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Bekanntschaft und ihre Freundschaft mit den bedeutendsten Personen der Residenz waren dem jungen mann in hohem Grade zu Statten gekommen. Um aber von solchen fremden Errungenschaften Vorteile ziehen zu können, muss man die Fähigkeit und die Kraft haben, sie sich anzueignen und in sich zu verarbeiten; denn wer ererbten oder ihm zufällig durch Schicksalsgunst zugewendeten Besitz nicht zu einem Fussgestell für sich zu machen und sich darauf emporzuschwingen weiss, dem wird er zu einer Last, die er auf seinen Schultern tragen muss und die ihn niederdrückt. –

Davide las den ganzen Morgen hindurch. Wenn sie die Briefe beendet zu haben glaubte, stiess ihr immer wieder ein neuer Zweifel auf. Es blieb so Vieles ungesagt, was sie zu hören wünschte. Sie bewunderte Paul, dass er so wenig von seinen einzelnen Erlebnissen berichtete, und sie war ihm doch böse darum denn sie hätte Alles wissen, über jeden Tag und jede Stunde, über jeden Kummer, den er getragen hatte, und über jede Freude, die ihm zu teil geworden war, genaue Kunde haben mögen. Sie forschte in den Briefen nach, ob denn von ihr gar nicht darin die Rede sei; aber heute verargte sie es der Tante zum ersten Male nicht, dass sie Paul, dass sie den tapfern Paul so vorzugsweise liebte.

Zehntes Capitel

Die Auflösung von Paul's kaufmännischem Geschäfte, die Uebertragung seines Vermögens in das Flies'sche Haus wurden augenblicklich in Angriff genommen, nachdem man über die Art und Weise, in welcher jene Auflösung erfolgen, wie über die Bedingungen einig geworden war, unter denen Paul in das Flies'sche Haus eintreten konnte, ohne die Verhältnisse zu seinen früheren Chefs, mit denen er noch für verschiedene gemeinsame Unternehmungen verbunden war, unzweckmässig lösen zu müssen.

Er war dadurch zu mannigfachen Reisen genötigt, und sein Kommen und Gehen bildeten für Seba die Abschnitte, an welchen sie in dem ohnehin durch die äusseren Ereignisse viel bewegten Winter die Zeit abmass. Sie hatte ihm in den Räumen, welche zwischen dem Comptoir und dem Gartensaale gelegen waren, eine wohnung eingerichtet, weil alle freien Zimmer des oberen Geschosses bereits wieder von einer französischen Einquartierung eingenommen waren, und da man diese Letztere nicht wohl von der Geselligkeit des Hauses fern halten konnte, hatte man sich gewöhnt, mit denjenigen Personen, mit denen man vertraulich zu verkehren wünschte, vor der Gesellschaftsstunde in Seba's kleinem Cabinette zusammen zu kommen, zu welchem sie sonst Anderen den Zutritt nicht gern gestattet hatte.

Draussen heulte der Wind und trieb den Schnee in wildem Wirbel durch die mit Glatteis bedeckten Strassen. Das Frühjahr begann mit argen Stürmen. Herr Flies war mit Davide in das Opernhaus gefahren, in welchem man, dem Geschmacke der Franzosen nachgebend, eine neue Cherubini'sche Oper aufführte, und er hatte sich, gern oder ungern, die Begleitung des Herrn von Castigni gefallen lassen müssen, der sich seit einigen Tagen unter dem Vorwande, dem dort wohnenden General beigegeben zu sein, in das Flies'sche Haus einquartieren zu lassen gewusst hatte.

Am Morgen war Paul wieder einmal angekommen. Nun brannte in seinem Zimmer Licht, und trotz des Wetters Ungunst hatte er die Laden desselben nicht geschlossen. Der helle Lichtschein fiel auf die einsamen Wege des Gartens hinaus, welche der alte Gärtner, der schon zu fräulein Ester's zeiten im Dienste gestanden hatte, in diesem Winter täglich säuberte und fegte, weil, wie er sagte, Mamsell Seba ihren freien gang nach dem Monumente doch auch im Winter haben sollte. Aber es war nicht Seba, es war überhaupt kein Frauenzimmer, das in der vorgerückten Abendstunde unten am wasser durch die Seitentüre in den Garten eintrat und sich unter dem Schatten der Gartenmauer mit raschem Schritte dem haus näherte.

Der Gärtner, der ihn eingelassen, hatte sich gleich darauf entfernt. Der Kommende musste jedoch von Paul erwartet worden sein, denn die tür des Gartensaales ward von innen geöffnet, als Jener sich demselben nahte, und gleich darauf wurden die Laden in Pauls stube zugemacht.

Der Fremde war ein Mann in gewählter bürgerlicher Kleidung. Er warf den weiten Mantel, der seine ganze Gestalt verhüllte, von seinen Schultern, schüttelte Paul die Hand und sagte, während er ein Packet Briefe aus seiner Brusttasche hervorzog: Nehmen Sie das vor allen Dingen! Es ist vermutlich das letzte Mal, dass wir Sie bemühen!

Wie das? fragte Paul überrascht.

Man ist auf Sie aufmerksam geworden, glaubt Sie um Ihrer amerikanischen Verbindungen und Ihrer wiederholten Reisen nach Russland willen auch mit England in Geschäftsverbindung, hegt die Vermutung, dass Sie dem über Russland gehenden englischen Schleichhandel nicht fremd sind, und die geflissentlich vermittelte Einquartierung des baron von Castigni in das Flies'sche Haus gilt wesentlich Ihnen. Es dürfte also nicht mehr geraten sein, Ihrer gefälligkeit die Briefe anzuvertrauen, die man gegenwärtig unter kaufmännischen Adressen freilich am sichersten befördert. Indess wenn Sie sich der Besorgung dieses Mal noch unterziehen wollten, so würden Sie uns sehr verbinden!

Paul hatte dem Redenden achtsam zugehört; dann sagte er: Ich danke Ihnen für die Warnung, die ich durch Sie erhalte. Sie kommt mir nicht unerwartet, denn Mademoiselle Flies hatte mir schon Aehnliches mitgeteilt. Dass ich mit dem Schleichhandel nichts zu tun habe, brauche ich Ihnen nicht zu versichern, obschon gegen die rohe Gewalt mir jedes Mittel erlaubt dünkt. Hätte ich die Möglichkeit gesehen, eine grosse, regelmässige Einfuhr überseeischer Produkte über Russland zu bewerkstelligen, so würde ich sie benutzt haben; der Schleichhandel aber leistet dem