1864_Lewald_163_249.txt

gar nichts natürlicher sei, ja, wie es sich eigentlich von selbst verstehe, dass er die Gefährtin seiner Kindheit, dass er Hildegard einst zu seiner Gattin wähle. Sie hatten oft genug als Kinder Mann und Frau gespielt, sich immer auf das beste vertragen, sie waren nur um andertalb Jahre, die Hildegard vor ihm voraus hatte, im Alter von einander getrennt. Ihr Name, ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbürtig, sie war katolisch, wie er, Vittoria hatte die Rhoden's gern, ein künftiges Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keine Schwierigkeiten, unddarin hatte sein Onkel Rechtdas einst so blühende Arten'sche Geschlecht war jetzt wirklich nur auf ihn und seinen kleinen Bruder gestellt. Es war notwendig, es war unerlässlich, dass Renatus sich früh verheiratete.

Je mehr er darüber nachdachte, um so wahrscheinlicher dünkte es ihn, dass auch seinem Vater eine Verbindung zwischen ihm und Hildegard willkommen sein würde, denn sowohl der Freiherr als der Caplan hatten ihn beständig zu dem Umgange mit den Rhoden's angehalten; und nun er sich im geist die Sache überlegt, fand er, dass ihm selbst, wenn er sich seine Zukunft und seine einstige Ehe vorgestellt, immer mehr oder weniger deutlich Hildegardens Bild vor der Seele geschwebt hatte.

Die Missstimmung, in welcher er bei den Freunden angelangt war, schwand vor diesen Gedanken völlig hin, eine ausserordentlich sanfte Empfindung trat an ihre Stelle. Er fühlte kein leidenschaftliches Verlangen, er hegte keinen neuen, lebhaften Wunsch, er sehnte die Zukunft und eine Aenderung der jetzigen Verhältnisse nicht einmal herbei. Er war zufrieden wie Einer, der einen wohl begründeten, gesicherten Besitz in ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht, aber er rückte unwillkürlich seinen Stuhl näher an Hildegard heran, als er es sonst getan hatte, und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt, beugte er sich zu ihr hinüber, ihren fleissigen Händen zuzusehen, wie sie mit sicherem Finger die Blumen in den weissen Musselin einstickte, welcher zum Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte. Er hatte ihr selbst das Muster dazu aufgezeichnet.

Hildegard, von seinem Atem warm berührt, wendete sich nach ihm hin, und wie sie die Augen zu ihm erhob, wie ihre Blicke sich so nahe begegneten und trafen, fuhr ihm ein elektrischer Strahl durch den ganzen Körper. Das Blut wallte, wie nie zuvor im Leben, heiss in ihm auf, stieg ihm in schnellem Fluge in die Wangen, und er wusste zuversichtlich, dass es Hildegard gerade so empfinden müsse, dass sie, obschon sie ihr Haupt gleich wieder auf ihre Arbeit niedersenkte, erglühe und erbebe, wie er selbst. Er hatte Mühe, ihre rötlichen Locken, die ihr über den schlanken rücken bis zum Gürtel niederflossen und die er, ohne dass sie es bemerkte, mit vorsichtiger Hand berühren konnte, nicht an seine Lippen zu drücken; er hielt sich jedoch zurück. Es war ihm so glücklich und so still ums Herz, wie in einem der Träume, in denen wir Wunder erleben, ohne uns über sie zu wundern, in denen wir unser märchenhaftes Glück ganz natürlich finden und in denen eine dunkle Ahnung uns doch von jedem selbstständigen Wollen und Tun zurückhält, weil wir durch jedes Regen oder Handeln den wohltätigen Zauber, der uns umfängt, zu zerstören befürchten.

Er hörte es, wie die Gräfin der jüngeren Tochter die Weisung gab, ihr das Buch von ihrem Arbeitstische zu holen, er sah, wie das vierzehnjährige rosige Mädchen sich erhob, und er kannte das Buch in seinem Einbande von blassblauem Moirée. Es waren Novalis' Gedichte, seine Hymnen an die Nacht. Des früh verstorbenen Dichters Mutter, eine nahe Anverwandte der Gräfin, hatte sie ihr verehrt, sie gehörten zu den Lieblingspoesien des Hauses.

Man war von jeher gewohnt gewesen, etwas zu lesen, wenn Renatus kam. Eine Reihe von erhabenen Dichtwerken, von schönen Gedanken war auf diese Weise ihm und Hildegard gemeinsam zu eigen geworden, und jetzt, da man das Bekannte abermals mit einander durchging, um es der jüngeren Schwester zugänglich zu machen, genoss man es auf's Neue mit steigender erkenntnis.

Aber heute hatte Cäcilie schon eine geraume Zeit gelesen, ohne dass Renatus mehr als den sanften Schall ihrer stimme vernommen hätte. Endlich trafen auch die Worte sein Ohr: "Du Nachtbegeistrung, Schlummer des himmels kamst über mich!" so las sie. "Die Gegend hob sich sacht empor, über der Gegend schwebte mein entbundener, neugeborener Geist. Zur Staubwolke wurde der Hügel, durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten. In ihren Augen ruhte die Ewigkeit; ich fasste ihre hände, und die Tränen wurden ein funkelndes, unzerreissliches Band. Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne, wie Ungewitter. An ihrem Halse weint' ich dem neuen Leben entzückende Tränen. Es war der erste, einzige Traum, und erst seitdem fühl' ich ewigen unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte!"

Renatus konnte die Fülle seiner Empfindung nicht bemeistern. Er stand auf und trat an das Fenster. "Unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte!" wiederhallte es in seiner Seele.

Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das helle Gewölk, der Jüngling meinte noch keine solche Nacht erlebt zu haben. Auch Hildegard hatte sich erhoben und sich zu ihm gesellt. Sie fragte ihn, wonach er ausschaue. Aber statt der Antwort legte