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eine Waise, berichtete Renatus. Sie selbst hat mir, als ich erwachsen war, ihre Jugendgeschichte erzählt. Das Geschlecht der Giustiniani, dem sie angehört, ist sehr alt und weit verzweigt; aber der Zweig, von dem sie stammt, war mittellos, und man hatte Vittoria, da ihre Eltern früh gestorben waren, zur Erziehung in ein Kloster getan, in welchem man sie später den Schleier nehmen lassen wollte. Ich weiss nicht, ob ich sagen soll, zu ihrem Glücke, brachen die Blattern in dem Kloster aus, als sie auf dem Punkte stand, ihr Noviciat antreten zu müssen, und man sendete also zeitweilig alle Pensionäre zu deren Familien zurück. So kam Vittoria in das Haus der Marchesa Moncenigo, ihrer Tante, die damals, während des Sommers, eine Villa am Ufer der Brenta bewohnte; aber man zog sie nicht in die Gesellschaft, die sich dort zur Villeggiatur versammelt hatte und zu der auch mein Vater gehörte. Man brachte das junge, weltfremde Mädchen mit einer Dienerin in einem verlassenen Casino im entlegensten Teile der Besitzung unter, da man nicht geneigt war, die mittellose Waise die Reize der Gesellschaft kosten zu lassen, in die einzutreten sie nicht bestimmt war. Ihre Rückkehr in die Mauern des Klosters stand ihr nahe bevor, als mein Vater bei einem einsamen Morgenspaziergange Vittoria an dem Fenster ihres Casino sah und sie, unbemerkt von ihr, eine jener alten Kirchen-Cantaten singen hörte, die Niemand, glaube ich, schöner als sie zu singen versteht. Mein Vater war von ihrer Schönheit wie von ihrer stimme hingerissen. Er kehrte öfter wieder; die Dienerin, welche man Vittoria zugesellt, hatte es bald herausgebracht, wer der Fremde sei und dass er ihrer jungen Herrin eine glänzende Zukunft zu bieten habe. Vittoria war ein Kind, sie sehnte sich, aus dem Kloster fortzukommen, wünschte in das Leben einzutreten, und wie hätte auf sie, der noch kein Mann genaht war, eine so einnehmende Persönlichkeit wie die meines Vaters ihren Eindruck verfehlen können? Die Bewunderung, die sie ihm bezeigte, steigerte natürlich seine leidenschaft für sie; ihre Verlassenheit rührte ihn, seine Grossmut sprach für sie in seinem Herzen, und als er dann von seinen Gastfreunden Vittoria's Hand begehrte, war man natürlich eben so überrascht über die unerwartete Aussicht, welche sich der armen verabsäumten Verwandten darbot, als bereit, sie eine solche Verbindung schliessen zu lassen. Vittoria Giustiniani wurde also mit Freuden Baronin von Arten, wurde meines Vaters Frau, und doch, fügte er seufzend hinzu, kann ich wie der Prinz in Schiller's "Don Carlos" von mir sagen: "Ich habe kein Glück mit meinen Müttern!"

Er erhob sich bei den Worten, sah nach der Uhr und entschuldigte sich, dass er Seba's Zeit so lange und so selbstsüchtig für sich in Anspruch genommen habe. Als diese ihn aufforderte, bis zur Rückkehr ihres Vaters und ihrer Nichte bei ihr zu bleiben, um dann mit ihnen zusammen zu Nacht zu essen, lehnte er es ab, weil er in jeder Woche an dem gleichen Abende bei der Gräfin Rhoden sei, der er ausserdem heute noch einen Auftrag der Signorina zu überbringen habe.

Meinen Sie mit dieser Bezeichnung Ihre Stiefmutter? erkundigte sich Seba.

Renatus wurde verlegen und rot. Ja, sagte er; entschuldigen Sie die üble Angewohnheit, denn eine solche ist es in der Tat, und ich habe sie zu meiner Schande noch obendrein von Mamsell Marianne angenommen, die sich immer nicht entschliessen kann, die junge Frau mit dem Titel meiner verstorbenen Mutter anzureden. Sie nannte sie desshalb, wie die mitgebrachte Dienerin es tat, beständig die Signora. – Mir aber klang das fremde Wort so schön! Und weil Vittoria in ihrer Weise für mich ein Unvergleichliches war, freute es mich, für sie auch eine Bezeichnung zu haben, die keiner anderen Frau gegeben ward. Meine Jugendgespielinnen, die Töchter der Gräfin Rhoden, die gleich mir schnell eine grosse Neigung für Vittoria fassten, nannten sie bald auch nur die Signorina. Sie haben das vielleicht selbst schon von ihnen gehört; und von den Bekannten unseres Hauses heisst jetzt kaum Jemand sie anders, wenn er von Vittoria spricht. Der junge Offizier hatte während dieser letzten Worte seinen Säbel umgehakt und seinen Hut genommen. Seba fragte, ob er sonst Neuigkeiten aus der Heimat habe, ob er wisse, wie es den Marienfelder Steinert's ergehe. – Er hatte aber nichts Näheres von ihnen gehört, da Adam Steinert in gar keinem Zusammenhange mit seinem früheren Herrn stand, und nur gelegentlich hatte er erfahren, dass es Steinert's unermüdlicher Ausdauer gelungen sei, sich durch die Not der Kriegsjahre verhältnissmässig gut durchzubringen. Das ist einer von den Ungebeugten, meinte Seba, denen die Kraft, zu hoffen und in dieser Hoffnung zu schaffen, in den trübsten Stunden aus dem Herzen quillt. Hoffnung muss nur einen Anhalt haben, wendete Renatus ein; und woran kann sie sich knüpfen in einer Zeit, in welcher, wie eben jetzt, nach kaum überstandenem furchtbarem Kriege und unheilvollem Frieden, rund umher neue Rüstungen befohlen werden, deren Zweck nicht zweifelhaft ist? Worauf soll der einzelne ohnmächtige Mensch seine Hoffnung richten, sein Bestreben lenken, da einem gewaltigen, dämonischen Willen nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse wie einer Geissel des Gerichtes über die Erde Macht gegeben ist?

Seba hatte sich auch von ihrem Sitze erhoben und war mit ihrem jungen gast bis an die tür des Gartensaales gegangen