1864_Lewald_163_281.txt

ihrem Schmerze, im Augenblicke der Trennung, als könne sie sich nicht genug tun mit ihrem Leiden und mit ihren Tränen, eine ihrer langen, blonden Locken abschnitt, damit er sie zu ihrem Gedenken auf dem Herzen trage, presste er die Geliebte noch einmal mit stolzer, seliger Freude an seine Brust und verliess sie und das Haus ihrer Mutter und die Stadt, in dem Gefühle, dass so viel Liebe von Gott gesegnet und unvergänglich, ewig sein müsse.

Er hatte zu lange bei der Braut verweilt, um seinen Onkel, den Grafen Gerhard, noch aufzusuchen, er fühlte sich auch nicht dazu geneigt; denn er hatte nur einen einzigen Gedanken, und diesen zu verschweigen wäre ihm eben so schwer geworden, als ihn vor seinem Oheim auszusprechen. Er hätte eben so gern die geweihte Hostie, den heiligen Leib des Herrn von unreinen Händen berührt gesehen. Dazu hatte die Gräfin verlangt, dass Hildegard und Renatus ihre Liebe geheim halten sollten, bis sie sich der Einwilligung des Freiherrn sicher wüssten, und des Jünglings reine Seele fand einen keuschen Genuss in seinem stillen, innerlichen Liebesglücke.

Als er mit seinem Regimente an dem Flies'schen haus vorüberkam, blickte er aus Gewohnheit hinauf, aber es war Niemand von der Familie an den Fenstern sichtbar; nur Herr von Castigni winkte ihm seinen Gruss zu.

Mein Billet ist verstanden worden, sagte sich Renatus mit Zufriedenheit; gleich darauf kam es ihm jedoch in das Gedächtniss, dass Seba neulich ausgesprochen, sie denke es nicht mit anzusehen, wie die Kinder des Vaterlandes von einem fremden Tyrannen für eine ungerechte Sache an das Messer geliefert würden. Er hätte das gern vergessen mögen, aber es fiel ihm immer wieder ein; noch vor dem haus, in welchem sein Oheim wohnte, dachte er daran.

Es war lebhaft in der Strasse, obschon Truppenmärsche seit Jahren eine alltägliche Sache geworden waren. Freunde und Verwandte der Ausmarschirenden, Müssige und Neugierige standen zu beiden Seiten des Weges, den das Regiment zu machen hatte. Die Kriegsrätin, die noch immer ihre Freude an schönen Uniformen und an schönen Männern hatte, sass seit dem frühen Morgen, wohl frisirt und sorgfältig geschminkt, am Fenster. Sie hatte, um sich in dem vorderen Eckzimmer aufhalten zu können, den Grafen gefragt, ob sie nicht aufpassen und ihn benachrichtigen solle, wenn das Regiment des jungen Herrn Baron vorüberkomme; und obschon es noch früh im Jahre und nicht eben warm war, öffnete sie die Fensterflügel und legte sich weit hinaus, als das Schmettern der Trompeten sich vernehmen liess und die stolzen Reihen der Garde-Dragoner sichtbar wurden.

Auf den Ruf seiner Haushälterin trat Graf Gerhard gleichfalls an das Fenster, aber es hätte ihres Rufes nicht bedurft. Er kannte sie, diese Trompeten, er kannte ihren Klang und dieses Regiment. Sein Grossvater hatte es in der Schlacht von Hohenfriedberg geführt, in der es zur Entscheidung des Sieges beigetragen, sein Vater hatte darin gedient und auch der Graf selber hatte zuerst bei demselben gestanden. Es lebten ihm zahlreiche Kameraden und Genossen froher Stunden in seinen Reihen.

Die Kriegsrätin kannte auch von früher her verschiedene der Herren Offiziere, und winkte, wie man das in gar vielen Häusern tat, den Scheidenden ihre Abschiedsgrüsse zu; indess man musste es nicht gewahren oder es nicht beachten wollen. Die Blicke, welche das Fenster streiften, an welchem jene Beiden standen, glitten schnell über sie hinweg, ihr Gruss ward nicht erwiedert.

Ob Graf Gerhard das bemerkte? Die Kriegsrätin hätte das nicht sagen können. Er stand hoch aufgerichtet da, die arme über die Brust gekreuzt, wie es durch Napoleon's Gewohnheit zur Mode geworden war, und sah anscheinend gleichmütig auf die Vorüberziehenden hinab. Aber mit ihnen zog die ganze, würdige Vergangenheit seiner Väter an ihm vorüber, seine Stirn verdüsterte sich, es zuckte ein paar Mal unheimlich in seinen Mienen und um seine Lippen; indess er sprach kein Wort, und Escadron nach Escadron ritten sie vorbei, und immer noch drangen die bekannten Klänge wie vorwurfsvolle fragen an sein Ohr.

Der Hohenfriedberger Marsch! sagte er endlich unwillkürlich und das Blut wich aus seinen Wangen; es fasste kalt nach seinem Herzen. So elend hatte er sich nie gefühlt, auch nicht in jener Stunde, als er gedemütigt vor den Augen seiner Mutter zusammengebrochen war. Sein Gewissen war wider ihn aufgestanden. Er sah sich in dem Spiegelbilde, welches sein innerstes Bewusstsein ihm ohne Erbarmen vorhielt, er schämte sich vor sich selbst. In bitterem Grimme trat er in das Zimmer zurück.

Der junge Herr Baron! rief die Kriegsrätin und nötigte den Grafen damit, wieder an das Fenster zu kommen. Renatus neigte zum Zeichen des Abschiedsgrusses seinen Säbel vor dem Onkel, und noch einmal sagte sich dieser: Und dazu blasen sie den Marsch von Hohenfriedberg! Unwillkürlich fragte er sich, was seine Schwester Angelika empfinden würde, sähe sie den Sohn beim Klange dieser Musik unter französischer Aegide in das Feld ziehen; aber der heitere blick, der lächelnde Mund und die vollendete Anmut, mit denen er des Neffen Gruss erwiderte, liessen nicht erraten, was eben erst in der Seele des Grafen vorgegangen war, und sich von seinem Gewissen mehr als einen Augenblick beunruhigen oder sich mehr als flüchtig von seiner Erinnerung rühren zu lassen, war er nicht gewohnt! Im Gegenteil: der Zorn, den er gegen sich selbst gefühlt hatte, wendete sich gegen diejenige, welche er sich gewöhnt hatte, als die Ursache und Urheberin seines Abfalls von sich