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das die Gräfin als Braut darstellte, hing darunter. Hildegard nahm es von der Wand und befestigte die Silhouette an der Stelle.

Ihm musst Du weichen, Mutter, das ist jetzt sein Platz! rief sie, indem sie die Gräfin umarmte, und sich zu Renatus wendend, sagte sie mit einer Erhebung, die ihr sehr wohl anstand: Denke hierher, Geliebter! Hier wird meine Seele für Dich beten, hier werde ich auf meinen Knieen liegen früh und spät und Gottes Schutz und Segen herniederflehen auf Dein geliebtes Haupt, und hierihre stimme ging in Tränen unterwird mein letzter Seufzer Dir gehören, wenn Gott es anders über Dich und mich beschlossen hat!

Die Verlobten sanken sich tief erschüttert in die arme, die Gräfin und Cäcilie waren nicht weniger gerührt, sie umarmten den Jüngling gleichfalls, und die schlanke Cäcilie konnte sich in ihren Tränen kaum von seinem Halse trennen. Er musste sie endlich mit sanfter Gewalt von sich entfernen, sie war des Schmerzes noch ganz ungewohnt.

Als ein verwandelter Mensch kehrte Renatus in seine wohnung zurück. Wie verdiene ich dieses Glück, wie verdiene ich ihre Liebe? fragte er sichich, der ich mich so schwer gegen dieses reine, seltene Herz versündigt habe?

Hildegard's Frömmigkeit wirkte in ihm nach. Er betete ernster, inbrünstiger, als seit langer Zeit, und mit voller überzeugung wiederholte er sich alle die Gelöbnisse, die er sich getan hatte, und fügte den Schwur hinzu, dass Hildegard's Glück ihm heilig wie seine Ehre, und seine Ehe mit ihr ein Musterbild adeliger Würdigkeit und Sitte werden solle.

Fünfzehntes Capitel

Es waren ein paar schmerzlich schöne Stunden, die Renatus am Morgen noch mit seiner Braut verlebte. Die Aufregung des vorigen Abends hatte einer milden, weichen Stimmung Platz gemacht. Hand in Hand bei einander sitzend, besprachen die Liebenden in dem Beisein der Gräfin ihre Plane und Aussichten für die nächste Zeit und für die Zukunft, und man suchte es darüber wenigstens für diesen Augenblick zu vergessen, dass Renatus scheiden musste und welchen Gefahren er entgegenging. Er gab der Braut Anweisungen darüber, wie sie ihm ihre Briefe durch Vermittlung der Behörden zuzusenden habe, verhiess ihr, zu schreiben, so oft sich ihm die gelegenheit dazu bieten würde, und als der Zeiger der Uhr sich der Trennungsstunde nahte, als man noch eilig alles zu sagen, zu fragen, zu hören und zu besprechen strebte, was man für einander auf dem Herzen hatte, als Jedem immer noch etwas einfiel, was er vergessen zu haben meinte, und Allen der Trennungsschmerz schon die Brust belastete, dass die Stimmen weich wurden und die Augen sich mit feuchtem Schimmer füllten, sagte Renatus, dass er noch eine Bitte an die Gräfin habe, mit deren Gewährung sie ihm eine Beruhigung bereiten könne. Er wünsche, dass Hildegard das Flies'sche Haus nicht mehr besuche und dass ihr Verkehr mit Davide ein Ende haben möge.

Man hatte auf jedes andere Verlangen eher als auf diese Forderung gerechnet, und weil sie gar so auffällig erschien, begehrte die Gräfin, dass er erklären solle, worauf sie sich begründe. Er antwortete, es sei ihm nicht möglich, dies auseinander zu setzen, am wenigsten könne er das in den wenigen Minuten tun, die zu weilen ihm noch vergönnt sei; man möge aber zu seinem Herzen und zu seinem Ehrgefühle das Zutrauen haben, dass er eine solche Warnung gegen eine Familie und gegen Personen, deren Gastfreundschaft er selbst angenommen und die seine Mutter ihrer Teilnahme wert geachtet habe, nicht auszusprechen wagen würde, wenn ihn nicht die entschiedensten Gründe dazu nötigten.

Die Gräfin war sehr geneigt, ihm in allen seinen Wünschen zu willfahren, denn sie hatte ihn von jeher lieb gehabt und hatte Vertrauen in seine Rechtschaffenheit; dennoch machte sie Einwendungen, die auf ihrer persönlichen Kenntniss und ihrem persönlichen Wissen von Seba beruhten. Allein sie machte damit weder auf Renatus, noch auf ihre Tochter den gehofften Eindruck. Der Jüngling beschied sich zwar, auf die Entschliessungen der Gräfin keinen Einfluss zu üben, aber von seiner Braut meinte er Nachgiebigkeit und Gehorsam gegen seine Ansichten fordern zu dürfen, und Hildegard war mit der unheilvollen Ausschliesslichkeit der Liebe augenblicklich bereit, ihm zu gehorchen.

Du und ich, ich und Du, rief sie, das ist fortan unsere Welt! Was kümmern uns die Andern! Kehrst Du mir wieder, so brauche ich Niemanden sonst, und ohne Dichwerde ich überhaupt nichts mehr bedürfen!

Die Aeusserung erschreckte und verletzte die Gräfin. Sie erinnerte die Tochter daran, dass Renatus mit solcher Ausschliesslichkeit schwerlich einverstanden sein werde, da er grosse Zärtlichkeit für seinen Vater, für Vittoria und für seinen kleinen Bruder hege; aber Hildegard's Seele hatte immer nur für eine Empfindung, ihr Geist immer nur für einen Gedanken Raum, und sie hatte in jenen Worten, mit denen sie ihre Liebe auszudrücken wünschte, ihren Zustand völlig richtig bezeichnet. Sie zog daher von jener Mahnung auch keinen Schluss auf die berechtigten Ansprüche der Mutterliebe, sie schien eben so vergessen zu haben, dass sie bisher in ihrer Verehrung vor Seba, in ihrer Zuneigung und in ihrem Umgange mit Davide eine Genugtuung gefunden hatte. Renatus aber war zu jung und viel zu unerfahren, um nicht durch den Gehorsam seiner Verlobten sehr befriedigt zu werden, um in ihrer hingebenden Willfährigkeit neben ihrer Liebe auch die ganze, rücksichtslose Härte einer beschränkten und engherzigen natur vorahnend zu erkennen und zu schauen, und als sie, überwältigt von