Zahl derjenigen war leider nicht gering, die diesen Umgang in eigennütziger Absicht suchten, und die Fremdherrschaft fand ihren Vorteil darin, solche Ueberläufer bereitwillig in ihre Reihen aufzunehmen.
Ein Edelmann von dem alten und schönen Namen der Grafen Berka, ein früherer preussischer Officier mit den persönlichen Vorzügen des Grafen Gerhard, der sich geneigt finden liess, sich der damals in Berlin den Ton angebenden französischen Gesellschaft anzuschliessen, durfte sich von ihr des zuvorkommendsten Empfanges sicher fühlen, und des schwermütigen Ernstes von Herzen müde, der in dem Kreise seiner Familie geherrscht, seit das Unglück über das Vaterland hereingebrochen war, hatte Graf Gerhard sich bei seiner Rückkehr von Berka mit vollen Atemzügen in das ihn anmutende Leben der Hauptstadt, in die Gesellschaft der Franzosen gestürzt, die, reich an Kriegsbeute, schnell und verschwenderisch zu geniessen suchten, was zu geniessen ein eben so schneller Tod auf irgend einem der Schlachtfelder, zu welchen der Kaiser sie führte, ihnen bald unmöglich machen konnte.
Man hatte den Grafen überreden wollen, in französische Kriegsdienste zu treten, aber dessen hatte er sich geweigert; denn es gibt herkömmliche Ehrbegriffe, von denen Männer wie der Graf sich nicht leicht freimachen, obschon jene Ehrbegriffe mit dem wahren Ehrgefühl, das in jedem Menschen nur die höchste Blüte einer vollkommenen sittlichen Bildung ist, eben bloss den äusseren Anschein gemeinsam haben.
Weil Graf Gerhard es nicht nach seiner Neigung, weil er es nicht unterhaltend fand, in der Zurückgezogenheit zu leben, nannte er es unverständig, sich der herrschenden Gewalt ohnmächtig zu widersetzen. Weil Nachgiebigkeit ihm in diesem Falle bequemer dünkte, als Zurückhaltung, nannte er es gebotene Rücksicht, sich der Gesellschaft der Fremden anzuschliessen, und er bezeichnete es als eine Ehrensache, sich standesmässig in ihr zu behaupten. Es dünkte ihm eben so eine Ehrensache, vor den Emporkömmlingen, aus denen sie sich zum grossen teil zusammensetzte, die vornehme Leichtlebigkeit des alten Edelmannes darzutun, und er hatte keine Ahnung davon, wie die frische und gewaltige Kraft dieser neu und wild entstandenen Gesellschaft ihn bemeisterte, wie er, dem Anspruche des Augenblickes gehorchend, mit seinen Vorurteilen und Ueberzeugungen auch sich selber hingab, und wie die, trotz ihrer genusssüchtigen Ueppigkeit, vom Leben geschulten, in Geschäften versuchten Fremden, mit denen er verkehrte, sich seiner bemächtigten, weil sie ihn brauchen zu können glaubten. Denn Fremdherrschaft muss tyrannisch sein, und die Tyrannei kann der heimlichen Verbündeten nicht entraten. Sie muss wissen, was in dem unterworfenen land und volk geschieht, sie muss Einfluss haben, auch wo sie selber nicht hinzudringen vermag. Sie muss sich Diener schaffen und Dienste empfangen, ohne dass diejenigen, welche sie bedienen, sich dessen bewusst sind, und Graf Gerhard war auf solche Weise schnell, noch ehe er es ahnte, zu einem Werkzeuge in den Händen seiner französischen Umgangsgenossen geworden. Freilich hatte man von ihm niemals eine Leistung, gegen welche seine Ehrbegriffe sich sträuben konnten, gefordert, aber man hatte gelegentlich seine vermittelnde Sprachkenntniss bei Einführung in gewisse Kreise als gefälligkeit in Anspruch genommen, manche Auskunft über Personen und Dinge beiläufig von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend einer Reise als Freundschaftsdienst begehrt. Man hatte auch nicht daran gedacht, ihm diese Dienste oder diese Opfer an Zeit zu lohnen; sein Ehrbegriff würde ihn bewogen haben, sich dessen unbedingt zu weigern. Aber er hatte kein Bedenken getragen, als seine standesmässigen Ausgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehr bestreiten liessen, die freiwillig und in schicklichster, bequemster Weise angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmen, und die Grösse dieser Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt, denn die glücklichen Sieger hatten reiche Mittel zu ihrer Verfügung und waren des ängstlichen Rechnens mit ihren Freunden nicht gewohnt.
Auch in der Unterredung, welche Graf Gerhard mit seinem Freunde eben, als Renatus bei ihm vorsprach, gehabt hatte, war nur ganz zufällig von der phantastischen und schwärmerischen Stimmung gesprochen worden, welche sich in der deutschen Jugend zu regen beginne, und Herr von Castigni, der, wie der Graf, einem alten Adelsgeschlechte angehörte, hatte dabei die Aeusserung hingeworfen, wie viel seiner Regierung daran gelegen sei, dieser unglücklichen Richtung entgegen zu arbeiten, wie sehr man den Anschluss des jungen Adels an das Gouvernement begünstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Männern eröffnen könnten, die sich geneigt zeigen würden, sich bei den verschiedenen kaiserlichen Gesandtschaften in Deutschland, wenn auch vorläufig nur als zeitweilige Attaché's, verwenden zu lassen.
Als Renatus daher seinem Oheim auf dessen Frage die Antwort zu geben zögerte, nahm jener selbst das Wort.
Du willst Deine Sporen verdienen, sagte er, und ich wiederhole Dir, mein Lieber, das ist gut und schön! Aber wo willst Du den Kampfplatz suchen, wo den Tummelplatz für Deine Taten finden? Die zeiten, in denen unsere Vorfahren sich unter dem grossen Könige ihre Lorbeern erfochten, sind für immerdar vorüber!
Onkel! rief Renatus mit abwehrendem Erstaunen.
Der Graf zuckte die Schultern. Ich verstehe Dich, sagte er, und ich weiss, was dieser Ausruf sagen will; aber ich sprach eben mit Herrn von Castigni davon. Es ist töricht, sich gegen eine historische Tatsache auflehnen zu wollen, töricht, seine Wünsche für Möglichkeiten anzusehen, und verbrecherisch, wenn reife Männer die Jugend in ihren müssigen ideologischen Träumen bestärken, statt sie zu kräftigem Mitwirken in den vorliegenden Lebensbedingungen anzuhalten.
Und welcher müssigen Träume halten Sie mich schuldig, zu welcher Arbeit wollen Sie mich berufen? fragte der junge Baron, durch die Aussprüche seines Oheims immer mehr betroffen.
Ihr