irgend ein bedeutender Titel würden ihm weniger leicht entgangen sein.
Nun hatte das Zusammentreffen mit Paul ihn erschüttert und erschreckt zugleich. Nur eines Augenblickes hatte Renatus bedurft, um alle seine Erinnerungen wachzurufen und sie mit dem gegenwärtigen Eindrucke in Verbindung zu bringen. Er konnte nicht daran zweifeln: der Fremde, der mit so stolzer, selbstgewisser Haltung vor ihm gestanden hatte, war jener Knabe, den er einst in dem Flies'schen Laden gesehen, war derselbe, dessen völlige Aehnlichkeit mit seinem Vater ihm schon damals aufgefallen war, dessen Anblick seine Mutter auf das Krankenlager geworfen hatte, von dem sie nur für kurze Zeit erstanden war. Dieser junge Kaufmann war seines Vaters Sohn, der Sohn jenes Frauenzimmers, das sich in eifersüchtiger Verzweiflung das Leben genommen und an dessen eingesunkenem grab in der Ecke des Neudorfer Friedhofes Renatus einmal in seiner Knabenzeit von dem Jäger, der einst selbst ein Auge auf Pauline gehabt hatte, den ganzen Vorgang und Zusammenhang erfahren. Der Jäger hatte den Sohn Paulinen's wohl gekannt und hatte es bedauert, dass der arme Schelm wie seine Mutter um's Leben gekommen sei; und nun stand jener Todtgeglaubte plötzlich vor dem jungen Freiherrn, ganz unverkennbar seines Vaters Sohn.
Renatus konnte sich nicht erklären, was ihm das blosse Dasein dieses Mannes so widerwärtig machte. Es drohte seinen Rechten, seinem Besitze, seiner Stellung durch den Bastard seines Vaters nicht die mindeste Gefahr. Er hatte es durchaus in seiner Macht, die Begegnung mit Tremann zu vermeiden oder ihn nicht zu beachten, wenn der Zufall sie zusammenführte; aber trotz seiner Abneigung gegen Paul verlangte ihn danach, auf's Neue mit ihm zusammenzutreffen, weil ein unabweisliches Gefühl ihm sagte, dass er neben jenem nicht zu seinem Vorteil erschienen sei. Er wünschte, durch die Ueberraschung nicht mehr befangen, und Herr über sich und seine Mittel, sich abermals mit Paul messen zu können, um ihm seine Ueberlegenheit fühlbar zu machen.
Wie das geschehen sollte, davon hatte er freilich keine rechte Vorstellung; aber das eben peinigte ihn und regte ihn auf. Es war ihm zuwider, dass Paul ihn an Stattlichkeit des Aeussern so weit übertraf, dass er seinem Vater so ähnlich sah. Der vorzügliche Geschmack, mit welchem Paul sich kleidete, die sorglose Leichtigkeit, in der er sich bewegte, die Freiheit und Bestimmteit, mit denen er sich äusserte, die Geltung, deren er genoss, und vor Allem die spielende, freundliche Heiterkeit, mit welcher der junge Kaufmann seinem beginnenden Streite mit dem Freiherrn vorzubeugen getrachtet hatte, verdrossen den Letzteren, wie ihn selten etwas verdrossen hatte. Er wollte nicht geschont sein, von diesem mann am wenigsten geschont sein! Und wie er sich auch in einzelnen Augenblicken das Törichte dieser Abneigung klar zu machen suchte, er konnte nicht Herr über seine Missstimmung und über seine Aufregung werden.
Es war schon spät gewesen, als er nach haus gekommen war, denn die Gesellschaft war bei Seba lange zusammengeblieben, und es dünkte Renatus, als habe er Davide nie so reizend als eben an diesem Abende gesehen. Er hatte sie immer schön gefunden, aber die Freundschaft, welche er für seine Jugendgenossen, für die Gräfinnen Hildegard und Cäcilie hegte, hatte ihn im Ganzen wenig empfänglich für die Reize anderer Schönheiten gemacht, und seit er sich in seinem Herzen eingestanden, dass er Hildegard liebe, seit er in sich beschlossen, dass sie einst seine Gattin werden solle, hatte er andere Mädchen kaum noch beachtet.
Er würde wahrscheinlich auch an diesem Tage sich, wie immer, mehr zu Seba und zu den älteren Frauen gehalten haben, wäre ihm nicht die schüchterne Freundlichkeit aufgefallen, mit welcher Davide Paul begegnete. Er hatte es sonst nicht ohne Erstaunen gesehen, wie dieses junge Mädchen sich seiner Schönheit bewusst war, wie es den Eindruck kannte, den es auf die Männer machte, wie es Alt und Jung in der ihm angemessen dünkenden Entfernung zu halten und sich mit grosser Sicherheit seine Freiheit vor jedem ihm nicht erwünschten Anspruche zu bewahren verstand. Niemand hatte sich rühmen können, von Davide eine besondere Beachtung zu erhalten, und war es Renatus je einmal vorgekommen, als beweise sie sich gegen einen Andern freundlicher denn gegen ihn, so hatte er dabei kein Arg und keine unangenehme Empfindung gehabt, denn man entbehrt nicht, was man niemals begehrte. An diesem Abende jedoch war es ein Anderes gewesen.
Gleich als man aus Seba's Cabinet in die grosse stube gekommen, war Davide, ohne sich um die Uebrigen zu kümmern, auf Paul zugegangen, hatte ihm die Hand gereicht, ihm von dem Teater, von ihrer Freude an der Musik und von ihrem Vergnügen, ihn zu haus zu finden, gesprochen, und dieser hatte das hingenommen, als komme ihm das zu, als sei Davide eben noch das Kind, als welches sie sich gegen ihn bezeigte, und als tue er ihr einen Gefallen, wenn er ihrem freundlichen Geplauder sein Ohr nicht versage.
Renatus hatte sich darüber geärgert, das schöne Mädchen hatte ihm leid getan. Er hatte es durch seine Höflichkeit und Achtsamkeit für Paul's Vernachlässigung entschädigen wollen. Aber Davide musste ein solches Verhalten von dem Amerikaner wohl gewohnt sein und in der Ordnung finden, denn sie nahm die geflissentliche Annäherung des jungen Freiherrn gleichgültig auf und verliess ihn mitten in der Unterhaltung, um für Paul unaufgefordert die Zeitung zu suchen, nach der er im gespräche mit andern Männern den Diener gefragt hatte, der den Tee herumgab. –
Die Uhr