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, den er sich zu Nutze zu machen beschloss. Dass er Seba nicht wiedersehen, das Flies'sche Haus nicht wieder betreten, die Gräfin Rhoden bestimmen müsse, mit Seba zu brechen, um Hildegard vor jeder Berührung mit derselben ein für alle Mal zu sichern, das verstand sich ganz von selbst. Er fühlte sich plötzlich berufen, die Zügel in die Hand zu nehmen und für Alle, die ihm nahe standen, einzutreten. War er doch der Freiherr von Arten, auf dessen Schultern die Verantwortung für die Ehre dieses Namens schon jetzt und in der Zukunft ruhte! Und er war jung genug, an die Dauer des Augenblickes zu glauben und mit der Kraft einer augenblicklichen Erhebung und Begeisterung, Vergangenheit und Zukunft umfassen und umgestalten zu wollen.

Er sann darüber nach, wie er, noch ehe er sich heute von seinem Onkel trennen würde, diesem die Entschlüsse kund geben könne, die er gefasst, wie er ihm, ohne ihn zu beleidigen, deutlich machen könne, dass sie beide auf einem völlig verschiedenen Standpunkte ständen, dass sein Versuch, sich den Anschauungen seines Onkels zu nähern, ein vergeblicher gewesen sei, und dass es also für sie in Zukunft geraten sein dürfte, einander zu vermeiden. Aber der Widerspruch zwischen den Erzählungen des Grafen und den Gedanken und Empfindungen, welche sie in Renatus erzeugten, fing diesen allmählich poetisch zu dünken an. Es reizte ihn, sich in solcher Weise geistig von seiner zufälligen Umgebung befreien, seine Seele bis zu religiösen Empfindungen erheben zu können, während er die nötigen Entgegnungen auf die ganz weltlichen Reden und fragen seines Onkels nicht schuldig blieb; und er war mitten in diesem poetischen Selbstgenusse, als die Meldung von der Ankunft des Herrn von Castigni ihn störte, der als ein vertrauter Freund des Hauses dem Diener auf dem fuss folgte.

Wichtige Nachrichten, ich bringe wichtige Nachrichten! rief er dem Grafen zu, während dieser den Franzosen nötigte, an der kleinen Tafel Platz zu nehmen, und der Diener ihm ein Glas hinsetzte. – Rüsten Sie Sich zum Aufbruche, mein Herr Baron! Non più andrai far fallone amoroso! wie viel Tränen es auch kosten mag, fügte er scherzend hinzu. Der Marschbefehl für die preussischen Truppen ist erteilt, und Mademoiselle Davide wird sich mit uns armen Civilisten genügen lassen müssen, bis die jungen Helden wiederkehren, um der Schönen ihre Lorbeeren auf's Neue zu Füssen zu legen.

Er durfte nach dieser Aeusserung eine eben so leichte Entgegnung erwarten und sah Renatus deshalb verwundert an, als derselbe mit einer gewissen Empfindlichkeit die Bemerkung machte, dass Mademoiselle Davide ihn weder Tränen kosten, noch Tränen um ihn weinen könne, da sie gar kein Interesse an einander nähmen. Dann erhob der Jüngling sich von der Tafel, wozu die Nachricht von der Marschordre ihm die erwünschte Veranlassung lieferte.

Der Graf, welcher es sich leicht gedacht hatte, Renatus für sich zu gewinnen und ihn zu einem Werkzeuge seiner Rache zu machen, ahnte, dass er sich darin betrogen habe, und war der Zerstreuteit seines Neffen ohnehin müde geworden. Er versuchte also nicht ihn zurückzuhalten. Das Gespräch bewegte sich noch eine kurze Zeit um die Tagesnachricht; Renatus sprach die Hoffnung aus, auf dem Marsche auch zu seinem Vater nach Richten kommen zu können, und der Graf gab ihm dann mit scherzenden guten Lehren das Geleit.

Als sie die tür des Nebenzimmers erreichten, so dass Castigni ihre Worte nicht mehr vernehmen konnte, sagte Renatus ernst und feierlich, indem er stehen blieb: Ich habe noch etwas auf dem Herzen, ehe ich scheide. Sie haben vorhin feindliche Gesinnungen gegen den Kaufmann Tremann ausgesprochen. Ich bitte Sie, Onkel, geben Sie dieser Abneigung, die ich übrigens mit Ihnen teile, keine Folge. Es dünkt mich unserer nicht würdig, uns mit diesem mann zu beschäftigen. Es ist nicht seine Schuld, dass er existirt, und Ehre ist für Unsereinen von seines Gleichen nicht zu holen. Ich für meinen teil bin fertig mit ihm und seinem ganzen Anhange, da der Feldzug es mir möglich macht, mich ohne aufsehen von Bekanntschaften zurückzuziehen, in die ich niemals geraten sein würde, hätte man sich früher die Mühe genommen, mich zur rechten Zeit über jene Personen aufzuklären. Ich danke Ihnen, dass Sie dieses heute getan haben. Meiner Verschwiegenheit sind Sie gewiss, und somit, Onkel, leben Sie wohl! Der Graf nahm die ernste Anrede leichtin auf, und Renatus eilte von dannen, zufrieden, dass er mit dieser Fürsprache für Tremann die ersten Schritte auf dem Wege getan hatte, von dem fortan nicht wieder zu weichen, er sich heute ein für alle Mal gelobt hatte.

Vierzehntes Capitel

Als Renatus seine wohnung betrat, fand er seinen Burschen bereits damit beschäftigt, die für den Feldzug bestimmten Effecten auszusondern und zu pakken. Renatus freute sich dessen, denn er sehnte sich, fortzukommen. Wie man die erhitzten, müden Glieder in eine frische, kühle Flut zu tauchen begehrt, so wünschte er die Erfahrungen der letzten vierundzwanzig Stunden in frischen, ermutigenden Erlebnissen zu vergessen, und mit wahrer sehnsucht richteten seine Gedanken sich in die Zukunft, in eine Zukunft, die er selber sich rein und schön und frei zu gestalten hoffte.

Nicht in der Todesstunde seiner Mutter, da sie ihn mit frommem Wunsche gesegnet, nicht an dem Tage, an welchem der Freiherr von ihm bei dem Abschiede aus dem Vaterhause das Gelöbniss gefordert hatte, dass er sich seines Namens und Hauses würdig machen wolle, hatte Renatus