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: "Der Paul hat uns zwar schmählich verlassen und ist eigentlich an Allem schuld, denn wenn er bei uns geblieben wäre, würde Alles anders geworden und wir nie in die Verlegenheit geraten sein. Da er Dich aber in Deiner Not und in Deinem Alter wenigstens nicht verlässtdenn ich brauche ihn nicht, ich weiss mir selbst zu helfenund da ich Dir seinen Beistand auch nicht entzogen sehen mag, so sage ihm, er solle machen, dass er von hier fortkomme, und zwar je eher, desto lieber! Sag ihm das, und ich verlangte keinen Dank für meinen guten Rat!"

Und damit liessen Sie sich genügen? Sie erkundigten sich nicht, was diese Weisung, diese Warnung zu bedeuten habe, worauf sie sich beziehe?

Der Alte sah ihn verlegen an. Sie wissen, was meine Laura nicht sagen will ....

Er brach ab; Paul drang nicht weiter in den alten Kriegsrat. Er stand vielmehr auf, händigte dem Greise die Pension, die er ihm seit dessen Freilassung zahlte, für den nächsten monat aus, sagte, dass er sich dieselbe aus dem Flies'schen Comptoir für die nächsten Monate holen möge, und wie er in dem Bureau des Staatskanzlers von einem der Sekretäre die Zusage erhalten habe, dass man Herrn Weissenbach auch ferner mit Copisten-Arbeit beschäftigen werde. Dann nahm er seinen Hut und wollte sich entfernen, aber der Kriegsrat hielt ihn zurück. Er hatte offenbar noch etwas auf dem Herzen, das er sich zu sagen scheute, und Paul ermunterte ihn dazu mit der Frage, ob er noch irgend etwas wünsche.

Der Alte sah ihn scheu und bittend an. Sie haben so viel für mich getan, lieber Herr Tremann, sprach er endlich und ich danke Ihnen, dass Sie sich so für mich verwenden! ich tue mein Möglichstes, Ihrer Fürsprache Ehre zu machen, aber ...

Nun was denn?

Aber könnten Sie mir nicht etwas zu rechnen schaffen? rief der Alte, und er sah so hell dabei aus wie ein Liebender, der endlich sein lange beabsichtigtes geständnis anzubringen vermochte.

Etwas zu rechnen? Aber was soll das sein? Wesshalb eben etwas zu rechnen? Sie haben ja Arbeit genug!

Ja, Arbeit, aber kein Vergnügen, keine Freude! rief der Alte. Solch ein Blatt, das ich abschreibe, steht vor mir und rückt und rührt sich nicht; es ist mein Herr, ich bin sein Sclave, ich darf nichts zu-, nichts abtun, jeder Buchstabe ist mein Meister. Aber Zahlen, die commandire ich, die füge ich zusammen, die vermehre und vermindere, die verbinde und teile ich, die sind meine Geschöpfe. Und wie schön sieht es aus, solch ein Cassabuch, wie stattlich, wie majestätisch, wenn die Stellen unten sich auf jeder Seite mehren, wenn es in die Tausende, in die Hunderttausende geht! – Er hielt ein wenig inne, als schäme er sich dieser Aufwallung, und sagte dann ganz leise und bewegt: Ich war sehr glücklich damals, als in meinem Hauptbuche das Soll und das Haben sich noch wohl vertrugen, als ich noch mit ruhigem Stolze auf die langen, schlanken Zahlenreihen blicken konnte; undich würde hier in dieser schönen, stillen stube recht glücklich sein, wenn ich wieder etwas zu rechnen, wenn ich wieder die schönen Zahlenreihen zur Gesellschaft und vor Augen hätte! Es ist das einzige, was mir zu meinem Glücke und zu meiner Zufriedenheit fehlt!

Paul konnte nur mühsam sein mitleidiges Lächeln verbergen; er versprach dem Alten, an seinen Wunsch zu denken, und als dieser ihm die Tür öffnete, um ihn hinaus zu lassen, fragte er: Wer geht denn bei dem Grafen Berka ein und aus? Wissen Sie das zufällig?

Meistenteils Franzosen, entgegnete der Kriegsrat. Ein Baron von Castigni kommt alle Tage. Meine Laura sagt, es sei ein verbindlicher und feiner Mann. Aber auch von den Würtembergern und Westfalen besuchen ihn viele Officiere, und in den letzten Monaten ist auch der junge Freiherr von Arten öfter bei dem Herrn Grafen zu Tische gewesen. Heute isst er, glaube ich, allein mit ihm.

Paul hörte das ohne Entgegnung an und schied von dem Alten mit dem wiederholten Versprechen, an die Erfüllung seiner Wünsche denken zu wollen; aber die Frage, was die Warnung der Kriegsrätin zu bedeuten habe, beschäftigte ihn doch mehr, als er es dem Greise zu zeigen für angemessen fand, denn sie traf mit den Bemerkungen zusammen, welche auch Herr von Werben ihm in dieser Beziehung gemacht hatte. Da er nicht dazu neigte, seine person und seine Tätigkeit höher, als es recht war, anzuschlagen, fiel es ihm auf, dass man überhaupt von französischer Seite auf ihn aufmerksam geworden war. Seine Geschäfte waren nicht grösser, nicht bedeutender gewesen, als die mancher anderer Kaufleute, seine Reisen hatten an und für sich auch nichts Auffallendes, und der Verkehr, welchen er zwischen den heimischen und den im Auslande lebenden Vaterlandsfreunden vermittelt hatte, war mit solcher Vorsicht behandelt worden, dass er nicht wohl verraten sein konnte. Den Grafen Gerhard, über dessen verhältnis zu Seba er nicht im Zweifel war, hatte er seit seiner Kindheit nicht wieder gesehen. Er trug auch kein Verlangen danach, dem von ihm in jeder Beziehung verachteten mann aufs Neue zu begegnen, und mit dem Herrn von Castigni, mit dem er jetzt im Flies'schen haus freilich beständig zusammentraf,