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hatte noch nicht lange so gestanden, als sich sein Neffe zu ihm gesellte. Der Graf hatte das erwartet, tat aber, als beachte er es nicht. So ging eine Weile hin. Endlich klopfte er dem Jüngling auf die Schulter und sagte mit einladender Zutraulichkeit: Nun, heraus damit! Was hat's gegeben? Denn geschehen ist etwas, wobei Deine Weisheit und Tugend sich nicht zu helfen wissen!

Renatus fuhr aus seinem Brüten auf, und innerlich von dem Einen Gedanken hingenommen, der ihn seit gestern nicht verlassen hatte, rief er, durch die plötzliche Anrede aufgeschreckt und überrascht: Beantworten Sie mir Eine Frage, Onkel! ist dieser Tremann meines Vaters Sohn?

So gewiss, als Du selbst es bist! entgegnete der Graf gelassen, der freilich irgend eine andere Anforderung erwartet hatte.

Der junge Freiherr biss sich in die Lippe, seine Nasenflügel blähten sich im Stolz. Aber woher diese ausserordentliche Freundschaft mit den Flies? Woher das grosse Aufheben, das sie mit diesemMenschen machen?

Spekulation! lachte der Graf.

Aber worauf, worauf?

Worauf? Auf die Gunst des Zufalls, auf den diese Leute, denen es von ihren trödelhaften Anfängen inne wohnt, sich auf glückliche Zufälle zu verlassen, nie zu rechnen verlernen! Der Graf hatte seinen Platz am Fenster verlassen und sich behaglich an dem Feuer niedergesetzt. Er war müssig und gut aufgelegt, es unterhielt ihn, die Aufregung seines Neffen nach Belieben zu erhöhen und zu dämpfen.

Es ist übrigens ein eigenes Ding um dasjenige, was wir Zufall nennen, hob er nach einer anscheinenden überlegung an. Man sollte ihm bisweilen eine Folgerichtigkeit, einen inneren Zusammenhang zutrauen, an gewisse Vorherbestimmungen glauben, wenn man überhaupt zum Glauben und damit zum Aberglauben Neigung hat. Ich zum Beispiel stehe anscheinend in einem geheimnissvollen Zusammenhange mit diesem Monsieur Tremannoder Mannert, wie er eigentlich heisst. Er wird mir immer wieder in den Weg geführt, und es wird wohl schliesslich meines Amtes sein, ihnaus dem Wege zu schaffen, auf dem er nun auch Dich behindern zu wollen scheint.

Renatus war sehr ernst geworden. Er nahm neben dem Grafen Platz und sagte: Wenn man an eine Vorherbestimmung glaubt, wie ich es nach den Lehren unserer Kirche und aus fester überzeugung tue, so kann und darf man nichts in der Welt als ein blosses Spiel des Zufalls ansehen! Es berührt mich daher sehr eigentümlich, dass mir eben heute die notwendigkeit aufgedrängt wird, mich mit diesem Sohne meines Vaters zu beschäftigen und auf die Vergangenheit meiner Eltern zurückzublicken, dieich weiss das wohlleider keine glückliche gewesen ist! Aber in welcher Verbindung stehen Sie mit jenen Ereignissen, deren man gegen mich nie mit Offenheit erwähnte, die ich nur aus einzelnen Aeusserungen kennen und aneinanderreihen lernte? Sie würden mir einen Dienst leisten, Onkel, wenn Sie mir alles mitteilen wollten, was Sie von jenen Verhältnissen wissen, die für mich ja von so entschiedener Bedeutung sind!

Die ganze Arten'sche Pedanterie, die ganze Empfindsamkeit der guten Angelika! rief der Graf. Nur schade, dass es nicht mit wenig Worten zu sagen ist, wie ich mit jenen Vorgängen zusammenhänge! Gefühlvolle Seelen können etwas Verhängnissvolles, etwas Romantisches in der sehr prosaischen geschichte finden, die nur durch die Ueberspannung Deiner Eltern zu einer Art von Wichtigkeit erhoben wurde! Du wirst davon gehört haben, dass Dein Vater einer Jägerstochter, die ihm diesen Monsieur Mannert geboren hat, aus philantropischer Laune eine Art von Erziehung hatte geben lassen! Sie dankte ihm dieselbe, indem sie sich an dem Morgen, an welchem er zu seiner Hochzeit fuhr, ertränkte!

Ich weiss das! bemerkte Renatus mit einem Seufzer.

Es war allerdings ein lästiges Zusammentreffen; aber Dein Vater nahm die Sache unbegreiflich schwer, noch schwerer nahm sie Deine Mutter. Es ist am Ende Jeder nur für die berechenbaren Folgen seiner Handlungen, nicht für das Unberechenbare verantwortlich, was sie in Unvernünftigen erzeugen. Dein Vater empfand Gewissensbisse, machte sich Vorwürfe, Deine Mutter fand es nötig, sie mit ihm zu tragen und zu teilen, Euer vortrefflicher Caplan wusste solche Stimmungen zu benutzen. Man gelobte den Bau einer katolischen Kirche, weil eine Jägerstochter die Geliebte ihres Herrn gewesen war; und weil eine luterische Magd sich das Leben genommen hatte, machte Deine Mutter, machte eine Gräfin Berka sich zur Katolikin. – Ich war damals sehr jung und Zeuge davon, wie man die Ertrunkene suchte, und ich verstand die Logik der darauf folgenden Ereignisse nicht; aber ich bekenne Dir, dass ich sie auch heute noch nicht verstehe. Begreife Du sie, wenn Du kannst!

Deine Mutter wollte den Bastard nicht in ihrer Nähe wissen; man vertraute ihn also meiner jetzigen Haushälterin, der Kriegsrätin, zur Erziehung an, die im Flies'schen haus wohnte, und ein neuer Zufall brachte mich in demselben haus in's Quartier. Ich war es, der auch mit einer ganz zufälligen Aeusserung in dem Knaben die Erinnerung an seine Mutter, an seinen Vater weckte, und wie des Burschen Aehnlichkeit mit Deinem Vater mir seine Abkunft augenblicklich verraten hatte, so machte die übertriebene Zärtlichkeit, die man für den fremden Knaben im Flies'schen haus an den Tag legte, mir bald klar, dass man gesonnen war, sich das geheimnis, welches man Deinem Vater bewahrte, gelegentlich bezahlen zu lassen. Seba vor Allen schien eine ganz besondere Liebe für den Knaben zu haben, der beständig um sie war, und