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das machte ihn mir nicht lieber, denn Seba war damals jung und schön, ehrgeizig und phantastisch, abenteuerlich und zärtlichund leichtgläubig, wie die Weiber alle.

Er hielt inne, lächelte und sagte dann, die Augen fest auf seinen jungen Gast gerichtet: Du hast vorhin mit einer erkenntnis, die ich Dir gar nicht zugetraut habe, die Fabel vom Herkules am Scheidewege eine Albernheit genannt. Die meisten dieser Myten sind Albernheiten: auch die Fabel vom Tantalus ist eine solche. Keine reife Frucht entzieht sich der durstenden Lippe, aber tausend reife Früchte welken, weil sich Niemand findet, der sie bricht. Es ist lächerlich, von verführten Weibern zu sprechen! Sie unterliegen immer nur der eigenen Begehrlichkeit, der eigenen Phantasie! Wie reife Früchte warten sie am Baume sehnsüchtig auf den Durst des vorübergehenden Wanderers, um bei der leisesten Berührung ihm in die Hand zu fallen. Nun, ich ging vorüber mit dem Durste der heissen Jugend, unddie schöne Seba fiel mir ohne all mein Zutun in die Hand!

Onkel! rief Renatus mit nicht zu verbergendem Widerwillen, weil seine Reinheit und Rechtschaffenheit vor solcher geflissentlich zur Schau getragenen Sittenlosigkeit zurückschreckten. Aber der Graf gehörte zu jenen Wüstlingen, die es belustigend finden, Andere erröten zu machen, wenn sie selber zu erröten verlernten, und als habe er den abwehrenden Ruf des jungen Mannes nicht vernommen, fuhr er gleichmütig zu erzählen fort.

Wir rückten an demselben Tage, an welchem Seba sich mir ergeben hatte, in das Feld. Ich erhielt einige Briefe, klagend, bittend, drohend und beschwörend, wie eine Jede sie schreibt. Ich beantwortete sie nicht. Jahre vergingen, ich glaubte die Schöne längst getröstet, wähnte das Abenteuer längst begraben und vergessen, aber ich hatte die eigensinnige Beharrlichkeit der Juden nicht in Anschlag gebracht, die, wie gesagt, jeden Zufall zu benutzen weiss und der kein Umweg zu weit ist, wenn er nur früher oder später zum Ziele zu führen verspricht. Mich zu rühren hatte Seba nicht vermocht, mich zu bestimmen hatten sie und die Ihrigen keine Möglichkeit, aber mich überlisten und durch Ueberraschung gewinnen zu können, hatten sie nicht aufgegeben. Sie wussten von unseren und von den Verhältnissen Deiner Eltern durch den Architekten, der Euch die Kirche baute, durch Euren Amtmann, dem Flies die Mittel an die Hand gab, sich die Verlegenheiten Deines Vaters zu Nutze zu machen, was sie zu wissen wünschten, und mehr als das. Arglistig stellte man Deiner armen, kranken Mutter den ihr verhassten Bastard gegenüber, und als die Aermste zusammenbrach, da war der Menschenliebe und der Dienstfertigkeit, der Rücksicht und der Hingebung für sie kein Ende. Unter dem Scheine der höchsten Uneigennützigkeit erschlich sich Seba die Freundschaft und das Zutrauen Deiner Mutter. Als ihre einzige, als ihre beste Freundin führte Angelika, als ich eben zu einem Wiedersehen mit den Meinigen angekommen war, die edle Seba bei meiner Mutter ein, und diesen Augenblick benutzte die schöne, erhabene Seele, ihre Geständnisse zu machen und von mir die Herstellung ihrer Ehre zu verlangen, die sie mir sehr freiwillig geopfert hatte.

Renatus konnte diesen Ton nicht ertragen. Es schnürte ihm die Brust zu, es klopfte ihm in allen Adern, er erhob sich wie im Schrecken. Er hätte das Fenster öffnen mögen, obschon der Wind, der sich inzwischen erhoben hatte, die Scheiben klirren machte. Auch der Graf hatte sich erhoben, aber er ging gemächlich auf und nieder und pfiff leise das damals sehr beliebte Lied vom schönen Dunois durch die Zähne.

Jeder Mann, sagte er nach einer Weile, spielt zwischen drei Frauenzimmern in einer solchen Lage eine abgeschmackte Rolle. Die arme, sterbende Angelika schwamm in Tränen und hätte mir am liebsten die schöne Seba sofort angetraut; meine Mutter wollte Seba überreden, mir zu verzeihen, was sie mir gar nicht zu verzeihen hatteund ich tat das einzige, was mir bei einer derartigen Scene und Ueberrumpelung zu tun übrig blieb: ich liess sie alle gewähren! – Ich gönnte Deiner Mutter die Zeit, sich auszuweinen und das Vertrauen und die Freundschaft zu bedauern, welche sie Seba gewährt hatte. Ich liess meiner Mutter die Zeit, zu begreifen, dass sie überlistet worden sei, und Seba Zeit und Freiheit, sich zu entfernen, was sie denn auch schliesslich tat. – Aber, rief er mit fester stimme und mit einer Erbitterung, welche gegen die spöttische Leichtigkeit sehr abstach, in der er bis dahin gesprochen hatteaber ich habe es ihr nicht vergessen, dass sie mich gezwungen hat, vor meiner Mutter und meiner Schwester als ein Angeklagter da zu stehen! Ich habe es ihr nicht vergessen und vergeben, dass sie meine Mutter, die Gräfin Berka, dahin brachte, sich mit einer Bitte vor ihr zu erniedrigenund sie hat es mir, sie hat es uns allen eben so wenig vergessen und vergeben, dass sie ihre Geständnisse unnötig und vergebens vor uns abgelegt hat! Durch Dich und Deine Unschuld hofft sie zu erreichen, hofft sie, uns zu vergelten, was sie sich, was sie uns schuldig zu sein meint! Daher die grosse Freundschaft, welche man Dir im Flies'schen haus beweist, daher die Annäherung an die Rhodens, mit der sie sich das Ansehen einer gesellschaftlichen Stellung zu geben suchen, die Dich sicher machen soll, daher die lächerliche Deutschtümelei, mit der sie ihr Judentum maskiren! Darum musste der Bastard Deines Vaters, der so gescheit gewesen war,