sich aus dem Staube zu machen, zurückberufen und Dir als ein Bewerber um Davide in den Weg gestellt werden! Auf Deine Unerfahrenheit, auf Deines Vaters Lage ist dabei gebaut! Ich durchschaue den ganzen Plan, so weit und vorsichtig er auch angelegt ist; und wie wenig die Meinigen und Dein Vater dies von mir zu fordern haben, ich werde für sie, für Dich, für uns alle handeln! Die nötigen Schritte dazu sind bereits getan! Man weiss es, dass dieser Tremann unter falschem Namen hier ist, dass er nach allen Seiten Verbindungen hat, die ihn verdächtigen, sein Eintritt in die Geschäfte des alten Wucherers, des Flies, verdächtigt diesen ebenfalls! Man ist aufmerksam auf alles, was in dem haus vorgeht. Und da sie sich so geflissentlich in den Vordergrund drängen, da dieser Tremann sich uns so unberufen in den Weg stellt, fühle ich mich, wie ich Dir vorhin sagte, auch berufen, sie mit ihrem neuen Günstlinge sammt und sonders aus dem Wege zu schaffen und unschädlich zu machen! Dann ist Davide frei, und ....
Der Graf hielt plötzlich inne, denn der Diener öffnete einladend die tür des Nebenzimmers, in welchem die Mahlzeit den Grafen und seinen Gast erwartete. Als hätten sie bis dahin die heiterste Unterhaltung gepflogen, so leicht und freundlich bot der Oheim seinem Neffen den Arm; aber Renatus konnte sich nicht überwinden, sich auf ihn zu lehnen, er tat als bemerke er es nicht.
Zorn, Scham, Empörung und Niedergeschlagenheit wechselten ihre herrschaft in dem jungen mann ab und liessen ihn zu keinem festen Gedanken, zu keinen klaren Vorstellungen kommen. Er kannte mit einem Male die Welt nicht wieder, in der er lebte. Sie starrte ihm unheimlich entgegen wie eine liebe, heimisch vertraute Landschaft, welche man plötzlich durch grell gefärbte, entstellende Gläser betrachtet. Er wusste, dass die Mitteilungen, die ihm durch diesen Erzähler aufgedrungen wurden, keine zuverlässigen und keine reinen sein konnten, aber er vermochte nicht zu unterscheiden, was Wirklichkeit, was Täuschung, was unabsichtliche, was geflissentliche Entstellung sei, und nur die Ansicht setzte sich unabweislich in seiner Seele fest, dass sein Vater nicht wohlgetan habe, ihn mit der Flies'schen Familie in Berührung zu bringen und ihn dadurch mit Personen zusammen zu führen, deren Stand und Gewerbe sie zu vielerlei Nachgiebigkeiten und Lässlichkeiten nötigten und deren Sitten-, Rechts- und Ehrbegriffe also weit von denen eines Edelmannes abliegen mussten. Es kränkte ihn, dass diese Leute von seinen Familienverhältnissen in vieler Beziehung besser unterrichtet waren, als er selbst; er schämte sich bei dem Gedanken, dass er sich zu Seba so hingezogen gefühlt, dass er sie, die Entehrte, die sich seiner Familie aufdringen wollen, seine Freundin genannt habe, dass sie die Freundin seiner Mutter gewesen sei. Sein Name, seiner Eltern Ehe, sein Vaterhaus, Alles schien ihm wie von einem Gifte angehaucht zu sein, und während gestern die bürgerliche Freiheit seines Bastardbruders ihm ein unbestimmtes Verlangen nach Ungebundenheit eingeflösst hatte, während er noch am Vormittage ein Verlangen nach ungewöhnlichen und abenteuerlichen Erlebnissen in sich gehegt, sehnte er sich nun plötzlich in den Kreis jener reinen Empfindungen zurück, in welchen er bis dahin so friedlich und so unbeirrt geatmet und gelebt hatte.
Die Tagesereignisse, die Stadtneuigkeiten, die Erzählungen aus der Gesellschaft der französischen Hauptstadt, mit denen der Graf sich und ihn bei Tische unterhielt, fesselten die Teilnahme seines Neffen nicht. Die gewählten speisen, die feurigen und feinen Weine reizten des Jünglings Gaumen nicht. Er war schweigsam und ernstaft in sich versunken, denn das Bild, das er am Morgen als eine Albernheit verspottet hatte, das Bild des Herkules am Scheidewege, drängte sich ihm abermals und jetzt in einem anderen Lichte auf. Auch er stand auf der Grenze zwischen zwei Welten, an einem Scheidewege, auch er hatte eine Wahl zu treffen zwischen den Verlockungen des Lebens und den Ueberzeugungen und Ehrbegriffen, in denen er erzogen und erwachsen war und die für alle Zeit die Handlungen eines wahren Edelmannes leiten mussten. Und noch ehe man sich von dem verschwenderischen Mahle erhob, war seine Wahl getroffen.
Statt ihn zu verführen, hatte die Charakterlosigkeit des Grafen ihn zur Besinnung und zu sich selbst gebracht. Renatus bereute, was er seit gestern gedacht, getan; er war entschlossen, sich für immer von einem Kreise loszusagen, in welchem so niedrige Elemente sich verbergen konnten, und er hätte viel darum gegeben, hätte er auf den Lebensweg seines Vaters mit derselben Zufriedenheit zurückblicken können, wie auf denjenigen, den er bis gestern selbst zurückgelegt hatte. Es war nie ein unedler Gedanke in sein Herz gekommen und – er wollte seine Seele rein erhalten. Er war stolz auf seine Sittenreinheit wie auf seinen alten Adel; er wollte durch seinen Edelmut die Schwäche seines Vaters sühnen und vergessen machen, er wollte in sich das vollkommene Vorbild eines Edelmannes darstellen; und weil die Jugend ihr augenblickliches Wollen sich gern als eine Tat anrechnet, sah er bald mit einem mitleidigen Selbstgefühle, ja, endlich mit stolzer Verachtung auf seinen Oheim, auf den Mann herab, dessen Menschen- und Weltkenntniss ihm vor wenig Stunden noch beneidens- und bewundernswert erschienen waren.
Renatus' Haltung hob sich an seinen guten Vorsätzen, er gewann seine Fassung wieder. Er nannte es in seinem inneren gut und nützlich, die Nachtseiten des Lebens in solcher Weise kennen gelernt und einen blick in die verborgen gehaltenen Geheimnisse seiner Familie und seines Hauses getan zu haben