick nicht für günstig gewählt zu einem Feste hielten. Aber man durfte sich, wenn man nicht Verdacht oder Verfolgung auf sich laden wollte, der Geselligkeit, in welcher das französische Militär und die kaiserlichen Civilbeamten eine grosse Rolle spielten, nicht entziehen, und schon am Mittage hatte Herr von Castigni sich danach erkundigt, ob er das Vergnügen haben werde, der Familie Flies und Herrn Tremann auf dem Balle zu begegnen.

Abends, um die Stunde, in welcher man in die Gesellschaft zu fahren pflegte, sassen Seba und Davide in Balltoilette in dem Wohnzimmer; aber ihre ernsten Mienen passten nicht zu dem glänzenden Schmucke, den sie angelegt hatten. Man konnte die unruhige Spannung unschwer in ihren Mienen lesen. Bei dem leisesten Geräusche blickten beide Frauenzimmer nach der Gegend hin, von der es kam, und nachdem Erwartung und Täuschung sich zu verschiedenen Malen wiederholt hatten, sagte Davide endlich: ich möchte wohl wissen, wie den Menschen zu Mute gewesen ist, als man noch ein ruhiges Leben geführt und sich auf irgend etwas recht von Herzen in voller Sicherheit zu freuen vermocht hat. Seit ich mich erinnern kann, ist die Welt immer voll Schrecken und voll Unruhe gewesen. Schon als kleines Kind habe ich, obschon man es vor mir zu verbergen gestrebt hat, es doch immer empfunden, dass man in Sorgen und Nöten vor Krieg und Feinden und Krankheiten, und in Angst um seine Freunde gewesen ist, und jetzt ....

Nun, jetzt? fragte Seba; aber es blieb Daviden keine Zeit zum Antworten, denn Paul, gleichfalls für den Ball gekleidet, trat in das Zimmer, und Seba empfing ihn mit der besorgten Frage, was der Kriegsrat zu so später und ungewohnter Stunde noch gewollt habe.

Nichts für sich, wie Du denken kannst, entgegnete Paul, und natürlich ist's nichts Gutes, was den Alten bewogen hat, mich aufzusuchen. Es sind unerträgliche Zustände, in denen wir leben; wir werden wie Verbrecher beaufsichtigt, wir sind in unseren Häusern nicht mehr sicher vor Verrat und müssen die Verräter als gefeierte Gäste an unserem Tische sitzen sehen. Das kann nicht dauern, es kann nicht dauern! Das Tischtuch muss endlich zerschnitten werden zwischen uns und ihnen. Der berechtigte Hass verlangt seinen freien Weg, und wie grauenhaft Dir das neulich auch erschien, als ich es in meiner Empörung gegen Dich äusserte: eine sicilianische Vesper dünkt mich berechtigt in den Zuständen, in denen wir uns befinden und in denen jede Faser, die an uns gut und edel ist, nach Rache und nach Vernichtung unserer Unterdrücker schreit!

Es geschah selten, dass seine leidenschaftliche natur in solcher Weise die Schranken der Selbstbeherrschung durchbrach, in die er sie zu bannen gelernt hatte, und er war offenbar auch unzufrieden mit sich, weil er sich von seinem Zorne hatte übermannen lassen; denn er nahm sich plötzlich zusammen und sagte ruhiger: Der Kriegsrat kam, um mir zu sagen, dass die Frau, ganz gegen ihre sonstige Weise, heute schon wieder bei ihm gewesen sei. Sie war unter dem Vorwande gekommen, ihm im Namen ihres Herrn, der sich nach Weissenbach erkundigt haben sollte, eine Flasche alten Weines zur Stärkung zu bringen; indess wie leicht der Kriegsrat sonst auch zu täuschen ist, war er dieses Mal doch nicht leichtgläubig genug, ihr zu vertrauen, und er merkte denn auch, dass die Erkundigungen des Grafen nicht ihm, sondern mir und meiner Abreise gegolten hatten. Auch Castigni hat meinen Diener desshalb ausgefragt, hat sich bei diesem durch seine Leute sorgfältig über all mein Tun, über die Personen, welche mich besuchen, über Tag und Stunde meiner Abreise zu unterrichten gestrebt, und die Kriegsrätin hat unter dem Vorgeben, dass der Graf ihrem mann eine Stelle zu schaffen denke, vorher aber seine Handschrift sehen und mit ihm selber sprechen wolle, den Alten zu überreden getrachtet, dass er ihr die arbeiten ausliefere, die er für mich augenblicklich unter Händen hat.

Und er hat sie ihr gegeben? unterbrach ihn Seba mit sorgenvollem Erschrecken.

Paul verneinte es. Der Alte ist gerade so brav und gut, als sein Verstand und seine Schwäche es ihm erlauben, und ich könnte beinahe wünschen, er hätte der Frau nicht widerstanden, denn alles, was er für mich arbeitet, bezieht sich auf nationalökonomische und commercielle Studien, aber ....

Paul, rief Seba, warte nicht bis morgen, reise gleich heute ab!

Wo denkst Du hin? entgegnete er, während sein Gesicht schon wieder die gewohnte fröhliche Sicherheit zeigte; ich muss doch mit Davide den besprochenen ersten Walzer und den Kehraus tanzen!

Ach, reisen Sie, lieber Paul! bat Davide, indem sie ihre hände bittend faltete.

Unmöglich, dazu sehen Sie viel zu reizend aus, Davide! Ja, hätten Sie die weissen Hyacinten nicht in Ihren schwarzen Locken, so liesse sich eher davon reden!

Aber er hatte kaum die Worte ausgesprochen, als Davide mit hastiger Hand nach ihrem haupt fuhr, die Blumen aus ihren Locken und Flechten nahm und siegesgewiss die Worte ausrief: Jetzt müssen Sie gehen, und wir bleiben nun zu haus!

liebes, entschlossenes Kind! sagte Paul, während er sie mit freudigem Erstaunen betrachtete; aber es wäre nicht wohlgetan, blieben