er seine Hand auf die ihrige, die auf dem Fensterkissen ruhte. So blieben sie stehen in stillem Glücke, bis Cäcilie ihnen zurief, ob sie denn nicht wiederkommen würden, und die Gräfin ihnen den Vorschlag machte, etwas zu singen, wenn sie nicht mehr lesen möchten.
Sie waren dazu bereit, denn ihre Stimmen passten wohl zusammen und waren mit einander eingeübt. Hildegard öffnete das Clavier, Renatus suchte das Notenheft aus und wählte ein Mattisson'sches Lied. Die Gräfin übernahm die Begleitung des zweistimmigen Gesanges.
Hildegard hub an:
Auf ewig dein! Wenn Berg und Meere trennen,
Wenn Stürme dräu'n,
Wenn Weste säuseln oder Wüsten brennen:
Auf ewig dein!
fiel die schöne, kräftige stimme des Jünglings ein. –
Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale,
Beim Silberschein
Des Abendmonds im stillen Hirtentale:
Auf ewig dein!
Senkt einst mein Genius die Fackel nieder,
Mich zu befrei'n,
Dann hallt's noch im gebrochnen Herzen wieder:
Auf ewig dein!
Sie hatten das Lied schon oft gesungen, und doch erschien es beiden heute so neu, als hätte der Augenblick es eben erst in ihnen selbst erzeugt; auch die Gräfin rührte es mehr als sonst, und sie belobte die Beiden.
Inzwischen war es spät geworden, und Renatus sagte, dass er gehen müsse. Cäcilie wollte ihn zu bleiben bewegen, aber er liess sich nicht zum längeren Verweilen bestimmen, und Hildegard nötigte ihn auch nicht dazu. Ihre Herzen waren voll zum Ueberfliessen.
Als sie ihm das Geleite gab, küsste er ihr die Hand. Er hatte sie sonst oftmals umarmt, und sie hatte es ihm nie verwehrt. Heute hätte er das nicht vermocht; denn heute hatte er es empfunden: er liebte Hildegard!
Sechstes Capitel
Die Jahreszeit des Gartensaales war lange vorüber, und selbst der Besuch des Denkmals hatte seit Monaten aufgehört. Der Nordwind schüttelte die grossen Tannen, die das Monument umstanden, dass der Schnee von ihren breiten Aesten in schweren, verstiebenden Flocken herniederfiel, und es war noch nicht lange nach vier Uhr, als Seba von dem Fenster ihres Wohnzimmers schon den Sonnenuntergang über ihren Lieblingsbäumen am Parke des andern Ufers betrachten konnte, deren kahle Kronen sich scharf und klar gegen das helle Gelbrot des kalten Winterhimmels abzeichneten. Aber sie hatte heute keine rechte Ruhe. Sie stand von Zeit zu Zeit von ihrem Sessel auf, sah zu, ob das Feuer in dem Ofen des Nebenzimmers brenne, dann wieder trat sie, von dem fernen Rollen eines Wagens gelockt, in der vorderen stube an das Fenster, bis ihr Auge auf den Zeiger der Uhr fiel und sie belehrte, dass ihre ungeduldige Erwartung eine vorzeitige und ihr Wünschen nicht im stand sei, den Lauf der Stunden zu beflügeln.
Davide sass schreibend an dem Tische, an welchem sich endlich auch Seba mit einem buch niederliess; indess sie merkte bald, dass ihre Gedanken sich nicht sammeln lassen wollten. Sie legte das Buch also wieder zur Seite und nahm eine Näharbeit zur Hand. Aber selbst diese Beschäftigung erwies sich heute zu ihrer Beruhigung nicht wirksam, und die klaren, klugen Augen auf sie gerichtet, blickte Davide die Tante, wie sie ihre Cousine bei dem zwischen ihnen obwaltenden Altersunterschiede zu nennen gewohnt war, eine Weile mit sinnendem Lächeln an. Als Seba das gewahrte, fragte sie, was Davide denke.
Das junge Mädchen antwortete nicht gleich, sondern zeichnete spielend allerlei Figuren auf ein Blatt Papier, das vor ihr lag, und erst als Seba ihre Frage wiederholte, erwiderte sie zögernd und verlegen: Ich möchte nur wissen, liebe Tante, ob Du auch so ungeduldig sein würdest, wenn Du meine Ankunft zu erwarten hättest?
Zweifelst Du daran?
Davide legte die Feder nieder, stützte den hübschen Kopf mit beiden Händen und sagte darauf: Ja, das tue ich!
So muss ich Dir wiederholen, was ich Dir neulich schon bemerkte, dass Du Anlage zur Eifersucht hast und dass Eifersucht die Schwester des Neides und eine hässliche Gewohnheit ist!
Seba hatte das scherzend gesprochen, aber Davide nahm es nicht so auf. Sie wurde vielmehr ganz ernstaft und versicherte mit einer unverkennbaren Selbstüberwindung, dass die Tante ihr Unrecht tue. Es ist nicht, meinte sie, dass ich Andern Deine Liebe nicht gönne, sondern nur, dass ich gleich wie eine Fremde, wie eine Ausgestossene bin, wenn Ihr beisammen seid. Du hast ja sonst keine Geheimnisse mit andern Leuten! Du sprichst mit ihnen offen und unumwunden, auch wenn ich dabei bin, fragst sie nach ihren Eltern und Geschwistern, und nur mit ihm wird eine Ausnahme gemacht! Er ist wie ein Kind vom haus, der Onkel und Du, Ihr liebt ihn, als gehörte er zu Euch; Ihr nennt ihn Du, er nennt Dich eben so, und er ist doch kein Verwandter von uns, sondern nur ein Fremder! Er geht mit mir, gleich seit er zum ersten Male zu uns kam, wie ein älterer Bruder um, er lobt mich und tadelt mich, als hätte er ein Recht dazu – Du findest das auch ganz in der Ordnung, und ich habe gewiss nichts dagegen, denn er ist ja so klug und so gut! Aber so oft ich, seit ich über dergleichen Dinge nachdenke, ihn oder Dich in den letzten Jahren gefragt habe, wo er denn eigentlich her ist, wer seine Eltern sind, wie wir mit einander zusammen hangen, seid Ihr mir beide ausgewichen!
Keineswegs! Ich habe Dir