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hatte er keine Unannehmlichkeit gehabt. Die einzige peinliche Berührung hatte gestern zwischen ihm und Renatus Statt gefunden; damit konnte aber die Warnung der Kriegsrätin, die ohnehin von älterem Datum war, nichts gemein haben, und es blieb ihm auf diese Weise also kein Anhalt für seine Vermutungen. Da man sich jedoch unter der obwaltenden französischen Gewalterrschaft auf jede Art von Spionage und Angeberei gefasst halten musste, so war es ihm erwünscht, mit seinen Angelegenheiten so weit vorgeschritten zu sein, dass seiner Abreise nicht mehr viel im Wege stand.

Dreizehntes Capitel

Während dessen war Renatus bei seinem Onkel angelangt, und da der Graf es liebte, sich noch zu den jungen Leuten zu zählen, von ihm mit einer fast kameradschaftlichen Heiterkeit empfangen worden. Er wusste bereits von Castigni, der in der Frühe bei ihm gewesen war, dass sein Neffe den letzten Abend im Flies'schen haus zugebracht hatte, und warf lächelnd die Frage hin, wie ihm denn der Günstling dieses Hauses, der sogenannte Tremann, gefallen habe.

Sie kennen ihn also auch? fuhr Renatus auf, während das Blut ihm zu kopf stieg.

Der Graf bejahte dies in einer Weise, die darauf berechnet war, sich dasjenige, was er wusste, abfragen zu lassen, und er erreichte auch seine Absicht, denn Renatus fiel ihm mit dem Ausrufe in die Rede: So sagen Sie mir, Onkel, wo war der Mensch bis jetzt und wie kommt er in das Haus?

Der Graf zuckte die Schultern. Hast Du noch nicht bemerkt, mein Lieber, wie zufällig die Gesellschaft sich bei solchen Leuten, die um jeden Preis ein Haus zu machen wünschen, zusammensetzt? Ich könnte Dich mit gleichem Rechte fragen: Wie kommst Du dortin? wüsste ich nicht, dass Flies von Alters her der Geschäftsmann Deines Vaters war, und Dein Vater hat seine eigentümlichen Wege, die zu kreuzen nicht meines Amtes ist.

Er tat, als wolle er von dem gegenstand abbrechen; indess Renatus war damit nicht gedient, und da er geneigt war, sich der Einsicht seines Onkels heute mehr als sonst zu fügen, weil er heute einen Beweis von der Menschenkenntniss desselben gewonnen zu haben meinte, sagte er: Sie selber haben ja früher die Flies gekannt, und es dünkt mich, fügte er in einer ihm fremden, leichtfertigen Weise hinzu, mit der er sich dem gewöhnlichen Tone des Grafen anzupassen suchte, und es dünkt mich, Sie müssen in dem Flies'schen haus mehr als nur eine Einquartierung gewesen sein, denn Seba weicht stets aus, wenn ich von Ihnen spreche! In welchem Verhältnisse standen Sie zu ihr?

Der Graf lachte hell auf, Renatus machte ihm in seiner steifen Leichtfertigkeit einen komischen Eindruck, aber er liess ihn nicht merken, dass dieses lachen nicht der Frage, sondern dem Frager galt, und entgegnete: In dem einzigen Verhältnisse, in welchem Unsereiner zu einem Judenmädchen stehen kann! Um ihre Bekehrung zum Christentume, das sagst Du Dir wohl selber, war mir's nicht wesentlich zu tun!

Renatus hatte bei der Art seiner Frage auf eine solche Antwort gefasst sein müssen, doch war sie ihm widerwärtig. Er fand nicht gleich die Entgegnung, die er zu geben für nötig hielt; der Graf liess ihm auch nicht die Zeit, sie erst lange zu suchen.

Ein eigener Gedanke, Dich in das Haus zu schikken! Eine wunderliche Weise, in welcher man Dich überhaupt für den Feldzug für das Leben vorbereitet hat, für diesen Krieg Aller wider Alle! sagte er plötzlich. Aber das vergessen sie in ihrer Weisheit! Sie lassen Euch in die Welt gehen, ohne Euch die Gefahren zu zeigen, die Euch drohen, ohne Euch vorsichtig zu machen, mit nichts ausgestattet als mit Eurer Unschuld und Begehrlichkeit, und dann wundern sie sich, wenn Ihr wie die Drosseln in der ersten Schlinge und an der ersten roten, reifen Beere hängen bleibt, die Euch in den Weg kommt! arme Gräfinnen und reiche Juden, das ist alles Eins: feine Vogelsteller, die ihre Vögel kennen und ihr Garn zu legen wissen, jeder auf seine Artund Ihr fallt dann auch hineinJeder auf seine Art!

Ja, leider! rief Renatus unwillkürlich.

Leider? Was weisst Du davon? fragte der Graf, der bis dahin im Zimmer umhergegangen war, vor seinem Neffen Fuss fassend.

Renatus zögerte zu antworten. Er wusste, dass der Graf nicht der Mann war, die Neigung zu würdigen, welche ihn mit seiner Jugendgespielin verbunden und der er sich in der letzten Zeit mit so viel Hingebung und Wärme überlassen hatte. Er wusste eben so gut, dass er heute absichtlich ein Unrecht gegen Hildegard begangen habe und dass er dieses steigere, indem er den Grafen in das Vertrauen ziehe; aber er konnte mit Zuversicht darauf rechnen, von demselben wegen dieses Unrechtes nicht getadelt zu werden, er durfte vielmehr hoffen, Aufmunterung zu erhalten, wo er selber sich Vorwürfe machte, und weil er in jedem Betrachte unzufrieden mit sich war, verlangte sein abhängiges Wesen nach Lob, gleichviel, von wem ihm dieses komme oder worauf es sich beziehe. Trotzdem fand er es schwerer, als er sich's gedacht hatte, von seinen guten Gewohnheiten, von den Ehr- und Anstandsbegriffen zu lassen, in denen er erzogen und aufgewachsen war, und dem scharfen Auge seines Onkels ausweichend, entgegnete er, um Zeit zu gewinnen: O, von mir ist nicht die Rede, und Sie, Onkel,