war ziemlich spät, als der heimkehrende Diener ihm ein Briefchen der Gräfin einhändigte, in welchem diese die Erwartung aussprach, dass sie ihn heute noch sehen werde, da sein letzter Abend in Berlin, falls er nicht mit jüngeren Genossen eine Verabredung getroffen habe, notwendig seinen ältesten Freunden zugehören müsse.
Er sah aus den wenigen Zeilen, dass Hildegard der Mutter ihren heutigen Streit mit ihm verschwiegen hatte, denn die Gräfin würde desselben sonst in einer oder der anderen Weise erwähnt oder unter den obwaltenden Umständen es vielleicht vermieden haben, den Jüngling, der ihr Haus im Missmute verlassen hatte, zur Wiederkehr aufzufordern. Renatus fand sich dadurch aber in Verlegenheit gesetzt, und da er nun begonnen hatte, sein Tun und Handeln, wie er es nannte, einem strengen Urteile zu unterwerfen, dünkte ihn sein ganzes Verhalten gegen seine mütterliche Freundin, gegen die Gräfin Rhoden, die ihm zutrauensvoll den freiesten Verkehr mit ihren Töchtern gestattet hatte, noch weniger tadellos, als sein Betragen gegen Hildegard.
Beiden war er eine Erklärung schuldig, aber um sie zu machen, bedurfte er einer genauen Prüfung seines Herzens, und er war nicht ruhig genug, eine solche anzustellen. Die fragen seines Dieners, die mancherlei Anordnungen, welche er zu treffen hatte, unterbrachen und zerstreuten ihn, wenn er sich zu sammeln strebte, nur dass er vor sehr ernsten Entscheidungen stehe, fühlte er deutlich und immerfort.
Es war kein Tanz, zu dem er morgen auszog! Seit die geschichte die Taten der Menschen aufgezeichnet hatte, war kein so gewaltiger Heereszug unternommen worden. Die ungeheuren Vorbereitungen, welche Napoleon getroffen hatte, liessen auf die Schwierigkeiten und auf den furchtbaren Widerstand schliessen, den er selbst erwartete. Glänzende Erfolge waren für den Teilnehmer an diesem Kriege eben so möglich als das grösste Unheil und Elend. Renatus konnte ruhmgekrönt, er konnte siech und verstümmelt wiederkehren: der Abschied, den er heute von dem Mädchen nahm, das er seit einiger Zeit als seine Geliebte und künftige Gattin im Herzen getragen hatte, konnte ein ewiger sein. Aber eben das machte ihn nur bedenklicher, Versprechungen zu leisten oder zu begehren, und dazwischen wunderte er sich, dass die Aussicht, von Hildegard zu scheiden, ihn nicht mehr erschüttere, dass er weit weniger an sie, als an die bevorstehenden wechselnden Ereignisse und Abenteuer seines Kriegerlebens denke, dass ihn die Hoffnung, Vittoria wahrscheinlich wiederzusehen, weit lebhafter beschäftigte, als die notwendigkeit, sich von Hildegard zu trennen.
Er nahm ein Etui heraus, in welchem sich eine Silhouette von ihm befand, die er, in Erwartung des Feldzuges, für die Gräfin Rhoden zum Andenken hatte machen lassen. Später, als er seine Wünsche auf Hildegard gerichtet, hatte er dieser das kleine Bildniss bestimmt, und jetzt war er unsicher, ob er es überhaupt einer der Frauen anbieten dürfe und solle. Von jener leidenschaft, welche die Dichter besingen, von jener überwältigenden Liebe, deren Feuer die Jugend so durchglüht und umleuchtet, dass ein ganzes Leben davon bis in seine fernsten Tage erwärmt und verschönt wird, fühlte er nichts in sich. Von dem unwiderstehlichen zug, von dem naturgewaltigen Müssen, die zwei Menschen zwingen, sich einander zu eigen zu geben, empfand er keine Spur. Er liebte Hildegard also nicht eigentlich, er hatte sich über seine Empfindung für sie getäuscht, hatte die Freundschaft, das Wohlgefallen, mit denen er an ihr hing, für ein wärmeres Gefühl gehalten, und wie peinlich diese erkenntnis und die aus ihr folgenden Schritte für ihn in diesem Augenblicke auch sein mochten, durfte er es doch immer als ein Glück bezeichnen, dass er seines falschen Wahnes rechtzeitig inne geworden und vor dem Loose bewahrt worden war, sich im Herzensirrtume unwiderruflich an ein Mädchen zu binden, dem er keine wahre Liebe entgegenbrachte und mit dem er also eben so wenig glücklich werden, als er es mit seiner unvollständigen Liebe glücklich machen konnte. Er hatte Erinnerung genug an seine Kindheit, um eine unglückliche Ehe sehr zu fürchten, aber eben so schreckte er vor der notwendigkeit zurück, Hildegard seinen Selbstbetrug einzugestehen und von ihr wie von ihrer Mutter seine Vergebung zu fordern.
Alle seine Geschäfte waren abgetan, er stand allein in dem jetzt leer aussehenden Zimmer und blickte zerstreut auf die Strasse hinaus. Von Minute zu Minute verschob er es, sich zu entschliessen. Es war dunkel, der Wind hatte sich gelegt, Renatus fand keinen festen Anhaltspunkt für seine Vorstellungen.
Wie manchen Marsch in dunkler Nacht, wie manchen dunkeln Weg werde ich zu gehen haben, und wer weiss, auf welcher dunkeln Strasse mir mein Todesloos geworfen wird! sagte er mit einem Male zu sich selbst, und es ergriff ihn, dass ihm eben eine solche idee gekommen war. Sollte das eine Ahnung sein?
Er wurde immer trauriger. Er konnte es sich nicht verhehlen, seiner Kindheit, seinem ganzen Dasein hatte der rechte, heitere Glanz gefehlt, und wie er in dem Lebensherbste seines Vaters geboren worden, war jetzt auch der Stern seines Hauses über die Mittagshöhe hinaus und nicht mehr im Steigen. Von früh auf hatte man ihn auf den Wahlspruch seines Wappens, auf das "Fortis in adversis" verwiesen, das er noch vorhin mit so viel Selbstbefriedigung betrachtet. Er hatte die Worte auch oft im mund geführt, aber er hatte dabei immer an grosse, plötzliche Unglücksfälle gedacht, denen gegenüber man sich mit entschlossener Tat schnell und mutig zu bewähren hätte. Die Widerwärtigkeiten, die inneren Hindernisse und Zweifel, mit denen zu kämpfen ihm