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beschieden war, hatte er damals noch nicht gekannt, und Ehre und Ruhm, wie sie ihm begeisternd vor der Seele schwebtenwo sollte er sie erringen? In dem Kriege, zu welchem das Volk, das Heer des grossen Friedrich jetzt unter dem Adler seines Unterdrückers auszog, waren sie für einen preussischen Edelmann nicht zu suchen und zu finden.

Er hielt inne, als er in seinen Gedanken auf diesen Punkt gekommen war; denn das, eben das, hatte ja Tremann gestern ausgesprochen. Es war nicht anders, Tremann hatte Recht gehabt, und mit allen seinen Vorsätzen und Entschlüssen kam Renatus nicht über die Schranke hinaus, in welche er durch seine Verhältnisse gebannt war: die gesetz der Standesehre zwangen ihn, wider seine Neigung, ja, gegen seine überzeugung zu handeln.

Wohin er sich auch wendete, nirgends hatte er einen klaren, freien Ausblick, nirgends sah er einen leichten Weg für sich offen, und doch war er durch seine Geburt auf die Höhen des Lebens gestellt und über die grosse Menge hinausgehoben! – Er wusste sich nicht zu helfen in seiner stolzen Verzagteit, und weil ihm Alles nur schwerer und trüber erschien, je länger er darüber nachsann, fasste er sich endlich gewaltsam zusammen, um das Nötigste abzutun und sich wenigstens nach der einen Seite Luft und Freiheit zu verschaffen.

Renatus hatte von seinem haus bis zu der wohnung der Gräfin ziemlich weit zu gehen und also hinlängliche Musse, sich zu überlegen und zu wiederholen, wie er sein Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen versuchen solle. Weil er die regelmässigen Gewohnheiten seiner Freunde kannte, fiel es ihm leicht, sich die Lage, in welcher er sie antreffen werde, vorzustellen, sich den gang auszumalen, den das Gespräch wohl nehmen würde, und sich danach die Form zurechtzulegen, in welcher er von der Unterhaltung über seine äusseren Angelegenheiten auf seine Empfindungen und innerlichen Erlebnisse überleiten könne, und er hatte eine gewisse Fassung und Haltung gewonnen, noch ehe er vor der tür der Gräfin anlangte.

Er sah zu ihren Fenstern hinauf, das Licht schimmerte durch die Vorhänge, die beiden grossen Myrtenstöcke warfen ihren Schatten gegen dieselben. Die Gräfin hatte diese beiden Myrten bei der Geburt ihrer Töchter, nach der Sitte ihres Hauses, selbst gepflanzt; es waren unter ihrer sorglichen Hand zwei schöne Stöcke geworden, sie sollten einst die Kränze für ihre Töchter liefern. Renatus hatte vor Hildegard's Myrte manch lieblichen Traum geträumt; jetzt fiel ihm bei dem Anblicke das Non più andrai far fallone amoroso! ein, das Herr von Castigni ihm vor wenig Stunden zugerufen hatte. Die Zeit der Liebeständelei, die Zeit der Jugend waren für ihn vorüber!

Oben angelangt, dünkte es ihn, als müsse er lange warten, bis das Mädchen ihn angemeldet hatte und ihm die tür zum Eintritte öffnete. Es war in den Zimmern Alles wie sonst. Die Gräfin sass ruhig wie immer auf ihrem gewohnten platz, Cäcilie am unteren, Hildegard am oberen Ende des Tisches. Er hätte sich nicht gewundert, hätte er sich selber zwischen den beiden Schwestern an der freien Seite, der Gräfin gegenüber, sitzen sehen. Das sollte nun ein Ende haben.

Das Herz wurde ihm schwer und fing ihm stark zu klopfen an, als er den Frauen den guten Abend bot, denn ihre Traurigkeit war unverkennbar. Er sagte sich, dass er Mut für sie alle werde haben müssen und dass es nötig sei, sich nicht erweichen zu lassen. Mit festem Schritte und noch festeren Vorsätzen ging er zu der Gräfin, ihr, wie immer, die Hand zu küssen, dann reichte er Cäcilien die Hand und wollte sich eben der älteren Schwester in gleicher Absicht nähern, als diese sich schnell erhob, ihm beide hände entgegenreichte und mit warmer Empfindung die Worte hervorstiess: Vergib mirach, vergib mir!

Dass Hildegard ihn in Gegenwart der Mutter, ohne all sein Zutun, um Vergebung bitten könne, darauf allein hatte er nicht gerechnet. Es erschreckte ihn also, wie es ihn rührte, und weil es ihn unvorbereitet traf, wusste er nicht gleich das rechte, mit seinen Absichten vereinbare Wort zu finden.

Liebe Hildegard, sagte er; aber sein zögernder Ton bestärkte sie in dem Glauben, dass er ihr noch zürne, und ihres Schmerzes bei dem Gedanken an die bevorstehende Trennung nicht länger Meister, hingerissen von ihrer Liebe, warf sie sich mit erhobenen Armen um seinen Hals und klagte: Ich sterbe, Renatus, wenn Du im Zorne von mir gehst!

Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, er fühlte das Schlagen ihres Herzens an dem seinigen, er hielt sie umfangen, er erwiderte ihre Küsse, er knieete mit ihr zu den Füssen ihrer Mutter, die sie unter Tränen segnete.

Er hatte das so oft geträumt, dass es ihm auch jetzt war, als träumte er es wieder; nur dass er im Schlafe sehr natürlich gefunden hatte, was ihm jetzt fast unglaublich däuchte, und dass statt der unklaren Furcht vor dem Erwachen, die ihn sonst in seinem Glücke gestört hatte, jetzt wie ein kühler, unheimlicher Schatten das Bewusstsein über ihm lag, dass kein Erwachen das Geschehene ungeschehen machen werde. Seine Gefühle und Gedanken trieben in einem solchen Wirbel durcheinander, dass er keinen von ihnen festzuhalten wusste und allmählich von ihnen fortgerissen wurde. Hildegard's überwältigende, alle mädchenhafte Scheu besiegende Liebe schmeichelte seiner Eitelkeit, ihre Zärtlichkeit entflammte, aufgeregt, wie er es ohnehin war, seine Sinne. Er hielt sich berechtigt, seine