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Sie können derartige Erfahrungen doch nicht gemacht haben? Ihr Glück bei den Frauen ist ja noch sprüchwörtlich im Regimente!

Der Graf nahm eine ernste Miene an. Ich habe mich, sagte er, über die Frauen nicht zu beklagen gehabt, weil ich frei zu bleiben und zu schweigen verstand und weil ich dasjenige zu vergessen weiss, woran ich nicht erinnert zu sein wünsche. Gehe hin und tue ein Gleiches, fügte er lächelnd hinzu, und sie werden, wenn sie nicht Deines Lobes voll sind, doch ausweichen, wenn man von Dir spricht!

Wie Seba! fiel Renatus, der sich erinnerte, wie er sich vorher eben dieses Ausdruckes bedient hatte, dem Oheim, als habe er eine Erleuchtung erhalten, lebhaft in die Rede. Wie Seba tut, wenn man von Ihnen spricht!

Der Graf liess den Ausruf unbeantwortet. Erst nach einer geraumen Pause sagte er: Wenn die Frauen ihre Vergangenheit so ganz und gar vergessen, geben sie uns das Recht wieder, derselben zu gedenken. Es ist belustigend, zu hören, wie geläufig die grossen Worte: Deutschtum, Jungfräulichkeit und Tugend dieser Gesellschaft und allen diesen Frauen geworden sind, wie sie einander stützen und tragen, weil die meisten von ihnen auf schwachen Füssen stehen, und wie alle doch nur den Einen Zweck der Selbstsucht verfolgen: einen Mann zu bekommen oder die Ihrigen an den Mann zu bringen. Nur schade, dass man's merkt! – Ich sagte Dir neulich: Nimm Dich mit den Rhoden's in Acht! Die Warnung war vielleicht vom Ueberfluss, denn auf die blonde, schmachtende Unschuld hast Du's wohl nicht abgesehen! Ich sage Dir heute, vielleicht mit grösserem Rechte: Sieh' Dich mit den Flies, mit Seba vor! Sie könnte für Davide zu erlangen wünschen, was ich ihr zu gewähren trotz ihrer Zuvorkommenheit nicht für angemessen fand, und sie gehört zu denen, die vielleicht grosses Spiel für Andere zu spielen lieben, nachdem sie die Partie für sich verloren haben!

Er ging an seinen Schreibschrank, setzte sich vor demselben nieder und suchte anscheinend etwas unter seinen papieren. Renatus war es äusserst unbehaglich zu Mute. Er wusste seinem Oheim für diese Mitteilungen keinen Dank, obschon er selber sie hervorgerufen hatte, dennoch reizten ihn die Andeutungen, die halben Aufschlüsse, welche derselbe ihm machte. Weil er sich selber tadelte, gefiel es ihm, die Andern auch nicht verehrenswert zu finden, und doch stiess ihn der Gedanke zurück, dass er sich bisher mit Wohlgefallen in einem Kreise bewegt haben sollte, der dieses Wohlgefallen, der die achtung nicht verdiente, mit welcher Renatus den einzelnen Personen desselben sich angeschlossen hatte.

Er hätte mehr erfahren, mehr wissen mögen, und scheute sich doch davor. Er ärgerte sich darüber, dass er sich der innerlichen Betrachtungen nicht entschlagen konnte, er fand es lächerlich, dass er sich Sorgen und Vorwürfe über sein Verhalten gegen Hildegard machte, dass es ihm weh tat, von Seba, von Davide geringschätzig zu denken. Er wünschte sich den leichten Sinn, ja, den Leichtsinn seines Onkels. Was nutzten ihm seine strengen Grundsätze in einer Welt und in einer Gesellschaft, welche nicht auf solche Grundsätze erbaut war? Er hatte sich, wie er meinte, in der Tat über die klösterliche Erziehung, die man ihm gegeben, zu beschweren, er passte durch sie nicht einmal mit seinen Kameraden zusammen, gegen deren fröhliche, auf den Genuss gestellte Sorglosigkeit er sich bisher so verständig erschienen war. Was sollten ihm eine Tugend, eine Sittlichkeit, die ihn nur schwerfällig, die ihn pedantisch erscheinen liessen und die es ihm doch nicht ersparten, mit sich selbst in Zwiespalt zu geraten und Andern wehe zu tun? Er hätte nicht anders sein mögen, als seine Kameraden, er hätte ein glücklicher Verführer, wie sein Onkel sein, und sich in der Wärme seiner Erinnerungen sonnen mögen! Aber man wird nicht mit Einem Male lasterhaft, wie man nicht mit Einem Male tugendhaft wird. Jedes Ding will gelernt und geübt sein, und mitten in dem Verlangen, einen Liebeshandel mit Davide anzuknüpfen und den Amerikaner aus dem feld zu schlagen, überkam Renatus der Gedanke, was die arme Hildegard dazu sagen, davon denken würde? Er seufzte um Hildegard und trachtete zugleich nach der Eroberung der schönen Jüdin und nach Triumphen auf dem feld der Liebe. Daneben ärgerte er sich wieder über dieses haltlose Schwanken, über dieses Wollen und Nichtwollen, und unwillkürlich diesem Aerger Worte leihend, rief er halb für sich aus: Herkules am Scheidewege ist doch eine alberne Figur!

Der Graf wendete sich nach ihm um, und als habe er ihn nicht verstanden, fragte er, was er wünsche.

O, rief Renatus, unsere ganze Unterhaltung ging mir durch den Kopf, und ich musste mir sagen, dass die symbolische Figur des Herkules am Scheidewege albern sei!

Sehr albern, wiederholte der Graf, während er sich von seinem platz erhobund um so alberner, als die Dinge, welche man Tugend und Laster nennt, gar nicht so bestimmt zu trennen und weit näher mit einander verbunden sind, als man uns in der Jugend glauben machen möchte. Was ist Tugend? Wo hört sie auf? Wo fängt das Laster an? – Hirngespinnste und Ammenmärchen, zum Besten einiger Wenigen erfunden! – Er nahm eine Prise, ging auf dem weichen Teppiche des Zimmers auf und nieder und trat dann an das Fenster, durch dessen Scheiben er in die Strasse hinaussah.

Er