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Gatten schon zwei Jahre vorher verloren, und der Freiherr hatte sie und ihre Töchter sehr willkommen geheissen. Als er dann nach Italien gegangen war, hatte er die Gräfin gebeten, sich seines Knaben anzunehmen, und sie hatte Renatus darauf an sich gedrückt, hatte gesagt, der Himmel habe ihr leider einen Sohn versagt, sie wolle also Renatus lieben als wäre er ihr eigen Kind, und ihre Töchter Hildegard und Cäcilie sollten ihm, dem Schwesterlosen, Schwestern sein.

Renatus hatte sich auch in ihrer und ihrer Töchter Nähe stets wie in einer Heimat, wie in seiner Familie gefühlt, obschon die Verwandtschaft zwischen den Berka's und den Rhoden's sehr entfernt war; er konnte es sich als sehr wahrscheinlich denken, dass seine Grosseltern ihm die Gräfin einst zur Stiefmutter zu geben gewünscht hatten, ehe der Caplan die Bekehrung der Gräfin unternommen. Es war aber ein schöner Tag und ein erhebender Anblick gewesen, als die Gräfin mit den beiden kleinen Töchtern in der Kirche von Rotenfeld zum Katolicismus übergetreten war. Der heimliche Anschluss der Familie von Wedderau an die katolische Kirche war bald danach gefolgt, und die kleine Gemeinde hatte unter des Caplans Leitung sehr zusammengehalten. Alljährlich hatte man danach den Todestag der Baronin Angelika, in welcher man die eigentliche Urheberin des Kirchenbaues verehrte, mit einer besonderen Feier begangen, und wenn die Gräfin wirklich beabsichtigt hatte, einmal die Stelle der Verstorbenen einzunehmen, so war es schön von ihr gewesen, dass sie ihre getäuschte Erwartung weder Vittoria noch Renatus hatte entgelten lassen.

Sie zuerst hatte sich der fremden jungen Frau mütterlich freundlich genähert, als man des Verwunderns über die unerwartete und auffallende Heirat des Freiherrn kein Ende finden konnte. Sie war der Fremden stets mit Rat und Ermunterung zur Hand gewesen; Tage und Nächte hatte sie an dem Bette Vittoria's zugebracht, als diese vor drei Jahren im Nervenfieber mit dem tod so schwer gerungen, dass man hatte fürchten müssen, mit ihr auch das Leben ihres zu erwartenden Kindes zu verlieren. Renatus konnte ihr das nie vergessen. Er liebte die Gräfin dafür wie eine Mutter und er hing auch mit so naturwüchsiger Neigung an ihren beiden Töchtern, als wenn sie nicht nur seine Spielgenossen, sondern als wenn sie wirklich seine Schwestern wären.

Neben der ausgesuchten Behaglichkeit in Seba's Gartensaal, neben der auffallend modischen und glänzenden Einrichtung seines Oheims erschien dem jungen mann die wohnung der Gräfin heute zum ersten Male ärmlich. Er sah, was ihn bisher nicht angefochten hatte, dass ihre Zimmer nur schlicht getüncht, dass ihre Möbel alt und abgenutzt waren, dass nur zwei Kerzen den Raum erhellten. Sie leuchteten jedoch genugsam, das schöne, über dem Sopha hängende Bild der jung verstorbenen, allgeliebten Königin Louise zu erkennen, das diese selbst der Gräfin einst geschenkt hatte; sie reichten hin, die Büste des bei Saalfeld gebliebenen geistreichen Prinzen Louis Ferdinand betrachten zu lassen, der ein Freund des Grafen und Cäciliens Pate gewesen war, und der ihr zur Erinnerung an die Schutzheilige der Musik, der Kunst, die er mit Meisterschaft beherrschte, eben den Namen Cäcilie gegeben hatte; und sie hatten Licht genug, das edle in weisse Schleier gehüllte Antlitz der Mutter und das schöne, blonde Haar der beiden Töchter mild zu umspielen.

Innerlich verwirrt war Renatus vor dem haus angelangt; aber er wurde ruhiger in dem trauten Kreise, in dem gewohnten lieben raum. Die halbe Dämmerung, die weissen Fenstervorhänge, durch die der Mond hinein schien, dass sein Schimmer den ganzen Fussboden streifenweise erhellte, der Duft des Reseda von den wohlgepflegten Stöcken am Fenster taten ihm wohl.

Ach, bei Ihnen ist's gut! sagte er, unwillkürlich aus tiefer Brust aufatmend, als er der Gräfin die Hand geküsst und zwischen den beiden Schwestern seinen gewohnten Platz am Tische eingenommen hatte. Man lachte über diesen Ausruf; er sollte sagen, wie er darauf gekommen sei, ihn eben in dieser fast feierlichen Weise zu tun, und er ward dabei inne, dass ihm heute ganz anders als sonst in der Gegenwart dieser Frauen zu Mute sei.

Es kam ihm vor, als sei er, wer weiss wie lange von diesem raum und von diesen lieben Menschen entfernt gewesen, als habe er sie nie so gut gekannt, als eben jetzt, und doch wieder, als habe er ihnen ein Unrecht abzubitten.

Die würdige Erscheinung der Gräfin, ihre keusche, matronenhafte TrachtRenatus hatte sie, seit er sie kannte, nie anders als in weisser oder schwarzer Kleidung gesehendünkten ihm so schön, da er eben erst neben der geschminkten Haushälterin seines Oheims gesessen hatte. Die Bilder der königlichen Familie sprachen ihn wie Schutzgötter des Hauses an und es freute ihn, dass er sein Auge frei zu ihnen erheben durfte, dass keiner seiner Gedanken sich durch die verführerischen Auseinandersetzungen seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste hatte abwendig machen lassen. Nur an der Gräfin und an diesen Mädchen hatte er sich versündigt. Sie hatte er so eben noch selbstsüchtiger Absichten, berechneter Plane fähig gehalten; denn die von seinem Oheim in ihm erweckte Vorstellung, dass die Mutter oder Hildegard selber darauf ausgegangen sein könnten, ihn unmerklich zu einer Heirat mit der Letzteren zu bewegen, hatte ihn widerwärtig berührt und ihm einen Schatten auf das reine, herzliche verhältnis geworfen, in welchem er, seit er sich zurückerinnern konnte, zu diesen ihm so teuren Freunden gestanden hatte.

Jetzt schämte er sich seines Zweifels an ihnen, und daneben dachte er zum ersten Male daran, wie im grund