1864_Lewald_163_276.txt

sich so ernst und in sich gefestet empfunden, als heute; aber es war die Weihe jener Momente, welche in ihm nachwirkte und ihn sich selbst versprechen liess, was er denjenigen gelobt hatte, die er freilich jetzt nicht mehr als seine Vorbilder zu betrachten vermochte. Er beklagte seine Mutter, er bedauerte die Charakterschwäche seines Vaters, er pries sich glücklich, den Caplan zum Lehrer und Führer gehabt zu haben, er segnete die einsame, sittenstrenge Erziehung, die ihm zu teil geworden und die er noch wenig Stunden vorher als ein Unglück anzusehen geneigt gewesen war, und es fiel ihm gar nicht ein, wie schnell eben im Laufe des letzten Tages seine Empfindungen und Gedanken sich gewandelt und mit einander gewechselt hatten. Er hielt eben noch immer jede seiner Stimmungen für die Folge einer neu gewonnenen erkenntnis und jede solche erkenntnis für die einzig richtige und abschliessende; das ist eine Eigenschaft der Jugend, welche beschränkten Geistern aber lebenslang eigen bleibt und es ihnen möglich macht, alle ihre Irrtümer im besten Glauben an die Unumstösslichkeit ihres Rechtes zu begehen.

Der Freiherr hatte, im geist der Zeit, welcher er angehörte, sich selbst genügen, und von dem Momente ab, in welchem er die Rechte seines Standes angefochten sah, sich in diesen Rechten, in seinem Ansehen und in seiner äussern Würdigkeit behaupten wollen. Das erkannte und begriff der Sohn, aber seine Erziehung hatte ihm, wie er meinte, ein höheres, ein idealeres Ziel vor Augen gehalten, und nie hatte ihm dies heller entgegen geleuchtet, als eben jetzt. Nicht allein um die äussere Würdigkeit war es ihm zu tun; er wollte in seiner person, in seiner Handlungsweise es bestätigen, dass der Edelmann in sich den Begriff der Ehre reiner bewahre und darstelle, als die anderen Stände, dass er eine edlere Kaste sei, welche eben desshalb sich einer strengen Ausschliesslichkeit befleissigen müsse. Das hatte, wie Renatus meinte, sein Vater ausser Acht gelassen, das hatte auch seine Mutter nicht genug beherzigt, und eben desshalb hatte auch er jetzt auf dem Punkte gestanden, in unpassenden Verbindungen zu unangemessenen Handlungen verleitet zu werden. Ein Schreckbild war ihm in der Gestalt des Grafen zur rechten Stunde entgegen getreten. Er dankte seinem Schutzgeiste dafür, dass es einzulenken noch Zeit für ihn, noch nicht zu spät war, dass er sich noch vorwurfslos aus Umgebungen befreien konnte, in denen sein Name nicht an seinem platz gewesen wäre, in denen seine Seele hätte Schaden leiden können und, er wies den Ausdruck Anfangs von sich, aber er drängte sich ihm ihm immer wieder auf, in denen er in Gefahr gewesen war, sich zu erniedrigen.

Wie er sich auf den stolzen Schwingen seiner guten Vorsätze über seine Eltern erhob, so sah er von seiner neu erklommenen Höhe auf alle seine bisherigen Verhältnisse herab, und wie fern er sich auch von der bürgerlichen Gesellschaft fortan zu halten entschlossen war, wollte er doch nicht, dass irgend Jemand sich über ihn zu beklagen oder ihn der Versäumniss einer gesellschaftlichen Form zu zeihen haben sollte. An ihm, an einem Freiherrn von Arten, sollte, so weit er es verhindern konnte, kein gerechter Vorwurf haften.

Er hatte bis zum nächsten Mittage noch vollauf Musse, alles, was ihm oblag, zu ordnen und abzutun. Er sendete seinen Burschen fort, einige Rechnungen zu bezahlen, verschiedene kleine Besorgungen zu machen; dann suchte er die Bücher zusammen, welche er im Laufe der Zeit von Seba entliehen hatte, packte sie sorgfältig ein und setzte sich nieder, ihr zu schreiben; indess er konnte die Form dafür nicht finden. Er wünschte sich einfach zu verabschieden, aber es kam ein vornehmer, feierlicher Ton in seine Worte, der ihm selbst fremd und dann auch kränkend für Seba erschien, bis er nach mehreren vergeblichen Versuchen, ein förmliches und doch freundliches Billet zu stand zu bringen, sich sagte, dass er ein Unrecht begehe, wenn er sich zu einer Vertraulichkeit zwinge, die er nicht mehr fühle, und dass es demjenigen, der sich zu einem Charakter zu erziehen wünsche, weil er die Kraft eines solchen in sich trage, wohl anstehe, auch in Kleinigkeiten den Mut seiner Meinung zu haben. Er las sein Schreiben mehrmals durch, es gefiel ihm allmählich immer besser, und als er das freiherrlich von Arten'sche Siegel mit seinem "Fortis in adversis" darauf drückte, hatte er eine Genugtuung, als ob er eine gute Tat vollbracht oder eine schwierige Arbeit beendet hätte.

Er liess die Koffer zuschnallen, die Kisten vernageln, in denen alles, was nicht zu seiner Feldausrüstung gehörte, in Berlin zurückbleiben sollte. Die Gräfin Rhoden hatte sich erboten, ihm diese Sachen aufzuheben. Es tat ihm leid, dass er sie, deren wohnung sehr eng war, damit beschweren musste, und er dachte an die grossen, weiten Räume, an die Fluren, Zimmer, Galerien und Remisen im Flies'schen haus, um dabei die Betrachtung anzustellen, wie gut sein Vater es in seiner Jugend gehabt habe, als dieses Haus noch in Tante Ester's Händen gewesen war, und um es zu beklagen, dass ein so schicklicher Besitz für seine Familie verloren gegangen sei. Er hatte das nie vergessen können, wenn er bei Seba gewesen war, und schon desshalb war es ihm lieb, mit den Eigentümern jenes Hauses künftighin nicht mehr in Verkehr zu bleiben.

Es dunkelte schon, als die bestellten Träger sich mit seinen Sachen auf den Weg machten, und es