nicht wohl empfangen oder gar abgewiesen zu werden, hielt mich von der Ausführung meiner Wünsche zurück, und in mein Planen und einsames Sinnen fiel, wie ein vernichtender Wetterstrahl, die eilige und harte Erklärung der Kriegsrätin, dass mein Vater sich meines Daseins schäme, dass meine Geburt mich mit unauslöschlicher Schande brandmarke, dass ich es als ein Glück und eine Gnade anzusehen hätte, wenn eine andere Familie, wenn sie und der Kriegsrat sich entschlössen, mit ihrem Namen die Schande meiner Abkunft grossmütig zu verdecken.
Ich müsste viel Zeit darauf verwenden, wollte ich Dir deutlich machen, was in der Einen Nacht in meinem inneren vorging und was ich in mir erlebte, als am nächsten Tage mein Vater, den ich mit klopfendem Herzen wiedersah und der mich auch erkannte, sein Auge von mir wendete, da ich ihm im Laden gegenüber stand.
Ich konnte nicht bleiben! Wie sollte ich, so rief es immerfort in mir, einem andern Menschen frei unter das Auge treten, da meines Vaters Auge sich von mir abgewendet hatte? Ich fürchtete, ich scheute mich vor Jedem, der mich kannte, die Scham trieb mich von dannen.
Ich lief nach dem Hafen hinaus. Ich war stets gern im Hafen gewesen, das Kommen und Gehen der Schiffe, die Namen der Orte, von denen sie kamen, hatten mich oft beschäftigt, meine Gedanken oft in die weite Ferne gelockt; aber als ich an dem Bollwerke des Ufers auf und nieder ging, ohne zu wissen, wohin ich mich wenden sollte, gewann das wasser selbst eine Gewalt über mich. Es zog mich an. Ich dachte, so müsse es meiner Mutter auch gewesen sein und ich müsse es machen wie sie, als auch ihr das Leben und die Schande zu viel und zu schwer geworden waren. Ich stellte mir mit Vergnügen vor, wie die Kriegsrätin, die mir so weh getan hatte, erschrecken würde, wenn man ihr meine Leiche brächte; ich hoffte, auch meinem Vater werde es Kummer machen und Reue einflössen, und so voll Bitterkeit und Hass war meine Seele, dass ich Deiner kaum dabei gedachte. Ich wollte mir das Leben nehmen, um der Schande los zu werden und mich an denen zu rächen, die mir alle diese Qual bereitet hatten.
So ging ich immer weiter, bis ich zur Stadt hinaus und an den letzten Ladeplatz des Aussenhafens gelangt war, an welchem die Schiffe den Ballast einzunehmen pflegen. Ich hatte dort oft gespielt. Den Tag über trieb ich mich in den Dünenhügeln umher. Ich wollte für meine Tat den Abend abwarten, wenn es einsam und still am Strande geworden sein würde und Niemand mir zu hülfe kommen könnte; aber als der Abend kam, als das helle Blau des Wassers dunkel zu werden begann, als die Nacht sich darüber ausbreitete, graute mir vor dem wasser und vor dem tod. Ich war sehr müde, das machte mich zu meinem Glücke verzagt; indess nicht umzukehren blieb ich doch entschlossen, und ich war jetzt auch auf einen andern Ausweg verfallen.
An der Landungsbrücke lag eine amerikanische Brigg. Ich hatte gesehen, dass sie zum Auslaufen bereit war, hatte die Arbeiter sagen hören, dass sie am nächsten Morgen absegeln würde. Darauf gründete ich meinen Plan und meine Hoffnung. Beim Tagesgrauen brachte ein Bursche noch einen Korb voll frischen Brodes nach dem Schiffe. Er hatte offenbar noch andere Schiffe zu versorgen, denn er war sehr beladen, liess mir einige Brödchen ab und war es gern zufrieden, dass ich ihm bei dem Tragen half. So kam ich auf das Deck, als man schon die Anker lichtete, und in der Eile und der Hast der Arbeit ward man es nicht gewahr, dass ich nicht, wie jener Bursche, das Schiff verliess, sondern mich die Treppe hinabstahl und in einem der untersten Räume eine Zuflucht suchte.
Nie wieder habe ich ein solches Gefühl von Zufrie
denheit, von Glück und von Freiheit gehabt, als in dem Augenblicke, da die Anker völlig aufgewunden, das Boot, das uns hinaus bugsiren sollte, niedergelassen worden war, und als dann endlich der frische Wind, der in unsere Segel blies, uns vorwärts trieb. Ich hatte Mühe, unten in der Finsterniss des Raumes auszuhalten. Ich wünschte es zu sehen, wie wir die Stadt verliessen, mich zu überzeugen, dass wir sie nicht mehr sehen konnten; aber die Besorgniss, dass man mich zurückschicken könne, wenn wir einem einlaufenden Schiffe begegneten, hielt mich in meinem Versteck gefangen, bis spät am Tage der immer lebhafter werdende Durst und das neugierige Verlangen nach der Entscheidung meines Schicksals mir den Mut gaben, mich hinauf zu wagen.
Während ich mich in diesem Augenblicke zum er
sten Male im Zusammenhange jenes Tages und meiner Erlebnisse erinnere, fällt mir die Zeit ein, in welcher ich mit Dir den Robinson, und jene spätere Zeit, kurz vor meiner Flucht, in welcher wir den Don Quixote gelesen haben. Es hat eben Jeder von uns einen Zug zum Abenteuerlichen in seiner Seele, und darauf gründet sich wohl auch die ewige Wirksamkeit jener Bücher, die uns zum Vorbilde und zum Spiegel werden, wie die Ritterbücher dem guten Helden von der Mancha.
Ich hatte mir es in meinem Verstecke reiflich ausgemalt, wie der Capitän mich empfangen, was ich ihm sagen würde. Einen ganzen kleinen Roman hatte ich mir ausgedacht; nur Eines hatte ich übersehen, dass ich des Englischen nicht mächtig war, und als ich dann auf das Verdeck kam