an einzelnen Stellen schon der Rasen über dem befreiten, braunen Boden neu zu färben beginne, und sagte dann: Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf nach dem Himmel, und habe solch einen schönen, weiten Horizont vor Augen, so denke ich immer nur mit Schrecken an die Arbeitsstube, in der ich in meinen sogenannten guten zeiten meine Tage hingebracht habe, und ich frage mich, wie ich sündiger Mensch jetzt nur ein so ruhiges Leben und es in meinen alten Tagen noch so gar gut auf Erden haben kann.
Denken Sie, dass Sie es durch Ihre Güte für mich verdient haben, meinte Paul.
Ja, freilich, das muss ich mir denken, wenn mich nicht drücken soll, was Sie für mich tun. – Er schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich weiss nicht, was aus mir geworden wäre, hätte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen Helfer in der Not gesendet. Nicht wissen, wo man sein Haupt zur Ruhe legen soll, und nicht wagen, sich mit seinem grauen kopf vor den Menschen, die man gekannt hat, sehen zu lassen, weil man es mit Schimpf und Schande beladen, weil man im Zuchtause gesessen hat – das ist gar zu schrecklich, gar zu schrecklich, lieber Paul!
Er senkte dabei sein Gesicht in seine hände; aber als der Andere ihn ermahnte, diese trüben Gedanken von sich fern zu halten, meinte der Alte, es tue ihm gut, sich einmal aussprechen zu dürfen.
Sehen Sie, rief er, indem er sich erhob und aus der Schublade seines Tisches ein in schwarzes Leder gebundenes Büchelchen hervornahm, ich denke immer an Sie, und weil ich sonst gar nichts für Sie tun kann und immer nur von Ihnen anzunehmen habe, so schreibe ich hier in das Buch, das ich mir eigens dazu habe binden lassen, alle die guten Lehren ein, die ich mir aus meiner verkehrten Handlungsweise abgenommen habe, und das soll einmal Ihr Erbe sein, obschon Sie meiner guten Lehren wahrlich nicht bedürfen. Es will doch aber Jeder gern etwas zu geben und zu hinterlassen haben.
Er hielt Paul das Buch hin; es hatte einen vergoldeten Schnitt, der Titel war wie eine Festgabe in schönster Frakturschrift geschrieben und trug unter der reichverzierten Ueberschrift: "Erfahrungssätze und Sinnsprüche", auf der ersten Seite als erste Lehre die Worte: "Gib nie einem weib Gewalt über Dich, denn des Weibes Herz ist verkehrt und sein Tun und Treiben eitel!"
Herr Weissenbach schien grosses Gewicht auf diesen Ausspruch zu legen. Wenn Sie wüssten, sagte er, wie oft ich mir das in meinem Unglücke vor die Seele gehalten habe! Und ich war nicht am unglücklichsten, als das geheimnis meiner Verschuldigung entdeckt, als die Untersuchung gegen mich eingeleitet und mein Urteil erst gesprochen war, als ich die Untreue, mit welcher ich die mir anvertraute Kasse angegriffen hatte, im Gefängnisse büsste. – Er blätterte in seinem buch, zeigte dann mit dem Finger auf die betreffende Stelle und rief: Sehen Sie, da steht es: "Ehre annehmen mit dem Bewusstsein, sie nicht zu verdienen, tut einem Rechtschaffenen sehr wehe!" – Und ich kann mir das sagen und Sie werden mir das bezeugen, lieber Tremann, ich war ein rechtschaffener Mann. Ich bedurfte nicht viel, ich war zufrieden, wenn ich ruhig bei meinen Acten sass, wenn ich meine Pflicht tat; aber ich hatte einem weib Gewalt über mich gegeben, einem jungen, einem schönen weib, als ich kein Jüngling mehr war, und ich traute einer Delila! Ich traute, ich folgte ihr und ihren verführerischen Ratschlägen, weil ich ihrem klugen kopf und ihren beredten Worten mehr, als meiner Einsicht und meinem warnenden Gewissen glaubte! Das soll man nicht tun, soll man nicht tun!
Paul hatte viel Nachsicht mit dem alten mann; aber er fand es endlich doch nötig, seinen Erzählungen und Herzensergiessungen ein Ende zu machen, indem er ihn bat, sich der Gedanken an seine Schuld, an seine Cassation und an seine Frau zu entschlagen.
Der Alte versicherte, dass er dies auch tue. Nur wenn sie hier war, setzte er hinzu, wenn sie einmal wieder hier war, dann wurmt und brennt's mich wieder, dann wacht Alles wieder auf – und heute ist sie dagewesen!
Was wollte sie? fragte Paul.
Nichts, nichts, lieber Herr Tremann. Seit sie bei dem Grafen ist, hat sie nichts von mir verlangt, sie hat's ja nun bei dem vollauf.
Aber wesshalb kam sie denn, sie pflegte doch nichts ohne Absicht, nichts umsonst zu tun? meinte Paul, der seine Abneigung gegen die Kriegsrätin nicht verhehlte.
Der Alte sah sich schüchtern um und sagte: Dass ich die Wahrheit sage, sie kam Ihretwegen!
Meinetwegen – und wie das? Was will sie von mir?
Gewiss, lieber Paul, ich wollte sagen: lieber Herr Tremann, versicherte der Kriegsrat, dieses Mal hatte sie keine Absichten, dieses Mal meinte sie es gut. Sie fragte, ob ich noch immer Arbeit hätte, ob Sie mir noch das Monatsgeld gäben, woher ich die Arbeit hätte, was ich für Sie schriebe? Ich zeigte ihr die Auszüge, die ich für Sie aus den Zeitungen machen muss; sie besah sich das alles, denn sie versteht sich auf dergleichen, und als sie schon im Fortgehen war, drehte sie sich noch einmal um und sagte