Augen schwebte, und wo fand ich den Mut, die Härte, die Undankbarkeit und die Grausamkeit, vor ihr auszusprechen, was, wie ich sicher wusste, sie notwendig verwunden, doppelt verwunden musste, da ich es war, die sich gegen sie erhob?
Davide hatte sich bisher in unbefangenem Selbstvertrauen für gut gehalten, sich ohne Bedenken die besten Eigenschaften zuerkannt, weil die übeln Leidenschaften der menschlichen natur in ihr noch nicht zur Anregung gekommen waren, und erschreckt und gedemütigt stand sie in dem Augenblicke, in welchem sie sich zum Ankläger ihrer Pflegemutter, ihrer Seba machte, vor sich selber da. Es war der erste Schritt, den sie auf dem schweren Pfade der Selbsterkenntniss machte, der erste Einblick in die Selbstsucht des menschlichen Herzens überhaupt, das erste Mal, dass in ihr die Ahnung auftauchte, wie leicht es sei, nach überkommenen Gesetzen blindlings abzuurteilen, wie schwer, die Umstände erwägend, das Wesen eines Menschen und seinen Lebensgang zu verstehen und selbst in seinen Irrtümern zu begreifen.
Sie verlangte nach der Wiederkehr der Tante und scheute sich doch, ihr unter die Augen zu treten. So verging eine geraume Zeit, und sie ward der einsamen lang genug.
Als Seba endlich wieder in das Zimmer trat, war jede Spur von Bewegung aus ihren Mienen verschwunden. Sie gab Davide die Hand, schloss sie, da sie sich an sie lehnte, um ihr Gesicht in den Armen der Tante zu verbergen, sanft an ihre Brust und sagte: Sei weiser und werde glücklicher, als ich; das soll mein Trost, das soll mein Lohn sein, Kind! – Und als die Erschütterte ihr mit neuen Tränen darauf Antwort geben wollte, hinderte Seba sie daran.
Wir müssen gefasst sein um des lieben Gastes willen, den wir erwarten. Nur so viel für diesen Augenblick, da dein Sinn nach Aufklärung verlangt: Paul ist eines Edelmannes unrechtmässiger Sohn, und seine Mutter gab sich in der Verzweiflung ihres Herzens selbst den Tod. Ein Zusammentreffen von Umständen brachte ihn früh in meine Nähe, ein anderes Zusammenwirken von Ereignissen bewog ihn, da er dem Knabenalter kaum entwachsen war, aus dem haus zu entfliehen, in welchem er erzogen wurde. Du hast bereits davon gehört, Du sollst mehr davon erfahren, für heute lass Dir dies genügen.
Siebentes Capitel
Der lang ersehnte Ton des Postorns liess sich in dem Augenblicke vernehmen; er klang näher und näher, das Rollen des Wagens, der Hufschlag der Pferde schallten herauf. Seba richtete sich freudig empor.
Komm', rief sie, Davide bei der Hand ergreifend, komm', wir wollen ihm entgegen gehen!
Das junge Mädchen blieb zögernd stehen. Ich kann nicht! sagte es beklommen, und als Seba es mit sanft ermutigendem Zuspruch mit sich fortzuziehen strebte, machte Davide ihre Hand mit dem klagenden Ausrufe: Ach, ich verdiene es nicht! von Seba los und wollte sich eben durch das Seitenzimmer entfernen, als die tür des Wohnzimmers schnell geöffnet ward und, die Wildschur und die pelzverbrämte Mütze von sich werfend, ein grosser, schöner Mann in das Zimmer eintrat.
Da bin ich wieder einmal, meine liebe Seba! rief er, indem er sie umfasste und sie, während er sie küsste, mit den kräftigen Armen ein wenig in die Höhe hob, dass sie sich plötzlich befreiten Herzens in lachender Abwehr dagegen sträubte. Da bin ich wieder einmal und herzlich froh, bei Euch zu sein, denn ich versichere Euch, dass in dieser Kälte der Reisewagen und die russischen Schneefelder lange nicht so behaglich sind, als dieses Zimmer hier. Aber ich sehe den Vater nicht, er ist doch nicht krank? – Und sich umschauend, fügte er hinzu, indem er Daviden die Hand reichte und auch sie flüchtig umarmte: Wie Du in den drei Monaten wieder gewachsen bist, Davide! Du kannst Dir etwas darauf einbilden, Du wirst unserer Seba immer ähnlicher.
Der Ton seiner stimme hatte jenen frischen Klang, den man nur aus der Brust eines völlig gesunden Mannes ertönen hört und der an und für sich erfreulich und belebend wirkt; aber auch die ganze übrige Erscheinung war ein strahlendes Bild jugendlicher Männlichkeit, und es dünkte dem liebevollen Herzen Seba's, als sei mit seinem blossen Eintreten Licht und Wärme, als sei Frühling und Sonnenschein in dem Zimmer angebrochen und über sie gekommen. Er war, wie seine früheste Kindheit es hatte voraussehen lassen, das vollständige Ebenbild seines Vaters geworden. Es war dieselbe grosse, gebieterische Gestalt, es war die breite Brust des Freiherrn. Wie dieser trug er den kräftigen Nacken hoch und stolz, und jeden Zug seines Antlitzes, ja, sogar jene anscheinend zufälligen Mienen, jene kleinen, plötzlichen Geberden, die man gemeinhin als durch die Nachahmung im täglichen Beisammensein sich vom Vater auf den Sohn forterbende Eigentümlichkeiten zu bezeichnen liebt, hatte Paul mit dem Freiherrn wie eine Stammeseigenschaft gemein, nur dass alle seine Bewegungen freier, schneller, leichter waren, als der Freiherr sie bei seinem frühen Bestreben nach würdevoller Gemessenheit in sich auszubilden im stand gewesen war.
Seba selber geleitete den lieben Gast in das für ihn bereitete Zimmer; sie liess es sich nicht nehmen, ihm selbst das Licht vorzutragen, während der Diener sich seines Pelzes und seines übrigen Gepäckes bemächtigte, und abermals schlang Paul voll Zärtlichkeit, während sie neben einander hergingen, seinen Arm um sie und bedeckte ihre Hand mit seinen Küssen. Man konnte es ihnen ansehen, wie sehr sie an einander hingen.
Eine Stunde später