1864_Lewald_163_267.txt

, er sagte ihr, dass sie Unrecht habe, so empfindlich zu sein und einen Scherz so übel aufzunehmen, aber er konnte sich nicht entschliessen, sie mit einem Kusse, wie er wohl sonst getan hatte, zu versöhnen. Sie kam ihm alt vor, und sie war ja auch älter, als er.

Weil sie ihn sonst stets nachgiebig und weich gesehen hatte, hielt sie sich jetzt zurück; sie glaubte sich dies schuldig zu sein. Renatus aber fand sich durch diese geflissentliche Zurückhaltung in seiner Unzufriedenheit mit der Geliebten nur bestärkt. Er blickte sie noch einmal anihr schmollender Mund missfiel ihm mehr und mehr; er begriff nicht, wie er sie jemals hübsch gefunden haben könne, nicht, was er bisher neben ihr gefühlt hatte. Er war sich rätselhaft. Das peinigte ihn. Er wendete sich ab, nahm Hut und Säbel und sagte, dass er gehen müsse. Sie hielt ihn nicht zurück. Er reichte ihr kühl die Hand, sagte ihr kühl ein Lebewohl und war verschwunden, ehe sie noch recht wusste, was geschehen sei.

Sie wollte ihm nacheilen, als er das Zimmer verlassen hatte; er erwartete das auch, sah sich nach ihr um und war doch froh, als er sie nicht erblickte. Sie ging an's Fenster; aber heute wählte er nicht die entgegengesetzte Seite der Strasse, wie er sonst zu tun pflegte, um von ihr noch einen Gruss, noch einen blick zu erhalten. Sie sah hinaus, es kam ihr alles so leer vor und es lag ihr alles, was geschehen war, so fern, so weit ab von gestern, so weit ab von diesem Augenblicke! Auch ihr war es, als sei sie viel älter geworden, als habe sie viel erlebt, viel erfahren, als sei Renatus schon sehr lange fort! Sie seufzte, faltete die hände und erschrak, als der Ausruf: Er ist ein Mann, und Dulden ist des Weibes los! über ihre Lippen glitt. Wie kam sie zu diesem Ausrufe, zu diesem Gedanken? – Sie weinte bitterlich.

Renatus hingegen war froh, als er sich auf der Strasse fand. Hildegard's Gefühlsweichheit und ihre Tränen hatten ihm Angst gemacht. Er wünschte nicht, dergleichen öfter zu erleben, er freute sich, dass er sich so fest gezeigt hatte. Es ward ihm ganz leicht um's Herz, als der frische Wind ihm durch die Locken wehte. Die Luft in den Zimmern der Gräfin war ihm heute durch die Resedatöpfe und den Potpourri so beklemmend gewesen! –

Sporenklirrenden Trittes einherschreitend, liess er den Schleppsäbel geflissentlich auf dem Pflaster anschlagen, er zog im Gehen den Säbel spielend halb aus der Scheide und stiess ihn wieder hinein. Jede Bewegung dünkte ihn eine Lust, und mit einer wahrhaften Genugtuung sagte er sich, dass ihn nichts auf der Welt verpflichte, sich um Hildegard's Empfindlichkeit und Empfindsamkeit zu kümmern, da er ja noch völlig frei, noch völlig ungebunden sei.

Freiheit und Ungebundenheit hatten seit gestern, er wusste selbst nicht wodurch, einen hohen Reiz und Wert für ihn gewonnen, und er konnte sich es nicht verhehlen, sein Oheim hatte Recht gehabt: es lag etwas Bedenkliches in seiner Freundschaft mit den Rhodens, etwas, wovor er sich zu hüten hatte. Er war im Allgemeinen weit entfernt, die Ansichten des Grafen Gerhard zu teilen, nur das Eine musste er ihm zugestehenein Menschenkenner war der Graf, und Welterfahrung hatte er.

Zwölftes Capitel

Fast um dieselbe Zeit, in welcher Renatus die wohnung der Gräfin verliess, stand Paul vor der niedrigen tür eines Zimmers, das in einem Hinterhause derselben Strasse im dritten Stockwerke gelegen war. Auf sein klopfen rief man: Herein! und ein mittelgrosser, sehr schmächtiger Mann erhob sich von dem Tische, an welchem er schreibend gesessen hatte.

Er trug einen hechtgrauen, altmodischen Ueberrock, eine Kniehose und Weste von schwarzem Tuche, und selbst den Puder und den kleinen, steifen Zopf, der ihm fest und gerade am Hinterkopfe sass, hatte er gegen die veränderte Sitte beibehalten. Alles an ihm und in seinem Stübchen trug das Gepräge peinlicher Genauigkeit und Ordnungsliebe. Lineal und Papierscheere, Federn und Bleistift lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf dem Tische, das Wasserglas war mit einem rundgeschnittenen Papier bedeckt. Um den Käfig des Hänflings, der reich mit frischem Vogelkraut behängt war, fanden sich Papierstreifen durch das Gitter gezogen, damit der Vogel das Futter nicht verstreuen könne; selbst unter die kleine, irdene Vase, in der einige Weidenzweige mit ihren grauen Blütenkätzchen sich im Sonnenscheine entfalteten, war ein zierlich zurecht geschnittenes Papierblatt gebreitet, und Paul bemerkte mit Vergnügen, dass das Gesicht des schon bejahrten Mannes, der ihn empfing, eben so ruhig und friedlich aussah, wie das Stübchen, welches er bewohnte.

Auf seine Frage, wie es ihm ergehe, antwortete der Greis: Gut, gut, lieber Herr Tremann. Wie sollte es mir anders ergehen, da Sie so gütig für mich sorgen? Ich habe ja alles, was ich brauche, und das müssen Sie sagen, ein so hübsches, sonniges Zimmer habe ich nicht gehabt, selbst nicht, als wir das Stockwerk im Flies'schen haus noch ganz allein bewohnten.

Er schob bei den Worten für Paul einen Stuhl an das Fenster, machte ihn aufmerksam, wie der Schnee in der letzten Nacht geschmolzen sei, wie in den Gärten, auf die er aus seiner wohnung hinunter sah, sich