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Frage wiederholen, ehe sie abgebrochen und leise die Worte hervorstiess: Als ich noch ganz klein war, hat meine Wärterin es einmal zu Deiner damaligen Jungfer gesagt!

Was hat sie gesagt? Besinne Dich! forschte Seba ernstaft, um nur die Gedanken der Aufgeregten zu sammeln.

Deine Jungfer wunderte sich, dass Du Dich nicht verheiratet hättest, und ....

Und? wiederholte Seba, da Jene wieder in das Stokken geriet.

Und die Wärterin sagte, Du hättest schlimme Erfahrungen gemacht, Du hättest einen vornehmen Herrn geliebt ....

Sie hielt auf's Neue inne und fing wieder zu weinen an. Da nahm Seba ihre Hand und sprach mit der ganzen Bestimmteit, deren ihre ernste Seele fähig war: Wenn Du den Mut hattest, mir in Deinem Herzen auf das unbestimmte Wort einer Dienerin hin zu misstrauen und mich, wie Du sagtest, zu verachten, so wirst Du Dich auch überwinden müssen, vor mir auszusprechen, was ich wissen will und muss! Nimm Dich zusammen und antwortewas hast Du gehört? Was glaubst Du von mir?

Davide wurde bleich. Sie kannte diesen Ton in der stimme ihrer Tante und war gewöhnt worden, ihm unbedingt zu gehorchen, denn Seba war der Ansicht, dass strenge Unterordnung unter einen fremden Willen das Kind am leichtesten zur einstigen Selbstbeherrschung vorbereitet; dass derjenige, welcher von je her gewöhnt wird, unbedingt zu gehorchen, sich auf einen augenblicklichen, bestimmten Befehl schnell zu überwinden, später auch dahin gelangt, sich selber zu bemeistern, wenn es Not tutund sie konnte an ihrer Pflegetochter eben in dieser Stunde die Richtigkeit ihrer Meinung erproben.

Bewegt, aber dem befehlenden Anrufe nachgebend, sprach sie: Sie sagten, ein vornehmer Herr hätte Dich verführt und Dich verlassen, und als dann Paul mit Einem Male hieher kam, als ich sah, wie Du ihn liebtest, da ....

Nun? fragte Seba.

Da dachte ich mir, er sei Dein Sohn!

Es entstand eine kurze Pause, Seba verzog keine Miene. Davide hörte ihr eigenes Herz klopfen. Es wäre ihr eine Wohltat gewesen, hätte sie jetzt das Rollen eines Wagens vernommen, wäre Paul jetzt eingetreten. Es blieb aber Alles still auf der Strasse, in dem haus, in der stube, und wie schwere Schläge fielen die Worte Seba's: Und nun hieltest Du Dich berechtigt, mich zu verachten? in des jungen Mädchens Seele.

Sie wollte sich abermals vor der Tante niederwerfen, diese hinderte sie jedoch daran, und sich leise mit der Hand nach dem Herzen fahrend, sprach sie: Man hat Dir die Wahrheit gesagtich habe einen vornehmen Mann geliebt und bin von ihm verraten worden!

Ich bitte, ich beschwöre Dich, sprich nicht weiter! rief Davide mit flehender Geberdevergib mir, o, vergib mir, dass ich Dich daran mahnte, und schweige!

Seba beachtete ihre Bitte nicht. Da Du Dich zu meinem Ankläger und Richter aufgeworfen hast, sagte sie mit einer schmerzlichen Kälte, so wirst Du mich auch wohl hören müssen! Ich weiss nicht, wie Deine Wärterin zur Kenntniss jenes unglücklichen Ereignisses gekommen sein kann; darauf kommt es auch nicht an. Das Leben ist wie ein Strom, unsere Vergangenheit, unsere Taten sinken in ihm unter, dass wir sie selbst dem eigenen Blicke für immerdar entschwunden meinen, und plötzlich bringt ein unvorhergesehenes Ereigniss sie aus der Tiefe wieder vor unserem Auge als ernste Mahnung an das Licht. – Sie hielt inne, seufzte und sprach danach: Lass es Dir eine solche Mahnung sein, eine Mahnung, den grössten und reinsten Empfindungen Deines Herzens zu misstrauen, wo sie mit dem gesetz und der Sitte in Widerstreit geraten; denn wie rein unser Selbstgefühl auch sein mag, es schützt uns nicht gegen die Schmerzen, die fremder Tadel uns zufügt, und es bewahrt uns nicht davorDu hast es eben selbst erlebt –, von denen gelegentlich misskannt, ja, selbst verachtet zu werden, denen wir durch ein ganzes Leben unsere Liebe zugewendet und deren achtendes Vertrauen wir gewonnen und verdient zu haben glauben. Das ist für mich eine bittere, für Dich eine heilsame Erfahrung!

Die stimme bebte ihr, sie stand auf und ging nach dem Nebenzimmer. Davide wollte ihr folgen, indess sie gab ihr ein Zeichen, zurück zu bleiben, und noch einmal lagerte sich die frühere bange Stille über diese Räume. Daviden's Tränen waren versiegt. Es ging etwas in ihr vor, das sie sich nicht zu erklären wusste, und doch fühlte sie die Veränderung. Es dünkte sie, als sei sie älter geworden, als sei ihr ein Amt zuerteilt, als habe sie eine Pflicht übernommen. Sie dachte mit einer ganz neuen Empfindung, mit einer ihr bis dahin völlig fremden Art von Liebe an die Tante. Sie sorgte sich um dieselbe, sie hätte sie auf ihren Händen tragen mögen wie ein Kind, und doch zog es sie, ihr Abbitte zu leisten und ihre Vergebung zu erhalten. Aber auch dabei blieben ihre Gedanken nicht haften, sie nahmen eine Richtung, in welcher sie sich nie vorher bewegt hatten. Was ist die Tugend, fragte sie sich, wenn die Tante, dieses reinste, dieses edelste der Herzen, eine Tat begehen konnte, welche die Religion, das Gesetz und die Sitte verdammen? Wie war es möglich, dass ich jemals an ihr irre werden konnte, deren selbstverläugnende Güte mir beständig als ein unerreichbares Vorbild vor