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es mir so schön verziehen haben! Gute Nacht, Du Liebe! rief er ihr noch einmal zu, und da sie ein Gefallen daran hatte, sich seinem Rate unterzuordnen, fragte sie ihn noch einmal, was sie mit Davide machen solle.

Gieb ihr die rote Brieftasche, meinte er, im grund hat es auch Nichts auf sich, wenn sie die ganze Wahrheit weiss, wenn sie den Namen meines Vaters ahnt. Mich dünkt, sie kann den ganzen Inhalt lesen, und geringfügig, wie er ist, wird er ausreichen, sie zwischen uns wieder festzusetzen. Denn fest sitzen und fest stehen, wo man sich befindet, das ist die Hauptsache, wenn man in sich zu etwas kommen soll!

Neuntes Capitel

Am andern Morgen arbeiteten Herr Flies und Paul schon zeitig mit einander. Seba fuhr früher aus, als sie pflegte, ohne zu sagen, wohin sie sich begebe, und Davide sass einsam in dem kleinen Stübchen, das man ihr seit ihrem letzten Geburtstage zu alleiniger Benutzung eingeräumt hatte. Sie hielt eine alte, grosse Brieftasche, deren fahl gewordenes rotes Leder, deren plumpe Form es deutlich zeigten, dass sie geringen Leuten angehört haben musste und von diesen viel gebraucht worden war, in ihren Händen. Indess das junge Mädchen blickte darauf wie auf ein Heiligtum hin, und scheu und ehrfurchtsvoll, wie man an ein solches herangeht, öffnete sie dieses alte, ihr anvertraute Familienstück.

Es lagen nur vergilbte Briefe und Documente in der Brieftasche. Der Taufschein eines Hans Christian Mannert, der vor sechsundsiebenzig Jahren geboren worden, der Taufschein einer Louise Maria Wendinn, die um acht Jahre jünger war, und der Trauschein dieser beiden. Dann fand sich ein Taufschein der Pauline Louise Mannert, des Jägers Mannert Tochter, unter deren Taufzeugen sich die gnädige und hochgeborene Frau Baronin Pauline Amanda von Arten-Richten aufgeführt fand, und endlich das Taufzeugniss eines Paul Franz Mannert, der Pauline Mannert unehelich geborenen Sohnes, die alle sammt und sonders in der Kirche zu Neudorf die Taufe empfangen hatten. Daran reihte sich ein Attest, welches die Aufnahme des neunjährigen Paul Mannert in das Gymnasium bescheinigte, eine Anzahl von Schulzeugnissen schloss sich diesem an. Das letzte von diesen war in dem vierzehnten Jahre des Schülers ausgestellt und ein Zeitraum von mehr als fünf Jahren trennte es von dem ersten der in der Mappe vorhandenen Briefe, der nur aus wenig Linien bestand.

Er war mit einer festen kaufmännischen Hand geschrieben, an Mademoiselle Seba Flies nach deren Vaterstadt adressirt und entielt nichts, als die folgende Anfrage: "Dein früherer Schützling, liebe Seba, den das Andenken an Deine Güte für ihn nie verlassen hat, möchte Dir Kunde von sich geben, wenn Du ihm seine Flucht verzeihen und von ihm hören willst. Es geht ihm sehr wohl, und er hat nichts zu bereuen und zu bedauern, als dass seine Entfernung aus dem vaterland, das ihm keine Heimat ist, ihn auch aus Deiner Nähe entfernte. Denkst Du seiner noch, willst Du von ihm hören und ihn sehr erfreuen, so schreibe ihm und sage ihm, wie es Dir, wie es Deinem guten Vater, Deiner Mutter und dem Herrn Kriegsrat geht. Unter dem Namen Paul Tremann treffen ihn alle Briefe, die an das Handlungshaus von Samuell Willway Gebrüder, New-York, gerichtet werden."

Ein zweiter, offenbar als Entgegnung auf Seba's Antwort geschriebener Brief schilderte Paul's Erlebnisse seit seiner Flucht.

"Ich weiss es Dir nicht auszusprechen," hiess es in demselben, "meine teure, geliebte Seba, wie mir zu Mute war, als ich vor zwei Tagen Deinen Brief in meinen Händen hielt! Ein ganz neues Gefühl ist über mich gekommen, ich habe Heimweh empfunden, Heimweh nach Dir, die Du das einzige bist, was mich an Europa und an meine sogenannte Heimat fesselt! Der Gedanke, dass Du gestorben sein könntest, dass ich Dich nicht wiedersehen würde, hat mich oft gequält, und ich kann daran ermessen, wie schwer der Tod Deiner Mutter auf Dich und auf Deinen Vater eingewirkt haben muss! Ich möchte da gewesen sein, Dich zu trösten, ich möchte überhaupt bei Dir sein können, um Dir Freude zu machen, Dir eine Stütze zu werden, wenn einmal auch Dein Vater hingehen wirdund während ich das schreibe, sage ich mir, es werde Dich dies anmasslich und befremdlich dünken, da ich in Deiner Erinnerung nur als ein Knabe lebe, der sich selber nicht zu helfen wusste, bis eine gewaltsame Empfindung ihn zu einem gewaltsamen Entschlusse brachte.

Da Du mich nicht vergessen hast, wirst Du Dich auch erinnern, wie der Gedanke, meinen Vater in meiner Nähe zu wissen, mich bewegte. Ich hatte im Herzen ein Bild von ihm bewahrt, ich dachte an ihn wie an den schönsten Mann, ich wusste, dass er mich geliebt, dass ich auf seinen Knieen gesessen, dass er mich geküsst hatte, dass er mir freundlich gewesen war.

Im täglichen Leben fiel mir das nur selten ein, aber seit ich älter geworden war, träumte ich bisweilen davon, und ich hegte damals noch die Zuversicht, dass meine Träume sich doch einmal verwirklichen müssten. Es war meine Märchenwelt, und mein Vater war es, der sie beherrschte.

Als ich dann plötzlich erfuhr, dass mein Vater in der Stadt sei, liess es mir keine Ruhe. Ich hatte ein Verlangen, zu ihm zu gehen, bei ihm zu sein, aber die Furcht,