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vorschlug.

Er klingelte, sein Kammerdiener trat ein. – Warum erinnern Sie mich nicht, dass es Zeit ist, mich anzukleiden? fragte er. Der Diener entgegnete, dass Alles bereit liege, und ward mit dem Bemerken fortgeschickt, dass der Graf gleich kommen werde, und dass der Diener das Eisen heiss machen könne, ihm Haar und Bart auf's Neue zu kräuseln.

Wir haben heute eine Soirée bei dem französischen Gesandten. Das ist ein Haus, in das Du Dich einführen lassen solltest, und ich bin bereit, Dich vorzustellen, sagte er. Es ist die Rede davon, einige junge Deutsche von Familie als Cavaliere, als Kammerherren an den Hof des Königs von Westfalen zu ziehen, junge Männer, die des Französischen mächtig sind. Ich hatte dabei an Dich gedacht. König Jerome ist jung, ist geistreich, ist äusserst liebenswürdig und freigebig geneigt, für die Personen, die ihm wohlgefallen, viel zu tun. Indess Du willst es nicht! Nun, Du wirst wissen, was Dir frommt, ich hatte es gut mit Dir im Sinne!

Er sprach das Alles, während er aus einer reichverzierten Büchse seine goldene Dose mit frischem Taback füllte. Renatus hatte sich erhoben. Er sagte, dass er seinen Oheim nicht stören, nicht länger aufhalten wolle. Der Graf erkundigte sich, wo er seinen Abend zubringen werde, und als er hörte, dass Renatus die Gräfin Rhoden zu besuchen denke, meinte er, es sei schade, dass sie fromm geworden sei, und dass sie ihre Töchter in gleicher Ueberspannung auferzogen habe; sie sei früher eine angenehme Frau gewesen, die gewusst habe, was sie sich schuldig sei.

Man hatte sie bei uns, fuhr er fort, da sie eine Verwandte von uns ist, Deinem Vater eigentlich zur zweiten Frau bestimmt, und sie hat sich, eben weil sie kein Vermögen besass, wohl selber doppelt mit dem Gedanken getragen. Ich bin sicher, sie zog nur deshalb in Eure Gegend, und ihre Freundschaft für Dich wird wohl aus derselben Quelle entsprungen sein. Aber der Bekehrungseifer Eures Caplans hatte sie uns entfremdet, noch ehe die Heirat Deines Vaters mit der Giustiniani im Werke war, und hätte sie diese Heirat vorhersehen können, so würde der Caplan vielleicht weniger Erfolg bei ihr gehabt haben. Jetzt indessen, glaube ich, ist sie ja selbst mit Bekehrungen beschäftigt. Sie hat es wahrscheinlich auf die Tochter des alten Flies abgesehen, denn das allein kann mir die Freundschaft der Gräfin für die Flies erklären.

Renatus, dem jede Aeusserung des Grafen empfindlich und zuwider war, erinnerte daran, dass Seba auch eine Freundin seiner Mutter gewesen sei, dass er selbst von seinem Vater an den alten Geschäftsfreund ihres Hauses empfohlen worden, und fragte, ob der Graf die Familie, und namentlich, ob er Seba kenne.

Er bejahte es. Ich war vor dem Feldzuge nach der Champagne bei ihnen im Quartier, sagte er gleichgültig. Seba war damals eine Schönheit, aber sie war schon damals eine sentimentale Schwärmerin! Nimm Dich mit ihr in Acht! Die Gräfin Rhoden und Seba und all die schönen Geister und die Professoren und Gelehrten, mit denen sie zusammenhangen, sind törichte Ideologen, Phantasten, die gegen den Lauf der Welt ankämpfen, vergangene zeiten lebendig machen möchten! Man hat ein Auge auf dieses Treiben, obschon man es gewähren lässt. Vernünftige Aussichten werden sich Dir dort nicht öffnen, darauf verlass Dich, und sich unnötig verdächtig zu machen, sich einer unnötigen Beaufsichtigung auszusetzen, ist nicht anständig für Unsereinen!

Er reichte ihm dabei freundlich die Hand zum Abschiede und sagte, als sein Neffe sich ihm empfahl: Ehe ich es vergesse, mein Lieber! Seit ich mir hier selbst eine wohnung eingerichtet und die Kriegsrätin zu mir genommen habe, speise ich in der Regel zu haus. Sie ist eine Köchin, um die man mich beneidet. Für eine oder zwei Personen ist immer das Couvert bereit. Willst Du es auf gut Glück mit mir versuchen, so weisst Du, dass Du willkommen bist, und wir tauschen dann unsere Meinungen und Neuigkeiten mit einander aus. Beiläufig, lass Dich von den Rhodens nicht einfangen! Das sind keine Partieen, die sich für Dich schicken! Er gab ihm nochmals die Hand, riet ihm, sich die Kasseler Angelegenheit ruhig und reiflich zu überlegen, und entliess ihn danach, um sich ankleiden zu gehen.

Fünftes Capitel

Später, als er es sonst pflegte, langte Renatus an dem Abende bei der Gräfin Rhoden an, und fast bereute er es, dass er gekommen war, denn die friedliche Stille, in welcher er die Frauen antraf, liess ihn seine Aufregung erst recht deutlich empfinden. Es war ihm zu Mute, als habe er in der letzten Stunde eine Gegend und die Menschen in ihr durch ein verzerrendes Glas betrachtet. Alle Bilder, die er in der Seele trug, dünkten ihm verändert und entstellt, und doch kam ihm unwillkürlich immer wieder die Frage: Wie aber, wenn Du Dich wirklich bisher getäuscht hättest? Wie aber, wenn der Oheim Recht hätte mit den Urteilen, die er über die Personen und Zustände, deren er erwähnte, gegen Dich ausgesprochen hat?

Er erinnerte sich genau, wie kurze Zeit nach dem tod seiner Mutter die Rhoden's zu ihren Verwandten nach Lichtenforst gezogen und wie sie das erste Mal nach Richten zum Besuche gekommen waren. Die Gräfin war, wie sein Vater, in Trauerkleidern gewesen, obgleich sie ihren