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selbst wie von der Sache seines Vaterlandes zu betrachten, und der Anblick von Renatus erinnerte ihn nur daran, dass dieser sich seinen Absichten und Planen nicht geliehen hatte.

Ein hübscher junger Herr, sagte die Kriegsrätin, ein ganz Berka'sches Gesicht! Man könnte ihn für den Sohn des Herrn Grafen halten, nur dass der Herr Graf viel männlicher und schon viel gebietender aussahen, als Sie des Herrn Lieutenants Jahre hatten. Dem Herrn Vater sieht er gar nicht ähnlich.

Der Graf liess die ihm schmeichelnde Bemerkung der Kriegsrätin unerwiedert fallen und sagte: dafür sieht Ihr ehemaliger Pflegesohn ihm um so ähnlicher!

Nun war die Reihe des Nichtbeachtens an der Kriegsrätin. Sie wusste nicht, wo der Graf mit der Bemerkung, die er nicht zufällig gemacht haben konnte, hinauswollte, und da sie sich als Schmeichlerin der Männer von jeher eine scharfe Beobachtungsgabe angeeignet hatte, sah sie, dass Graf Gerhard sich in einer Laune befinde, in der sie ihn zu schonen habe.

Auch schien er keine Antwort zu erwarten, denn er ging, sobald Renatus aus dem Bereiche des Fensters war, nach dem Nebenzimmer, und erst unter der tür desselben sagte er: Sie waren ja, wie ich meine, gestern oder vorgestern bei Ihrem mann; was hat er denn beständig für Tremann zu copiren? Haben Sie's vielleicht gesehen?

Die Kriegsrätin bejahte es, aber sie meinte, sie hätte sich aus den Papieren nicht vollständig vernehmen können. Es wären Auszüge aus Reisebüchern, Handelsberichte aus Zeitungen, die ihr Mann zu machen habe.

Briefe und Actenstücke oder dergleichen copirt er nicht? fragte der Graf.

Sie antwortete, dass sie sich nicht erinnere, Derartiges gesehen zu haben; übrigens werde Paul Berlin bald für längere Zeit verlassen.

Der Graf warf die Bemerkung hin, er wisse durch Herrn von Castigni, dass Tremann noch an diesem Abende reisen werde. Das bezweifelte die Kriegsrätin nach den Aussagen ihres Mannes, der seine Arbeit erst an einem der folgenden Tage abzuliefern habe. Der Graf entgegnete darauf nichts. Er blieb jedoch noch in dem Zimmer, sah, wie die Menge sich in den Strassen allmählich verlief, nun das militärische Schauspiel vorüber war, und erkundigte sich nach verschiedenen Kleinigkeiten, die er seiner Haushälterin zur Besorgung aufgetragen hatte. Dazwischen warf er ganz beiläufig die Frage hin, ob Tremann nie bei ihr gewesen, seit er wiedergekommen sei.

Sie zuckte mit den Schultern. Um sich, wie Sie, Herr Graf, seiner Bekannten in ihrem Unglücke anzunehmen, muss man grossmütiger sein, als Paul es bei Seba und bei ihrem Vater lernen kann. Ich vermag mich nicht so wie mein Mann zu demütigen, und Paul sowohl als Seba haben es ganz und gar vergessen, wie glücklich diese gewesen ist, als ich ihr zuerst erlaubte, zu mir zu kommen, und wie ich mich ihrer angenommen habe, um sie nur erst für den Verkehr mit gebildeten Männern und guter Gesellschaft zuzustutzen. Seit man den Juden so viel Freiheiten gewährt, sind sie hochmütig und noch schlechter geworden, als sie stets gewesen sind. Erst gestern früh, als ich von meinem mann kam, ist Seba in einem prachtvollen, echten Shawl, wie keine Königin ihn schöner haben kann, an mir in ihrer neuen Equipage mit einem Stolze vorübergefahren, mit einem Stolze .... Sie unterbrach sich, da sie ihrer Redseligkeit sonst in ihres Herrn Gegenwart nicht die Zügel schiessen lassen durfte, indess ihre Empörung war so gross, dass sie sich nicht entalten konnte, den Nachsatz hinzuzufügen: Aber ich werde es ihr gedenken! Hochmut kommt vor dem Falle, und es wird mit Seba und mit Paul wahr und wahrhaftig auch noch einmal ein schlechtes Ende nehmen!

Wohl möglich, meinte gleichmütig der Graf, der sie wider seine Gewohnheit nach Belieben hatte sprechen lassen. Wenn Sie übrigens zufällig erfahren, ob Tremann heute oder erst in einigen Tagen abreist, so sagen Sie es mir. Die Sache kümmert mich freilich nicht, ich möchte jedoch um Herrn von Castigni's willen wissen, ob man ihn in dem haus geflissentlich hintergeht, wozu man denn doch Gründe haben müsste, die für jenen bedenklich sein könnten.

Sie sagte, dies zu erfahren, werde ihr ein Leichtes sein, und obschon der Graf ihr wiederholte, dass es damit keine Eile habe, hatte er sich kaum entfernt, als die Kriegsrätin schnell ihre nötigsten Geschäfte besorgte und sich zum Ausgehen ankleidete. Wesshalb dem Grafen so viel daran gelegen war, den Reisetag des jungen Kaufmannes genau zu wissen, das konnte sie sich nicht erklären. Nur, dass es auf keinen Liebesdienst für Seba oder ihren Vater damit abgesehen sei, davon durfte sie sich überzeugt halten, und das genügte ihr. Was kümmerte es sie im grund auch, ob der Kriegsrat von jenen und von Paul unterstützt wurde oder nicht! Sie hatte für sich zu sorgen, sich dem Grafen gefällig zu beweisen. Mochte der Kriegsrat sehen, wie er fertig wurde.

Jeder für sich und Gott für uns Alle! sagte sie, als sie ihren Weg antrat, und sie hatte dabei das Bewusstsein, dass sie weltklug und erfahren sei, das Leben mutig nähme, wie es sich ihr biete, und sich mit Ergebung in das Unerwartete und Notwendige zu schicken wisse.

Sechszehntes Capitel

An demselben Tage, an welchem die preussischen Truppen ihren Marsch nach Russland angetreten hatten, versammelte sich in den prächtigen Sälen eines der preussischen Armee-Lieferanten, der in den letzten Jahren ein grosses Vermögen erworben