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sass Paul in dem Cabinette, welches an das Comptoir des Hauses anstiess, mit Herrn Flies und Seba in ernstem gespräche beisammen. Es war Posttag und in dem Comptoir arbeiteten die Gehülfen noch still und schweigend an ihren Pulten, obschon es später als gewöhnlich war. Die Reitpost, welche zweimal in der Woche den Briefverkehr nach Osten besorgte, ging früh am anderen Morgen ab, und den grossen Handlungshäusern, die in dem Postbureau ihre laufenden Rechnungen hatten, war es vergönnt, ihre Briefe noch über die allgemeine Schlussstunde der Briefannahme zur Beförderung auf die Post zu senden.

Paul hatte ein Notizbuch in der Hand, ein Copieheft und eine Anzahl Briefe lagen neben ihm. Er wünschte Herrn Flies Auskunft über die Erfolge einer gemachten Geschäftsreise zu geben, sofern dieselben nicht aus seinen früheren Briefen ersichtlich waren, und Seba hörte schweigend zu, obschon sie einsichtig und unterrichtet genug war, um an dieser Unterhaltung einen lebhaften Anteil zu nehmen, auch wenn es nicht ihr Vater und Paul gewesen wären, welche sie führten. Es freute sie eben so die scharfe klarheit, mit der ihr Vater alle seine fragen stellte, als die sichere Bestimmteit, mit welcher Paul sie beantwortete; denn Sachkundige sich auf einem Gebiete bewegen zu sehen, das sie voll und ganz beherrschen, gewährt an und für sich immer eine Genugtuung, weil es uns, gleichviel von welcher Seite, einen Einblick in das grosse, aus den verschiedensten Bestandteilen sich zusammensetzende Getriebe des jedesmaligen Culturzustandes vergönnt, während es uns zugleichund dieses Letztere genoss Seba in dem Falle mit besonderer Befriedigungachtung vor dem menschlichen Wollen und Vollbringen einflösst.

Herr Flies schien wohl zufrieden zu sein mit allem, was der junge Mann berichtete. Paul musste danach Auskunft über seine Erlebnisse während dieser Abwesenheit geben, und als man endlich von dem Besonderen und Persönlichen zu dem Allgemeinen überging, als man des furchtbaren Druckes gedachte, den die Napoleonische herrschaft auf ganz Europa ausübte, fragte Seba, wie Paul die Stimmung gegen Napoleon in Russland gefunden habe.

Paul sah sich vorsichtig um, machte die tür, welche nach dem Nebenzimmer führte, noch besonders zu und sagte darauf: Wie wir es nur wünschen können! Der Hass gegen ihn ist dort vollkommen so stark und so feurig, als hier bei uns, und es sind dort Männer, welche die Glut zu erhalten und zu schüren wissen. Ich habe Briefe des Freiherrn vom Stein an den Staatskanzler mitgebracht.

Du? Und wie kamst Du zu solchen Briefen? fragte Herr Flies.

Paul nannte den Namen eines grossen englischen Banquiers, in dessen haus er den Freiherrn gesehen hatte und ihm vorgestellt worden war. Der Freiherr, sagte er, hat von mir, da ich gerades Weges von Deutschland kam, Auskunft mancher Art verlangt, die ich ihm geben konnte; und als er hörte, dass ich mich von Petersburg eben so geraden Weges hierher begeben würde, hat er mich gefragt, ob ich mich entschliessen könne, Briefe von ihm nach Deutschland mitzunehmen.

Und Du? fragte Seba ängstlich, da ein solcher Dienst für jenen Geächteten gefährlich genug war.

Nun, ich habe mich natürlich nicht besonnen, entgegnete Paul; ich war glücklich genug, den Mann zu sehen, stolz darauf, etwas für ihn leisten zu können, und noch heute will ich die Papiere in die hände des Staatskanzlers überliefern.

Er nahm, während er das sagte, die Pelzmütze, die er auf der Reise getragen, von dem Seitentische, auf dem er sie liegen hatte, zog ein kleines Messer hervor und fing an, den breiten Zobelbesatz, der sie umgab, mit schneller Hand herunter zu trennen und die Briefe, welche unter demselben verborgen gewesen waren, sorgfältig zu glätten.

Welch ein Zustand, rief Seba, in dem die Bewohner eines ganzen Weltteiles unter der Tyrannei eines Einzigen ihres Lebens nicht mehr sicher sind; in dem jede persönliche Freiheit wie die allgemeine Freiheit gleichmässig bedroht, in dem jede selbstbestimmte Tat gefährlich wird! –

Bis, fiel Paul ihr in das Wort, und seine grossen Augen funkelten in schönem Feuer, bis alle die Einzelnen sich zu einer grossen, selbstbestimmten Tat vereinen, und dieser ersehnte Augenblick wird nicht lange auf sich warten lassen! – Er hatte das mit mehr Lebhaftigkeit gesprochen, als er bisher gezeigt, aber seine stimme zu leiser, vertraulicher Mitteilung senkend, fuhr er fort: Man erwartet in Russland den von Napoleon beabsichtigten Angriff mit eiserner, gewaltiger Entschlossenheit, und würde selbst der Kaiser Alexander schwankend, so ist er von Männern umgeben, die ihn um jeden Preis festzuhalten wissen werden. Aber mehr noch als der teoretische Hass gegen die Tyrannei wird die notwendigkeit die Völker zwingen, sich gegen dieselbe zu erheben. Wenn man einem Menschen die Lebensadern unterbindet, muss er die Bande sprengen, sofern er nicht ersticken will. Für unsere ideale überzeugung ist unser Vorteil der stärkste Bundesgenosse: der Handel kann die Continentalsperre nicht länger ertragen, das Gewerbe liegt überall darnieder, das Land, durch welches ich gekommen bin, ist, soweit der Krieg es getroffen, furchtbar mitgenommen, und Niemand kann wagen, neue Capitalien, neue Arbeit an seine Herstellung zu wenden, da neuer Krieg am Horizonte dieses Jahres steht. Und eben desshalb, lieber Vater, habe ich ein Ansuchen an Sie!

Es lag in dem Tone, mit welchem er diese letzten Worte sprach, eine gewisse Bewegung, welche Seba sich nicht gleich zu deuten wusste, aber Paul liess ihr nicht Zeit, darüber lange nachzusinnen.

Als ich