. Als sie dieselbe öffnete, hatten sie in aller seiner strahlenden Herrlichkeit den prächtigen Kometen vor ihren Augen, der in diesem ganzen Sommer am Horizonte gestanden und die Herzen der ohnehin gewaltig aufgeregten Menschen mit banger sorge und unheimlichen Befürchtungen erfüllt hatte.
Wie blendend er ist, rief Renatus aus, und wie gewaltig in seiner fast den ganzen Horizont durchmessenden Grösse!
Da fasste Seba des Jünglings Hand und sagte leise und eindringlich: Aber auch er wird vorübergehen, und seine Zeit ist nahe! Sehen Sie hin, sein Licht ist im Erlöschen, er neigt sich dem Untergange zu! Noch eine kurze Frist, und an dem befreiten Himmel werden die alten, schönen Sternbilder in aller ihrer klarheit leuchten, und man wird vergebens nach dem Phänomen suchen, dessen wilde Grossheit jetzt die schwachen Seelen entmutigt und geknechtet hat! Nur eine kurze Geduld, nur Mut und Hoffnung!
Der junge Mann sah sie betroffen an. Ihre Augen leuchteten in schöner Erhebung, es lag in ihren Worten etwas Geheimnissvolles, das ihn unwillkürlich ergriff; indess er konnte sich nicht entschliessen, sie um die Deutung zu bitten, und ohne eine weitere Erklärung liess sie ihn mit dem Auftrage, die Gräfin Rhoden von ihr zu grüssen, von sich gehen.
arme Angelika, seufzte sie, als er sich entfernt hatte, arme Angelika, warum musstest du so früh von uns scheiden! Dein Sohn würde mich verstanden haben, hättest du ihn auferzogen!
Viertes Capitel
Als Renatus die Linden hinabging, um sich nach dem entlegenen Teile der Wilhelmsstrasse zu begeben, in welchem die Gräfin Rhoden sich, seit sie Berlin bewohnte, niedergelassen hatte, sah er aus dem Eckfenster eines an der Friedrichsstrasse gelegenen Hauses ein helles Licht erglänzen, und da die Uhr an dem Akademie-Gebäude ihn belehrt hatte, dass es noch ein wenig zu früh sei, zu der Gräfin zu gehen, wendete er sich jenem haus zu, stieg die Treppe bis zum ersten Stockwerke in die Höhe und fragte, als eine den höheren Ständen angehörige Frau ihm dort die tür öffnete, ob sein Onkel zu haus und zu sprechen sei.
Zu haus ist der Herr Graf, entgegnete die Frau, welche ihn eingelassen hatte, aber er hat einen Besuch, und der Kammerdiener ist fortgeschickt. Wenn Sie es wünschen, will ich Sie melden; indess ich hörte immer schon mit den Stühlen rücken und umhergehen – wenn Sie vielleicht verziehen wollten ....
Er sagte, dass er nicht lange bleiben könne, dass er jedoch versuchen wolle, ob sein Onkel bis dahin für ihn frei sein werde, und nahm den Sessel an, den die Frau ihm an der Seite ihres Sopha's darbot. Renatus war schon oftmals durch dieses Zimmer gegangen, aber mit der Achtlosigkeit des im Reichtume geborenen und im eigenen haus erwachsenen Mannes hatte er es nie eines Blickes gewürdigt, denn die verschwenderische Ausstattung desselben hatte für ihn keinen Reiz. Eben so wenig hatte er die Frau betrachtet, der er auch früher schon in diesem Gemache begegnet war, oder sie gefragt, welche Stelle sie in dem Haushalte seines Onkels ausfüllen möge.
Heute, da er sich genötigt fand, in ihrer Nähe zu verweilen, bemerkte er, dass sie offenbar den Fünfzigen nahe war, und sie missfiel ihm, obwohl sie einmal eine hübsche Frau gewesen sein konnte. Sie trug jene grossen goldenen Ringe in den Ohren, die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Josephine in Aufnahme gebracht und nach ihr Creolen genannt worden waren. Ihre Taille war noch kürzer gegürtet, ihr Busen noch höher hinaufgeschnürt, als die Mode es mit sich brachte, und aus dem mädchenhaften Fanchontuche, das sie über den à la Titus frisirten Kopf geknüpft hatte, sahen die geschminkten Wangen und das runde Doppelkinn voll und coquet hervor. Dazu hatte sie die Finger reichlich mit Ringen besteckt, und sie musste entweder auf diese Ringe oder auf ihre allerdings noch hübschen hände grossen Wert legen, denn sie war sehr bemüht, des Jünglings Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen, indem sie die hände leise gegen einander rieb und sich beklagte, dass es nach dem heissen Sommer und bei den warmen Tagen Abends doch schon so kalt sei und dass ihre hände die rauhe Luft gar nicht vertragen könnten.
Renatus liess diese Bemerkung schweigend an sich vorübergehen; damit war aber die Entschlossenheit der Redseligen, ihn in eine Unterhaltung zu verwikkeln, nicht zurückgeschlagen, und beide arme auf den Tisch legend, während sie sich weitin über dieselben nach vorn bog, so dass sie sich dem jungen mann dadurch beträchtlich näher brachte, sagte sie mit leisem Kopfschütteln: Ich sehe recht, wie die Zeit vergeht! Sie kennen mich gar nicht mehr, Herr Baron! Sie haben ganz vergessen, dass Sie mich früher schon gesehen haben!
Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jünglinge, dessen reiner Sinn vor allem Niedrigen zurückschreckte, nur noch widerwärtiger, und kurz abweisend sagte er, dass er sich wohl erinnere, wie sie auch sonst schon die Güte gehabt hätte, ihn einzulassen.
In dem Augenblicke ward die tür des Nebenzimmers geöffnet, Graf Gerhard Berka trat mit einem Fremden, einem Franzosen, in das Vorzimmer hinaus; sie schüttelten einander die hände, nahmen eine Verabredung für den nächsten Tag, der Graf rief seinem Neffen, da er ihn gewahrte, einen freundlichen Guten Abend zu, machte scherzend die Bemerkung, dass man vom Wolfe nur zu sprechen brauche, damit er erscheine, was jedoch in diesem Falle ohne allen anzüglichen Vergleich gemeint sein solle, und stellte darauf