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gekommen, in denen die sorgsame Liebe ängstlich auf jedes Zeichen von Schwäche oder von der notwendig beginnenden Abnahme der Kräfte achtet, weil man auf deren Neubelebung nicht mehr zu rechnen hat; aber Paul versicherte ihr, dass er keinen Wechsel weder in ihres Vaters körperlicher Rüstigkeit noch in seiner geistigen Frische und Festigkeit bemerke, und er erinnerte sie daran, dass Herr Flies während des Abendessens von weitgreifenden kaufmännischen Planen gesprochen habe, was man im Greisenalter immer als das beste Zeichen einer gesunden Kraft betrachten müsse, weil ein hinfälliger Mann, im Gefühle seiner Ohnmacht, sich nicht leicht zu solchen Gedanken verleitet fühle. Dagegen meinte er, dass mit Davide eine grosse Wandlung vorgegangen sei.

Als ich vor vier Monaten hier war, sagte er, dünkte sie mir noch völlig ein Kind zu sein. Ihre unruhige Neugier, ihre oft unbegreifliche Verlegenheit und daneben das oft eben so unbegreifliche Zutrauen, mit dem sie fragen tun und Erörterungen veranlassen konnte, die sonst Niemand herbeigeführt haben würde, hatten noch etwas völlig Kindisches. Sie hatte für mich nur Bedeutung, weil Du sie liebst, weil sie zu Deinem Lebensglücke gehört; ich für mein teil hätte sie Tage lang um mich haben können, ohne dass es mich gefreut oder gestört hätte. Heute finde ich plötzlich, dass sie anziehend geworden ist. Ihr blick ist stätiger, ihre stimme weicher, und das knabenhaft Herbe, das mir an ihr missfiel, scheint sich auch verloren zu haben. Sie hat etwas Demütiges bekommen, etwas Mädchenhaftes, das ihr sehr wohl ansteht.

Seba nickte zustimmend. Du irrst Dich nicht, entgegnete sie, aber diese Wandlung ist der neuesten eine. Sie hat sich heute, eben in diesen Stunden erst vollzogen, und Du hast mehr Anteil daran, als Du es weisst. Was Du für mädchenhafte Demut hältst, ist ein Schuldbewusstsein, eine Art von Reue, und diese wird vielleicht dazu dienen, die herbe Sprödigkeit in Davidens Wesen, die an und für sich mir immer als ein Zeichen innerer Gesundheit an ihr erschienen ist, zu brechen.

Wie soll ich das verstehen? fragte Paul.

Seba setzte ihm danach auseinander, was vorgegangen war; er hörte ihr achtsam zu und meinte, das junge Mädchen sei in seinem Rechte gewesen, als es Aufklärung über die Verhältnisse gefordert, die ihm auffallend und unverständlich gewesen wären. Es könne sich kein denkendes Wesen zwischen Rätseln wohl befinden, und es gefalle ihm von Daviden, dass sie den Mut gefunden habe, Aufklärung zu fordern.

Seba fragte ihn, was sie ihr über seine Jugend und Vergangenheit sagen solle. Er besann sich eine kleine Weile und meinte sodann, dass es nicht nötig sei, ihr den Namen seines Vaters zu nennen.

Seba bemerkte, sie sei dazu ohnehin nicht geneigt gewesen, da Renatus jetzt, wie er wisse, öfter in ihrem haus sei, und sie knüpfte daran das Bedenken, ob es Paul nicht unerwünscht sein würde, den jungen Freiherrn gelegentlich bei ihr zu treffen.

Mir? fragte der Erstere, indem er sie mit einer gewissen Befremdung ansah. Ich wüsste nicht, dass ich die Begegnung mit irgend Jemandem, am wenigsten eine solche mit diesem jungen mann zu scheuen hätte; und auch ihm, obschon ich nicht die mindeste Ursache habe, auf seine Empfindungen Rücksicht zu nehmen, wird es, wie ich mir denke, sehr gleichgültig sein, mit mir zusammen zu kommen. Ich und er haben nichts mit einander gemein, am wenigsten aber wahrscheinlich in unseren Anschauungen, und wer weiss es, ob er mich überhaupt erkennt oder in wie weit seine Erinnerungen an seine Kindheit und an den Tag, an welchem wir uns gesehen haben, in ihm lebendig geblieben sind?

Es war darüber spät geworden, und die Ermüdung fing an, sich dem jungen mann fühlbar zu machen, da er seit mehreren Nächten in kein Bett gekommen war. Er küsste Seba's Hand, als er ihr eine Gute Nacht wünschte; sie umarmte ihn wie einen Sohn. Die Aussicht, dass sie künftig an demselben Orte, in demselben haus leben würden, hatte für Beide einen grossen Reiz, und Paul gefiel sich darin, es der älteren Freundin auszumalen, wie er sie hegen und pflegen wolle und wie gut er es neben ihr haben würde. Sie hörte ihm mit stillem, glücklichem Lächeln zu, aber ihr Haupt sorgenvoll wiegend, meinte sie: Was aber liegt noch alles zwischen dieser Stunde und der freudevollen Ruhe, die Du mir versprichst? Es müssen noch Wunder geschehen, ehe wir sie geniessen können!

Wunder? Was sind Wunder? rief Paul mit Heiterkeit. Alles ist ein Wunder und nichts ist ein Wunder! Ist's denn nicht auch ein Wunder, dass ich jetzt hier in Deiner Nähe bindass ich armer Junge mich auf dem besten Wege befinde, ein reicher Mann zu werdendass der Stein, den die Bauleute verworfen haben, vielleicht noch einmal zum Eckstein wird?

Die alte Wunde in Dir ist nicht vernarbt! bemerkte Seba warnend.

Vernarbt bis auf die letzte Spur, versicherte der junge Mann, und sie schmerzt bei keinem Wetterwechsel! Bringt mich der Zufall einmal dazu, die Stelle zu betrachten, an der sie sitzt, so sehe ich die Narbe nur, um mich darüber zu freuen, dass ich stark und gesund genug zu solcher Heilung war, dass ich Niemandem dafür zu danken habe, und dass die Einzigen, gegen die ich ein Unrecht begangen, eben Du und Dein Vater sind, die