habe mich glücklich zu preisen, dass ich, als ein Bürger des freien Amerika, keinem Herrn einen Eid geschworen habe und keinen anderen Ehrengesetzen als denen meiner überzeugung nachzuleben brauche.
Seba und die Gräfin versuchten, sich in das Mittel zu legen; die gute und schöne Stimmung, welche in diesem auf das erhabene Ziel der Selbsterziehung und der Veredlung gestellten Kreise herrschte, kam ihnen dabei zu hülfe. Die älteren Männer traten ausgleichend zwischen die Streitenden, und Paul war auch bald bereit, sein Verhalten gegen den jungen Officier als ein Unrecht anzuerkennen. Er gestand ein, dass man die obwaltenden Verhältnisse nicht aus den Augen setzen dürfe, dass nicht Jeder sich in der unabhängigen Lage wie er befände, und als er sah, wie schwer es Renatus fiel, seine Gereizteit zu besiegen und zu einem Gleichmasse zu gelangen, bemächtigte sich seiner jene Reue des Mitleids, die sich einen Vorwurf daraus macht, seine überlegene Kraft gegen einen schwächeren Gegner angewendet zu haben. Aber die Unterhaltung kam nicht wieder in den gewohnten Fluss; man nahm also zu gemeinsamem Lesen seine Zuflucht, und auch hierbei traten die beiden jungen Männer einander bald wieder feindlich entgegen, als in dem vorgelesenen Werke die Liebe zum vaterland als die stärkste Triebfeder für die Handlungen des Mannes angegeben wurde.
Paul wollte das nicht gelten lassen; er nannte die Vaterlandsliebe ein beschränktes Gefühl, eine Art von bewusstlosem Instinct.
Renatus, der wie alle reizbaren Menschen eine von der seinen abweichende Meinung leicht als einen persönlichen Angriff auffasste, fuhr mit der Frage dazwischen: Aber was kümmert Sie denn Europa, was kümmert Sie Preussen, wenn Sie es nicht als Ihr Vaterland lieben? Wesshalb hassen Sie Napoleon, dessen Grösse Sie nicht läugnen werden, wenn Sie in ihm nicht den Unterdrücker Ihres Vaterlandes hassen?
Ich hasse in ihm den Tyrannen, den Wortbrüchigen, den Unterdrücker der Freiheit überhaupt, entgegnete Paul, ich läugne auch seine Grösse, denn sie ist nicht so gross als sein Glück, als die Gunst der Umstände, die ihn auf den Schultern und über die Köpfe einer entsittlichten Gesellschaft, einer verrotteten Monarchie emporgetragen hat; und, fügte er, da Seba's Augen ihn mit bittendem Blicke zur Vorsicht mahnten, in leichterem Tone hinzu, vielleicht sind es auch meine kaufmännischen Angelegenheiten, die mich die gegenwärtigen Zustände als unerträgliche und darum unhaltbare ansehen machen. Unter dieser Gewalterrschaft können Handel und Wandel nicht bestehen, kann das Capital sich nicht frei bewegen, leidet Jeder auf seine Weise.
Die Gräfin, welche befürchtete, Renatus möchte diese Entgegnung als neuen Spott empfinden, behauptete, sie könne jene letzten Gründe unmöglich als die für Paul bestimmenden betrachten; aber er blieb bei seinem Worte, und während sein schönes Gesicht sich wieder ganz und gar erhellte, rief er: Rechnen Sie denn die Habsucht und die Selbstsucht nicht überall zu den grossen, die Welt bewegenden und erneuenden Kräften? Sollen sie nur in Bonaparte ihre Geltung haben? Es ist ganz einfach, wie ich's sagte. Ich hasse Bonaparte, weil er mich in meinem Erwerbe stört. Tut das ein Jeder an seinem platz, so kommt Hass genug zusammen, ihn von seiner angemassten Höhe hinab zu stürzen; und wenn es auch nicht gross, nicht idealistisch klingt, seinen Erwerb in die erste Reihe zu stellen, so ist doch Idealismus genug darin verborgen; denn auf meinem Erwerbe ruht mein Hab und Gut, ruht mein Vermögen, das heisst die Unabhängigkeit und Freiheit meines ganzen Tuns und Lassens.
Solche Ansichten lagen eigentlich ausserhalb der Meinungen und Gesinnungen dieses Kreises. Seba hatte jene Gleichgültigkeit gegen den Besitz, welche man häufig bei bevorzugten Naturen findet, wenn sie, im Reichtume erwachsen, niemals eine Entbehrung kennen gelernt und sich gewöhnt haben, ihren Zustand der Wohlhabenheit wie eine Naturnotwendigkeit anzusehen. Die Gräfin hingegen und die anderen Genossen hatten mehr oder weniger unter der Not der letzten Jahre gelitten. Sie hatten sich beschränken, sich viel versagen, auf manches von ihnen bis dahin für unentbehrlich Gehaltene verzichten müssen, ohne dass sie sich in ihrem inneren Werte und in dem Aufschwunge ihres Geistes dadurch beeinträchtigt fühlten; und die Freunde waren desshalb in diesem Augenblicke eher dazu geneigt, die Bedeutung und den Wert der äusseren Glücksgüter zu unterschätzen, da sie sich mit ihren Gedanken und Hoffnungen aus der beengenden Gegenwart in den Bereich einer schönen und befreiten Zukunft erhoben. Trotzdem liess man die Aeusserungen des in den amerikanischen Freistaaten erwachsenen und durch die dort waltenden Anschauungen gebildeten Mannes endlich gelten, weil man sich zu seinem frischen, selbstgewissen und freien Wesen des Besten versehen zu können glaubte; und während Renatus sich mit Geflissenheit von dem weiteren gespräche fern hielt, fühlte die Gräfin sich von ihrer anteilvollen Neugierde getrieben, sich fast ausschliesslich mit Paul zu beschäftigen, bis man den Wagen des Hausherrn vor der tür halten hörte und die ganze kleine Gesellschaft sich in das Wohnzimmer begab, den Vater und die Hausfreunde und Gäste zu erwarten, welche sich häufig noch nach dem Teater einzufinden pflegten.
Eilftes Capitel
Renatus langte an dem Abende in lebhafter Aufregung in seiner wohnung an. Er hatte, seit er die Familie Flies besuchte, öfters von dem jungen Freunde Seba's, von dem Kaufmann Paul Tremann und von dessen bevorstehendem Eintritte in das Flies'sche Geschäft reden hören; da er jedoch sehr auf sich und seine Angelegenheiten gestellt war, hatte er wenig Achtsamkeit auf dasjenige, was ihn nicht persönlich anging, und der schlichte Name eines bürgerlichen Kaufmanns zog ihn nicht besonders an. Der Name irgend eines Edelmanns,