1864_Lewald_163_265.txt

schlug Stunde auf Stunde, der junge Freiherr konnte keine Ruhe finden, kein Schlaf wollte ihm kommen. Er wurde die Vorstellung nicht los, dass er von Paul beleidigt worden sei, dass er von Davide eine Kränkung erfahren habe, und je länger er an diese dachte, um so anziehender dünkte sie ihn, um so mehr wünschte er, sich von ihr ausgezeichnet und dadurch zugleich an Paul gerächt zu sehen. Er ging im geist alle die einzelnen Aeusserungen durch, die er an dem Abende von Davide gehört hatte, und sein Missmut wich davor. Er musste bei sich selber über die kecken Abfertigungen lachen, mit denen sie Herrn von Castigni's gedrechselte Complimente aus dem feld geschlagen hatte; er konnte sie sich deutlich vorstellen, alle ihre artigen Kopfbewegungen und das anmutige Spiel ihrer schönen hände, die sie, nach Art der Jüdinnen, bei dem Sprechen mehr als die deutschen Frauen brauchte und bewegte. Als der Tag herankam und er endlich müde zu werden begann, ertappte er sich darauf, dass er ihr eine dieser Handbewegungen nachzumachen versuchte, und als er dann, weil dieser Versuch ihn töricht dünkte, seine Gedanken, wie er das zu tun gewohnt war, vor dem Einschlafen auf die Geliebte richten wollte, von der zu träumen ihn sonst so glücklich machte, konnte er Hildegard's Bild aus seinem inneren nicht erzeugen. Alle Anstrengungen halfen ihm nichts; es waren immer nur Davide oder Paul, die er vor Augen hatte, und selbst im Schlafe gaben diese beiden ihn nicht frei.

Unerquickt erwachte er am Morgen erst, als es Zeit für ihn war, sich zur Parade ankleiden zu lassen. Während dessen brachte ihm der Diener des Grafen Gerhard eine Einladung, mit demselben zu Mittag zu speisen. Sie kam dem Freiherrn sehr gelegen, obschon er sonst nicht viel Verkehr mit seinem Onkel hielt, ja, ihn eigentlich, so viel er konnte, zu vermeiden suchte. Aber er fühlte eine Neigung, sich gegen Jemanden über sein unerwartetes Zusammentreffen mit Paul auszusprechen, und in seiner Schlaflosigkeit hatte er dabei wiederholt an seinen Onkel gedacht, der, wie er mit Sicherheit annehmen zu können meinte, um alle jene Ereignisse und Verhältnisse wissen musste, so dass Renatus sich keinen Mangel an Verschwiegenheit vorzuwerfen brauchte, wenn er dem Grafen von dem gehabten Erlebnisse Kunde gab.

Er war froh, als die Stunde der Parade vorüber war und er sich nach derselben, wie er seit dem Herbste pflegte, zu der Gräfin begeben konnte; da diese aber mit der jüngsten Tochter ausgegangen, und er Hildegard ihn erwartend und allein fand, war es ihm nicht recht. Er fragte, wesshalb sie die Mutter nicht begleitet habe; sie antwortete ihm, wie sie es vorgezogen, unter einem leichten Vorwande zurückzubleiben, um ihn zu erwarten, und das war ihm noch weniger genehm. Er meinte, so zuversichtlich erwartet zu werden, habe für ihn etwas Beängstigendes und lege ihm einen peinlichen Zwang auf. Sie entgegnete, dass sie ja nicht böse sei, wenn er einmal nicht kommen könne, und dass es ihr doch in jedem Falle Vergnügen mache, sich den ganzen Morgen mit einer angenehmen Hoffnung zu tragen.

Sie blickte ihn dabei freundlich an und mochte dafür ein begütigendes, ein zärtliches Wort von ihm erwarten; er blieb aber eine Weile still sitzen und äusserte danach, es sei für ihn übel genug, dass er, ohne Neigung zum Soldatenstande, durch seines Vaters Willen an des Dienstes immer gleich gestellte Uhr gebannt sei, wie es im Dichter heisse, und weil er nach der einen Seite also völlig gebunden sei, müsse er nach der andern Seite, müsse er in seinem übrigen Leben durchaus seine Freiheit bewahren, denn ohne Freiheit erlahme der Mann. Er habe ohnehin immer zu wenig Freiheit gehabt, er sei zu haus unter der Aufsicht des Caplans wie ein Gefangener gehalten worden; sein Vater habe in dem Alter, in welchem er sich jetzt befinde, halb Europa durchreist und Welt und Menschen gekannt: er hingegen habe noch nichts gesehen, nichts erlebt, und wie unerwünscht es ihm auch sei, mit dem französischen Heere gegen Russland zu kämpfen, so freue er sich eigentlich doch auf diesen Feldzug, weil er ihn aus dem Gleichmasse der Tage herauszureissen und in das offene, bewegte Meer des Lebens zu bringen verspreche.

Hildegard hörte ihm mit stummer Verwunderung zu. Sie konnte nicht begreifen, was mit ihm geschehen war. Nie zuvor in seinem Leben hatte er ein solches Verlangen nach Freiheit ausgesprochen, er war auch mit seinem Loose nie unzufrieden gewesen, und dass er jetzt den Krieg ersehnte, nur weil er ihn in die Welt und von ihr fortführen sollte, das kam ihr so unerwartet, tat ihrem zärtlichen Herzen so weh, dass sie sich still auf ihre Arbeit niederbeugte, damit er es nicht sehen sollte, wie sich ihr die Tränen in die Augen drängten. Trotzdem gewahrte er es; indess statt ihn zu rühren, war ihr Weinen ihm verdriesslich. Er hatte mit sich selbst genug zu tun und fühlte nicht Lust, sich als den Tröster der Geliebten zu betätigen. Aber während er dieses dachte, fiel es ihm ein, dass er ja überhaupt noch keine bestimmte Verpflichtung gegen dieses Mädchen habe. Er hatte sich niemals entschieden gegen Hildegard erklärt, niemals von seiner Liebe zu ihr gesprochen, und dass die unschuldigen Zärtlichkeiten, an die sie sich von Kindheit auf gewöhnt hatten, in der letzten Zeit einen wärmeren Charakter angenommen, das hatte Hildegard eben so wohl