1864_Lewald_163_27.txt

des alten Herrn, man sagte, dass der rechte Frohsinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden sei, und stachelte damit den Ehrgeiz des jungen Grafen Gerhard auf, den Witz und die Heiterkeit der Jugend kund zu tun. Unglücklicher Weise waren aber Mass halten und ruhiges Ueberlegen nicht eben seine Sache. Der reichlich genossene Wein hatten ihn heute noch unbesonnener und kecker als gewöhnlich gemacht, und sich an seinen Schwager wendend, dessen Ernst und dessen Schweigen ihm aufgefallen sein mochten, rief er: Der Onkel Kammerherr hat wahrhaftig Recht! Stellen Sie sich doch vor, Baron, was aus Ihnen werden sollte und was Angelika sagen würde, wenn alle die Frauen, denen Sie um Angelika's willen das Herz gebrochen, Ihnen erscheinen sollten? Stellen Sie sich vor, wenner wies mit dem kopf nach dem Eingange des Zimmers und der Baron und die Anderen folgten unwillkürlich seinem Winkewenn dort sich zum Beispiel plötzlich die Tür öffnete und ...

Ein Schauer durchflog die Glieder des baron, denn die tür tat sich wirklich wie mit Einem Schlage plötzlich auf, ein blendendes Licht strömte herein, und mit krampfhafter Bewegung den Arm des ihm Nächststehenden ergreifend, sank der Baron auf den Sessel am Kamine nieder.

Aber nur wenige wurden das gewahr, denn die Diener brachten eben jetzt die vielarmigen Leuchter in das Zimmer, deren helles Licht die Mehrzahl der Anwesenden blendete, und der Eintritt des Caplans, dessen Ankunft man kurz vorher gemeldet hatte, nahm die Anderen in Anspruch. Der Graf und die Damen des Hauses bewillkommten den neuen Gast, und der Baron gewann inzwischen Zeit, sich zu sammeln und sich zu erholen. Dennoch neckte man ihn mit seiner Ueberraschung, mit seinem Schrecken; man wollte wissen, welche Erscheinung er gehabt habe, indess der Baron entzog sich mit guter Art und grosser Selbstbeherrschung allen darauf zielenden fragen und Neckereien, und mitten in der allgemeinen Unterhaltung, zu der er sich genötigt fand, fragte er, als der Caplan an ihn herangetreten war, denselben leise und beklommen: Hat man sie gefunden?

Alle Mühe war vergeblich! antwortete jener ebenso.

Und Paul? fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit.

Ist fürs Erste wohl aufgehoben in der Stadt.

Wer brachte ihn dortin?

Ich selbst! versetzte der Caplan.

Der Baron drückte ihm schweigend die Hand, andere Personen traten mit Ansprache und Bewillkommung dazwischen, der Abend verging in bewegter Geselligkeit und der Baron fand sich erst wieder mit seinem Hausgenossen zusammen, als dieser ihn am späten Abende noch in seinen Gemächern besuchte. Er traf den Baron, der sonst noch vor dem Schlafengehen lange in seinem Zimmer zu lesen pflegte, bereits im Bette.

Wundern Sie sich nicht, dass ich mich schon niedergelegt habe, redete der Baron den eintretenden Caplan an, ich bin sehr müde. Der Stand eines Bräutigams ist an und für sich eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf. Wenn ein fertiger Mann ein Mädchen zur Frau begehrt, so sollte man es ihm geben und ihn mit der Erwählten ziehen lassen. Was soll dieses wartende Verlangen von der einen und von der anderen Seite? Es ist so viel Zwang und Heuchelei darin, ja, es liegt im Brautstande, wenn man von einer Gesellschaft umgeben ist, wie die hier im schloss versammelte, sogar eine Art von Cynismus, der mich beleidigt. Ich wollte, wir wären zwei Tage weiter und fort von hier. – Er machte eine kleine Pause und warf dann die Bemerkung hin: Ich schlafe auch schlecht! Am Tage Ermüdung, in der Nacht wenig Schlaf und während desselben quälende Träume! Wahrhaftig, man könnte .... er vollendete den Satz nicht, fuhr mit der Hand, wie es seine Gewohnheit war, ein paar Mal über Stirn und Gesicht und stiess dann ein Ach! hervor, in welchem sich sein ganzer Zustand offenbarte.

Der Caplan fand ihn übel aussehend, auch die Stimmung des baron kam ihm bedenklich vor. Weil es spät war und er die Weise seines Freundes kannte, sich möglichst lange auf Umwegen von dem gegenstand fern zu halten, den zu erörtern er Scheu trug, kam er ihm zuvor, indem er ohne Vorbereitung davon zu sprechen begann.

Sie fragten mich heute, hob er an, wo Paul sich befinde, und ich sagte Ihnen, dass ich selbst ihn nach der Stadt gebracht habe. Da es an dem Morgen nicht gelang, die Mutter aufzufinden, so machte ich mich noch am Abende mit dem Knaben auf den Weg, weil ich ihn nach dem Vorgegangenen nicht eine Stunde unnötig in Rotenfeld verweilen lassen wollte. Unentschieden, wo ich ihn unterbringen solle, da er bei seinem Alter noch für kein öffentliches Pensionat geeignet ist, fiel es mir ein, mich, weil ich keine Zeit zu verlieren hatte, an Herrn Flies zu wenden.

Und Sie sagten ihm, wem der Knabe gehöre? unterbrach ihn der Baron.

Ich hatte das nicht nötig, obschon er Anfangs mit der Zurückhaltung, welche Sie an ihm rühmten, nicht merken liess, was der erste Anblick des Knaben ihm verraten hatte.

Also Sie finden auch, dass der Knabe mir so ähnlich sieht? fragte der Baron in einer Weise, die schwer erkennen liess, welcher Empfindung sie entsprossen war, und ohne des Caplans Antwort abzuwarten, wollte er wissen, ob sein Sohn sich jetzt bei dem Juwelier befinde.

Nein, entgegnete der Andere; ihn dauernd in einer jüdischen Familie zu lassen, wäre doch nicht wohl tunlich