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zu verantworten, als er. Er konnte es sich in dem augenblicke nicht einmal recht deutlich machen, wie er mit seiner Jugendfreundin eigentlich auf den gefühlvollen Ton gekommen sei; um so bestimmter erinnerte er sich daran, dass Graf Gerhard ihm geraten, sich vor einer Verbindung mit den Rhodens in Acht zu nehmen, und dass eine solche für ihn nicht vorteilhaft sei, das musste er sich in seiner jetzigen Stimmung selber sagen.

Gestern, als der Amerikaner, wie Renatus in seinem inneren Paul beständig nannte, seinen Erwerb und seinen Vorteil mit so dreister Sicherheit als Beweggrund für sein ganzes Tun aufgestellt hatte, war Renatus dadurch im höchsten Grade abgestossen worden. Indess schon während seiner nächtlichen Ueberlegungen war ihm die Sache in einem milderen Lichte erschienen. Paul missfiel ihm desshalb um nichts weniger, er konnte sich jedoch der Einsicht nicht verschliessen, dass unabhängiger Besitz Freiheit verleihe. Er dachte jetzt daran, wie königlich frei sein Vater durch den früheren Reichtum seines Hauses gewesen sei, um es zum ersten Male mit einer Art von Bitterkeit zu beklagen, dass ihm bei Weitem nicht mehr das gleiche Vermögen und damit auch nicht mehr die schöne Selbsterrlichkeit wie seinem Vater zu Gebote stehe.

Hildegard sann während dessen schweigend darüber nach, was sie denn getan oder gesagt habe, den Geliebten zu verstimmen. Sie konnte jedoch nichts auffinden, was irgend einen vernünftigen Anhalt oder einen Grund für die üble Laune desselben darbot, und sie fing an, zu glauben, dass ihm durch Dritte oder durch ein ihr unbekanntes Erlebniss Verdruss bereitet worden sei. Mit geduldiger Freundlichkeit fragte sie ihn also, was er heute getan, wie er sich am gestrigen Abende im Flies'schen haus unterhalten habe, und da sie immer nur einsilbige, ablehnende Antworten erhielt, erzählte sie, um sich über einige Minuten fortzuhelfen, dass die Mutter den jungen Freund von Seba Flies sehr schön und sehr anziehend genannt und dass sie gemeint habe, die Flies hätten ihn gewiss für Davide zum mann bestimmt, weil der alte Herr Flies ihn in sein Geschäft aufnehme.

Unmöglich, ganz unmöglich! rief Renatus mit einer Heftigkeit, die Hildegard noch unbegreiflicher als sein ganzes bisheriges Betragen erschien.

Wesshalb denn unmöglich? Die Mutter hielt es für das Natürlichste!

Mich dünkt, ein Mädchen von Davidens Schönheit, das einst neben ihrem Vermögen voraussichtlich auch noch das ganze Flies'sche Vermögen erbt, hat andere Ansprüche zu machen und kann einen besseren Mann bekommen, als einen Menschen ohne Familie, einen Abenteurer. –

Renatus! rief Hildegard, ihr Erschrecken unter einem erzwungenen lachen verbergendDu tust ja wirklich, als ob Davide unter einer Schaar von Edelleuten und Grafen nur zu wählen hätte! Du vergissest wohl, dass sie eine Jüdin ist!

Durchaus nicht! Sie würde nicht die erste Jüdin sein, die einen Edelmann geheiratet hat! entgegnete er ihr.

Nun, vielleicht entschliessest Du Dich selbst dazu! sagte Hildegard mit bitterem Spotte, da sie ihre Bewegung nicht mehr bemeistern konnte und zuversichtlich glaubte, es bedürfe eben nur eines solchen Wortes, um Renatus, dem der Gedanke an eine nicht standesmässige Heirat gar nicht kommen konnte, zur Besinnung zu bringen. Aber sie verfehlte ihren Zweck, denn Renatus, der seit gestern Abend nur darauf gewartet hatte, einen Ableiter für seinen Unmut zu finden, und der, wie alle in der Kindheit verwöhnten Menschen, selbstsüchtig genug war, auch Andere leiden sehen zu wollen, wenn er selber litt, sagte gleichmütig: Es wäre vielleicht das Gescheiteste, was ich tun könnte, und Davide ist schön genug dazu.

Kaum war das Wort aber von seinen Lippen entflohen, so bereute er es, denn Hildegard brach in Tränen aus und wendete sich von ihm ab. Das konnte er nicht gut ertragen. Sie hatten als Kinder und auch später wohl bisweilen einen Streit mit einander gehabt, indess Hildegard hatte dann immer mit der Bemerkung, dass sie die Aeltere und Verständigere sei, eingelenkt und nachgegeben. Er dachte, sie solle das auch heute tun, und er war bereit, sie dann um Verzeihung zu bitten und zu versöhnen. Er vergass nur, dass sie jetzt in einem andern Verhältnisse zu einander standen, dass die einstige Jugendfreundin sich jetzt als seine Erwählte betrachtete und dass die Liebe oft weniger nachsichtig als die Freundschaft ist.

Er wartete eine Weile, er rief Hildegard bittend bei ihrem Namen, sie achtete aber nicht darauf. Sie wollte ihn gründlich fühlen lassen, was er ihr getan hatte, sie wollte sich auch satt weinen, denn sie musste sich eingestehen, dass er sie absichtlich quäle und verwunde.

Renatus seinerseits stand am Fenster, trommelte mit den Fingern leise auf dem Fensterbrette und überlegte, wie lange er warten solle. Das dauerte eine kleine Zeit, sie dünkte ihn jedoch lange, und als er sich eben anschicken wollte, fort zu gehen, weil er Hildegard nicht daran gewöhnen mochte, mit ihm die Unversöhnliche zu spielen und zu schmollen, trat sie an ihn heran und legte ihre Hand auf seine Schulter. Er wendete sich um und blieb betroffen stehenHildegard sah hässlich aus, wenn sie weinte.

Sie war überhaupt nicht regelmässig schön, sie hatte nur schöne Farben und den Jugendreiz, der blonden Mädchen eigen ist. Aber wie bei allen Blondinen vertrugen ihre Züge das Weinen nicht. Ihre feine Haut erschien fleckig, ihre Augenlider gerötet und ihre Gesichtszüge zeigten sich durch die Betrübniss so erschlafft, dass Renatus sich nicht darein finden konnte. Es tat ihm leid, dass sie sich entstellte