1864_Lewald_163_279.txt

Brautdenn das war Hildegard ihm jetztim Beisein ihrer Mutter fester und inniger zu umarmen, als je zuvor, und die Phantasie des Mädchens war der seinigen seit langer Zeit vorausgeeilt, denn Mädchen reifen immer schneller als der Jüngling. In dem Bestreben, ihrer Mutter zu erklären, dass sie nicht anders habe handeln können und dass sie ihrem Herzen habe folgen müssen, erzählte Hildegard mit frohem, liebevollem Rückerinnern, wie Alles sich in den letzten Monaten zwischen ihr und dem Geliebten begeben habe, und Renatus' eigenes Herz wurde davon erweicht und entflammt. Er fragte sich, wie er das alles habe vergessen können, er sagte sich daneben, dass ein Edelmann, der mit einer Dame seines Standes so weit gegangen sei, sich auch ohne eine bestimmte Erklärung an sie gebunden habe, und es fiel ihm nicht ein, dass er mit diesem blossen Gedanken seine Verlobung als eine nicht frei gewollte Tat anerkannte, dass er es stillschweigend beklagte, seine Freiheit verloren zu haben. Er hatte auch zu solchen Ueberlegungen die äussere Ruhe nicht.

Die Gräfin sprach es ihm mit ihrer sanften Würde offen aus, dass seine Liebe für Hildegard ihr kein geheimnis gewesen sei und ihr den liebsten Wunsch ihres Herzens erfülle, dass sie aber fürchte, der Freiherr werde anderer Ansicht sein und eine mittellose Schwiegertochter nicht willkommen heissen. Sie klagte sich an, in ihrer Rührung voreilig ein Bündniss gesegnet zu haben, für welches Renatus die Zustimmung seines Vaters noch fehle; sie hielt ihm seine Jugend, die Gefahren des bevorstehenden Krieges vor, sie ersparte ihm keines der Bedenken, die er sich selbst entgegengehalten hatteund ohne dass sie es wollte oder auch an eine solche Möglichkeit dachte, half sie ihm damit, sich in seiner neuen Lage festzusetzen.

Die notwendigkeit, die Gräfin zu überreden, zwang ihn, nach Gründen zu suchen, welche sie widerlegen konnten und welche also auch seine früher gehegten Besorgnisse widerlegten. Der Hinweis auf seine Jugend, auf seine Abhängigkeit von seinem Vater regte sein männliches Selbstgefühl auf, und da er wenig gewohnt war, auf Widerstand zu stossen, trieb ein solcher ihn nur an, es darzutun, wie er ihn zu besiegen wisse. Die berechnetste Absichtlichkeit hätte für Hildegard's Wünsche und gegen die früher gefassten Vorsätze des jungen Freiherrn nicht wirksamer eintreten können, als die edle Gewissenhaftigkeit der Gräfin.

Kein Mann mag vor den Augen eines Weibes, das ihm nur irgend eine Art von Teilnahme eingeflösst hat, als ein Abhängiger, ein Unfreier erscheinen, am wenigsten konnte Renatus dies ertragen. Er sagte, dass er die Hoffnung hege, von seinem Vater die Wahl gebilligt zu sehen, welche sein Herz getroffen habe, aber er beteuerte zugleich, dass er Mannes genug sei, auch wider seines Vaters Willen sein Recht auf freie Selbstbestimmung zu behaupten. Hildegard's strahlendes Antlitz, ihr fester Händedruck, die Bewunderung, mit welcher die liebliche Cäcilie auf den Geliebten ihrer Schwester blickte, der sanfte Beifall, den er in der Mutter Augen las, steigerten seine Selbstgewissheit wie sein Feuer. Er versicherte, dass er nicht von dieser Stelle scheiden werde, ohne die feste Zusage von Hildegard's Hand erhalten zu haben. Er ging so weit, ihr und der Mutter zu bekennen, wie er sich alle jene Einwendungen selbst gemacht habe, wie er Willens gewesen sei zu schweigen, und ohne das beseligende Bewusstsein, dass die Geliebte für ihn bete und ihm mit ihrem geist nahe sei, in den Kampf zu ziehen, und wie unmöglich er das gefunden habe, als er Hildegard ins Auge geschaut, als ihr süsser Mund von ihm Vergebung gefordert habe, wo er, er ganz allein der Schuldige, ihrer Verzeihung bedürftig gewesen sei.

Er lag dabei vor ihr auf den Knieen, er hatte sich von Allem überredet, was er sagte, Hildegard's hände hoben sein blondes Haupt empor, er blickte trunken und beseligt in ihr Antlitz. Es war ihm völlig entschwunden, dass er sie am Morgen unschön gefunden hatte. Er nannte sie seinen Engel, seine schöne, blonde Heilige, und sie sah auch schön aus in ihrem Glückke. Wie hätte die Mutter ihren Kindern diese erste Seligkeit des Zueinandergehörens trüben oder stören mögen, wie hätte sie nicht mit ihren Kindern hoffen sollen, dass Alles sich zum Guten wenden werde!

Es war weit über die gewohnte Stunde, als sie den Jüngling daran erinnerte, dass es Zeit zum Aufbruch sei, dass er Hildegard verlassen müsse.

Auf morgen! sagte er, als er die Braut umarmte.

Aber dann, aber dann! rief sie in Vorahnung der langen, schweren Trennung, die ihnen drohte. Auch ihm krampfte es das Herz zusammen. Er küsste sie wieder und wieder, er trank die Tränen von ihren Augen, und jetzt dachte er wieder an die für Hildegard bestimmte Silhouette. Die Zweifel, die ganze Stimmung, mit welcher er das Portrait am Abende in Händen gehalten und betrachtet hatte, waren wie aus seiner Erinnerung weggelöscht. Der glückliche Augenblick verscheuchte und verhüllte, wie ein mächtiger Zauber, alles, was seiner herrschaft in der Vergangenheit und in der Zukunft im Wege stand.

Hildegard drückte das Bild an ihre Lippen, dann rief sie, dass man ihr folgen, dass man ihr leuchten solle, und schnellen Schrittes eilte sie den Andern voran in ihr Schlafgemach.

Renatus hatte den stillen Raum nie zuvor betreten. über dem keuschen, weissen Lager der Geliebten hing das Crucifix und das Weihwasserbecken, ein kleines Bild,