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bis an die tür des Gartensaales. Sie schüttelten einander herzlich die Hand, und Jener verliess das Haus und den Garten auf dem Wege, den er gekommen war.

Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Seba's Cabinet trat, fand er einen kleinen Kreis von Männern und Frauen, unter ihnen die Gräfin Rhoden, bei ihr versammelt. Man hatte sich, seit die patriotischen Vorlesungen vor Männern und Frauen gehalten worden, in denen Seba auch mit der Gräfin Rhoden bekannt geworden war, an bestimmten Abenden im Flies'schen haus vereinigt, um sich im gemeinsamen Lesen und in Besprechung des Gehörten aufzuerbauen; aber die Versuche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen, sich in diesen Kreis Eingang zu verschaffen, nötigten die Teilnehmer, sich gegenwärtig der regelmässigen Zusammenkünfte zu entalten und sich mit gelegentlichen Verabredungen zu behelfen.

Paul war den Freunden bereits bei einer seiner früheren Anwesenheiten in der Residenz zugeführt worden, und seit er nach jener ersten russischen Reise mit Briefen des Freiherrn von Stein an den Staatskanzler betraut worden war, hatte das Zutrauen des Kreises zu ihm und seiner Tüchtigkeit sich gesteigert, so dass er einer über seine Jahre grossen Geltung in demselben genoss. Die anwesenden Männer empfingen ihn mit freundlichem Handschlage, die Frauen hiessen ihn willkommen, nur die Gräfin Rhoden, die er früher noch nicht gesehen, weil Krankheit sie längere Zeit zurückgehalten hatte, schien von seinem Anblicke befremdet zu werden, und unwillkürlich blieben ihre Blicke auf ihn geheftet, als er sich nach geschehener Vorstellung von ihr zu den ihm bekannten Personen wendete.

Ein Beamter aus dem krieges-Ministerium, welcher schon früher angekommen war, hatte die Nachricht von dem Dresdener Congresse, die Paul als Neuigkeit mitbrachte, bereits vor ihm verkündet, und die Trauer über diese Kunde war unverkennbar. Man beklagte den König, man fand einen Trost darin, dass der Kaiser von Oesterreich sich zu dergleichen Anerkennung und Huldigung habe herbeilassen müssen, und bedauerte das los derjenigen preussischen Truppen, welche bestimmt waren, den feindlichen Eroberer auf seinem zug nach Russland zu begleiten. Fast jeder der Anwesenden hatte einen oder den anderen Bekannten in diesen Regimentern, und die Gräfin erwähnte, wie bitter ihr junger Vetter, der Lieutenant von Arten, dies Schicksal finde.

So soll er sich vor demselben wahren! meinte Paul.

"Wenn er Das könnte!" seufzte die Gräfin.

Er brauchte ja nur seinen Abschied zu nehmen, als man das neue Bündniss zur Reife kommen sah, das Preussen zu seiner Selbstvernichtung eingegangen ist.

Während er diese Worte aussprach, klopfte es an die tür, und ohne von dem Diener gemeldet zu werden, der es wusste, welchen Personen er den Zutritt gestatten durfte, trat der junge Freiherr in das Cabinet.

Sie kommen eben recht, lieber Renatus, rief ihm die Gräfin freundlich entgegen, sich wider einen Angriff zu verteidigen!

Einen Angriff? wiederholte der Lieutenant, indem er mit einem Blicke umhersah, der es aussprach, dass er dergleichen nicht gewohnt sei. Und darf ich fragen, wer mich in meiner Abwesenheit anzugreifen für notwendig hielt?

Seba hatte eine leise Bewegung bei dem lange und von ihr mit peinlicher Besorgniss erwarteten Zusammentreffen der beiden jungen Männer nicht verbergen können, und die Art und Weise, in welcher es sich jetzt gestaltete, war nicht geeignet, sie zu beruhigen; denn Paul erhob sich und sagte mit der ihm eigentümlichen, festen Bestimmteit: Ich, Herr von Arten, habe Sie nach der Meinung der Frau Gräfin angegriffen, obschon meine geäusserte Ansicht sich nicht auf Sie allein, sondern auf alle diejenigen Herren Officiere bezog, welche widerwillig den Fahnen des corsicanischen Tyrannen folgen.

Es war notwendig, die beiden jungen Männer, die, noch ehe sie sich kannten, feindlich zusammenstiessen, einander vorzustellen. Und als Paul sich zu der geforderten Begrüssung abermals von seinem platz erhob und sie nun aufrecht vor einander standen, fiel die grosse Verschiedenheit in ihrem Aeusseren den sämmtlichen Anwesenden auf. Paul überragte den feingebauten, schlanken Renatus um eines Kopfes Höhe, und seine breitbrustige Gestalt wie die Kraft der Jahre, welche er vor Renatus voraus hatte, liessen diesen in seiner knappen Uniform neben dem nach englischer Mode bequem und los gekleideten Bürger fast schwächlich erscheinen. Dazu erging es dem Freiherrn wie es der Gräfin ergangen war, Paul's Aehnlichkeit mit seinem Vater, die namentlich im Klange der stimme eine vollständige war, verwirrte ihn, und von der plötzlich in ihm aufsteigenden Erinnerung an sein einstiges, in der Knabenzeit erfolgtes Zusammentreffen mit diesem mann unwillkürlich ergriffen, sagte er kurz und trocken: So habe ich als ein Mitglied des Officiercorps wohl ein Recht, Sie um die Wiederholung jener Meinung oder Ansicht zu ersuchen.

Ich stehe mit Vergnügen zu Diensten, entgegnete Paul. Ich war der Meinung, dass es die Pflicht jedes preussischen Officiers gewesen sein würde, zur Zeit des neuen französischen Bündnisses seinen Abschied zu nehmen, wenn er die tyrannische Fremdherrschaft verachtet.

Den Abschied im Beginne eines Krieges zu begehren, gestattet die militärische Ehre nicht, und uns dem Befehle unseres Königs zu widersetzen, verbietet uns sowohl der Eid, den wir geschworen haben, als unsere angeborene Untertanenpflicht! antwortete Renatus mit jener hochfahrenden Sicherheit, die immer hervortrat, wo er die Vorrechte seiner Kaste und seines Standes angegriffen glaubte.

Paul verneigte sich, als lasse er diese Gründe gelten, und die kräftigen Lippen stolz aufwerfend, sprach er: So hat die Frau Gräfin unbedenklich Recht, wenn sie das los der preussischen Officiere bedauert, und ich