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land keinen wesentlichen Dienst und seine Gefahr steht für den Unternehmer ausser allem Vergleiche mit seinem wahrscheinlichen Gewinne, während er das Leben elender, armer Leute auf das Spiel setzt, die er obenein entsittlicht und verwildert. Von der Seite also habe ich nichts zu fürchten. Es sind reine Geldgeschäfte, die ich in Russland habe, und die mich auch in den nächsten Tagen wieder dortin führen werden.

Wissen Sie, dass Napoleon jetzt die Zustimmung zu einer Versammlung in Dresden erhalten hat, in welcher alle unsere Monarchen wie zu seiner persönlichen Huldigung erscheinen werden?

Nein, entgegnete Paul, ich wusste das nicht. Ich habe in den französischen Zeitungen nur von dem schönen Familienleben des Kaisers und von dem Frieden gelesen, den er ersehnt, um die Welt nach seinen grossen Planen zu beglücken! fügte er spöttisch dazu.

Und ganz Europa steht auf seinen Befehl jetzt unter Waffen, sagte der Andere. Zweimalhunderttausend Deutsche, die ausziehen, um sich als Nation selber vernichten zu helfen! Unsere Lage ist furchtbar! Wir gestatten dem ganzen französischen Heere den Durchzug; vor den Toren der Residenz ist unsere Festung den Franzosen übergeben. Die Residenz des Königs steht unter französischem Commando, zwanzigtausend Mann ziehen mit ihnen gegen Russlandes ist einer völligen Unterwerfung unter die Tyrannei dieses Corsen gleich! Es ist schlimmer, weit schlimmer, als alles, was wir achtzehnhundertsechs und sieben erlitten, denn wir tun anscheinend freiwillig, was wir damals unter dem Zwange der notwendigkeit ertrugen. Damals verliess der König seine Hauptstadt, jetzt ist sie auch in Feindes Hand, und der König selber wird gehen, unsern Unterdrücker in Dresden zu begrüssen! – Er ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und nieder; dabei verrieten seine Haltung und sein gang den Soldaten. Paul betrachtete die Briefe, welche jener ihm ausgehändigt hatte. Plötzlich blieb der Fremde vor ihm stehen.

Wann denken Sie abzureisen? fragte er.

In zwei, drei Tagen spätestens.

Pflegten Sie allein zu reisen?

Ich habe das letzte Mal einen Diener mit mir gehabt.

Und jetzt?

Ich beabsichtige, ihn wieder mit mir zu nehmen.

Würden Sie Sich meine Bedienung statt der seinen gefallen lassen? forschte der Fremde, während ein Lächeln um seine Lippen spielte.

Sie wollen in russische Dienste treten?

Ich halte es hier nicht aus! rief der Andere. Seit unser Regiment aufgelöst ward, seit die Schmach dieser Zeit auf uns lastet, habe ich keinen freien Atemzug mehr getan. Was hilft es mir, dass ich in dem Bureau des Staatskanzlers beschäftigt werde, dass er selbst mich gütig damit vertröstet, ich könne auch als Beamter meinem vaterland nützlich werden? Wozu haben alle diese Schreibereien und Verhandlungen geführt, als uns noch tiefer hinabzudrücken? Nur Eines hilft uns, nur Eines rettet unsder freie, offene Kampf!

Er unterbrach sich und fragte: Warum schweigen Sie, Tremann?

Weil Sie ohnehin wissen, lieber Werben, dass ich Ihre Ansicht teile; mich dünkt, wir haben uns darüber ausgesprochen, als ich zum ersten Male Sr. Excellenz die Briefe überbrachte, die man mir für ihn in Petersburg gegeben hatte.

An dreihundert unserer Officiere, nahm jener wieder das Wort, sind allmählich nach Oesterreich und Russland gegangen. Mein Vater kann mir, das fühle ich, in seiner Stellung die erlaubnis dazu nicht geben, so wenig er mich aufrichtig tadeln kann, wenn ich ohne dieselbe meiner überzeugung folge. Willigen Sie in meinen Plan, so sende ich morgen Ihren Diener mit einer Botschaft zu meiner Mutter, die ihn auf dem Gute behalten soll, bis Sie ihn zurückverlangen, und Sie bringen mich an seiner Statt über die Grenze nach Russland hinüber.

Das kann geschehen, sagte Paul nach kurzer überlegung.

Und Sie selbst, Tremann, Sie, der Sie doch jenseit des Oceans freie Luft geatmet haben, der Sie frei und durch nichts gebunden sind, denken Sie wieder in diese Kerkerluft zurückzukehren, freiwillig noch länger in der Knechtschaft zu verharren, in welcher fast ganz Europa schmachtet?

Ich bin nicht frei; ich habe mit meiner person für fremdes, mir anvertrautes Gut zu stehen und mein Vermögen zu bewahren, auf dem meine persönliche Unabhängigkeit beruht, entgegnete Paul. Aber alle Schritte sind getan, mich von den Verpflichtungen zu lösen, mit denen ich Anderen verhaftet bin, und ich hoffe, zu rechter Zeit über mich verfügen zu können.

Er stand mit den Worten auf, ging an seinen Schreibtisch, schrieb in mehrere einzelne Blätter immer nur wenige Worte und benutzte diese Blätter zu Umschlägen über die Briefe, welche Herr von Werben ihm ausgehändigt hatte. Dann adressirte er sie nach verschiedenen Orten und wollte dem Comptoirdiener schellen, der sie fortbringen sollte; aber er besann sich eines Anderen.

Kommen Sie zu Seba hinauf? fragte er.

Nein; ich glaube, es ist geratener, wenn ich's unterlasse, da Sie nun den Freunden mitteilen können, was Sie von mir gehört haben. Nur dass ich mit Ihnen gehe, lassen Sie nicht verlauten. Nichtwissen macht unverantwortlich.

So will ich Sie gleich nach dem Gartensaale führen, antwortete Paul, und die Briefe danach selbst zur Post besorgen. Es weiss dann ausser dem Gärtner, auf den man sich unbedingt verlassen kann, Niemand, dass ich einen Besuch gehabt habeund unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft des Generals uns jetzt, wie ich glaube, in der Tat.

Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein, Paul geleitete ihn durch das Nebenzimmer