dem Fremden, den er Baron und seinen lieben Castigni nannte, den jungen Freiherrn als den Neffen vor, dessen er so eben gegen ihn gedacht habe.
Nach einer sehr verbindlichen Begrüssung empfahl sich Herr von Castigni dem Grafen wie Renatus, und mit einem Zeichen, dass sie dem Scheidenden das Geleit zu geben habe, sagte der Graf: Leuchten Sie, liebe Kriegsrätin! Dann nahm er seinen Neffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurück.
Bist Du abergläubisch oder wundergläubig, mein Freund? fragte er Renatus mit leichtem Tone, nachdem sie sich dort niedergelassen hatten.
Renatus entgegnete, dass es darauf ankomme, was man unter abergläubisch und wundergläubig verstehe; aber Jener liess ihm zu keiner weiteren Erklärung Zeit, sondern sagte: Nun, Aberglaube oder Unglaube, was tut uns das? Es ist gut, dass Du überhaupt wieder in Berlin, und sehr gut, dass Du eben jetzt zu mir gekommen bist! Wir wollen das als eines der guten Zeichen ansehen, an die zu glauben immer Zuversicht und Mut gibt. Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir die Rede, als Du kamst.
Von mir? Und in wie fern, wenn ich dies fragen darf? sagte der Neffe.
Wärst Du geneigt, den preussischen Dienst zu verlassen? erkundigte sich der Graf.
Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt.
Aber es war, soviel ich davon weiss, nicht eben Dein Wille, der Dich bewog, die Uniform zu nehmen! bedeutete Jener.
Renatus wurde rot bis unter die Wurzel seines hellen Haares, und mit einem leichten Zusammenziehen seiner Augenbrauen, welches seine innere Selbstüberwindung kund gab, versetzte er: Ich würde allerdings das Leben eines unabhängigen Edelmannes, wie wir Arten's es von je geführt, überhaupt jedem Dienste vorgezogen haben; da die Umstände mir dies nicht verstatteten, da mein Vater mich in die Armee eintreten lassen, und der König mir das Patent gegeben hat, scheint es mir Ehrensache, auch im Dienste zu bleiben, bis ich dieses mein Patent mit der Tat verdient und meinen Eid im Kampfe besiegelt habe! –
Sehr gut, sehr schön gesagt, rief der Graf mit einem leichten Anfluge von Spott, während er sich weit in das Sopha zurücklehnte – nur nicht sehr einsichtsvoll, mein lieber Freund! Das soll mich jedoch durchaus nicht abhalten, es mit Dir besser zu meinen, als Du es verstehst! Lass uns in's Klare kommen! Von welchem Kampfe sprichst Du?
Renatus hob sein Auge zu seinem Oheim empor und wendete es eben so schnell wieder von ihm ab. Es lag etwas Unheimliches in dem beständigen Lächeln des Grafen und mehr noch in seinem scharfen und lauernden Blicke, der mit jenem Lächeln in grellem Widerspruche stand. Er war noch immer ein auffallend schöner Mann, aber der preussische Officier war in ihm nicht mehr zu erkennen. Sein glänzendes, blondes Haar war in einer grossen Locke mitten auf der Stirn zusammengekräuselt, sein tief in die Wangen hineingehender Bart, seine hohe, weisse Halsbinde wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach französischem Vorbilde gemodelt, und wenn er nicht geradezu, wie er dies meistens tat, Französisch sprach, so brauchte er selbst im Deutschen so viele Fremdwörter und schob so viele französische Sätze in das Deutsche hinein, dass man dieses Gebahren als ein absichtliches erkennen musste.
Er hatte, als nach dem Friedensschlusse von Tilsit sein Regiment aufgelöst worden war, wie Hunderte von anderen Officieren sich zu seinen Eltern auf das Land begeben, aber das Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen. Dazu war – man wusste in der Familie nicht, wodurch – des Grafen verhältnis zu seiner Mutter seit Jahren schon getrübt. Von beiden Seiten gab sich eine fast krankhafte Empfindlichkeit gegen einander kund, und man hatte ihn also nicht davon abgehalten, als er nach kurzem Verweilen wieder nach der Hauptstadt zurückzukehren gewünscht hatte. Freilich hatte der alte Graf dem Sohne zu bedenken gegeben, dass er jetzt, bedrängt durch die allgemeine Not und Drangsal, nicht mehr wie früher im stand sei, dessen mannigfachen und grossen Ansprüchen mit der alten Freigebigkeit zu begegnen; das hatte jedoch den Grafen Gerhard wenig angefochten. Die Summe, welche man ihm für das erste Halbjahr zuwies, war nicht unbedeutend, und über den Tag, über das Verlangen und Gelüsten oder Bedürfen des Augenblickes dachte er nicht leicht hinaus.
Aber das Berlin, in welches Graf Gerhard zurückkehrte, war nicht mehr die Stadt, die er vor dem unglücklichen Feldzuge des Jahres achtzehnhundert und sechs verlassen hatte. Seine Kameraden und Umgangsgenossen lebten fern und zerstreut. Die Einen warteten hoffenden Sinnes in Einsamkeit der zeiten, welche sie wieder zu neuer Tätigkeit berufen würden; die Ungeduldigen hatten sich nach Oesterreich, nach Spanien und nach Russland gewandt, wo der Tag eines neuen Kampfes früher anzubrechen versprach, als in dem ganz zerstückelten und zertretenen vaterland.
Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher Empörung, während der Wille der französischen Machtaber eine glänzende Geselligkeit in Berlin erzwang, deren Ueppigkeit die Leichtgesinnten und Genusssüchtigen verlockend mit sich fortriss, welche über die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und über die feinen Formen französischer Gesellschaft und Sitte die bittere Not des Vaterlandes und die Knechtschaft vergassen, unter denen man lebte. Allerdings war es für denjenigen, der nicht die Möglichkeit besass, sich fern von den Städten auf irgend einem, zufällig von Einquartierung verschonten hof oder Gute dem Verkehre mit den Unterdrückern zu entziehen, äusserst schwer, den Umgang mit ihnen zu vermeiden; aber die