1864_Lewald_163_241.txt

Venedig meine Trauung mit Vittoria Giustiniani vollzogen werden, in wenig Wochen denke ich sie in ihre neue Heimat und in mein Haus zu führen. Ich wünsche die schöne Jahreszeit zu benutzen, damit die Teure unsere Gegend im besten Lichte und in ihrem schönsten Schmucke sehe. Ich bitte Sie also, mein Freund, Alles für meine Wiederkehr anordnen zu lassen, und ich rechne dabei, wie immer, auf Ihre Freundschaft für mich, die darauf bedacht sein wird, meiner teuren Vittoria einen wohltuenden Eindruck vorzubereiten.

Sie werden in ihr eine ganz ursprüngliche natur und eine vollendete Künstlerin finden, und da ich selbst mich jung fühle in der Liebe dieses holdseligen Wesens, so freut es mich auch, dass fortan in meinem haus eine junge Frau walten wird, welche meinem Sohne in Jahren näher steht, als Sie und ich, und die hoffentlich dazu beitragen wird, ihn jugendlicher und fröhlicher zu machen, als er mir nach seinen Briefen zu sein scheint, in denen sich die schwerlebige Berka'sche Gemütsart, v o n der ich so viel gelitten habe, mehr als mir erwünscht ist, kundgibt. Teilen Sie ihm meine bevorstehende Verheiratung mit und sorgen Sie dafür, dass er seiner Stiefmutter ein vertrauendes Herz entgegenbringe."

Seba las den Brief mit grossem Anteile, aber er tat ihr für das Andenken ihrer Angelika und für Renatus weh, denn des Freiherrn geringe Liebe für den Sohn und seine Abneigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus.

Als sie dem Jünglinge den Brief zurückgab, sagte er: Ich habe Ihnen dieses Blatt, das kein fremdes Auge je gesehen hat, unbedenklich anvertraut, denn Ihnen wird es keine Neuigkeiten und keine Geheimnisse verraten haben. Und doch sehen Sie jetzt gerade so betrübt aus, als ich nach Ankunft jenes Briefes meine ganze Umgebung erblickte. Ich kam offenbar aller Welt beklagenswert vor. Die Gräfin Rhoden umarmte mich unter Tränen, als wir sie zum ersten Male wieder besuchten, meine kleinen Freundinnen hofften, dass meine Stiefmutter mich nicht schlecht behandeln werde; der Caplan, welcher im schloss Alles erneuern liess, was etwa der Erneuerung bedurfte, schien gleichfalls niedergeschlagen, Mamsell Marianne aber blieb in einer beständigen, still unterdrückten Wut.

Die Bilder meiner Mutter und meiner verstorbenen Tante Amanda wurden aus dem Wohnzimmer in den Ahnensaal gebracht, und während die Uebrigen alle der Ankunft meines Vaters mit sehr ungünstigen Erwartungen entgegen sahen, unterhielten mich schon die blossen Vorkehrungen für seine Rückkehr so angenehm, dass ich mich des Allerbesten von derselben versah. Der blosse Gedanke, dass noch andere Personen, als der Caplan und Mamsell Marianne, dass mein Vater und eine junge Frau im schloss leben würden, entzückte mich.

Wenige Wochen nach meiner Confirmation, recht mitten in der Rosenzeit, traf dann mein Vater bei uns ein. Der Caplan hatte angeordnet, dass ich den Freiherrn im schloss erwarten sollte, da dieser sich den Empfang, wie er meiner Mutter an unserer Grenze zu teil geworden und wie er sich für die Gutsherrschaft gebührte, verbeten hatte. Die Ungeduld litt mich aber nicht im schloss. Ich wusste damals noch nicht, sagte erund wieder ging Angelika's schwermütiges Lächeln über seine Züge –, was ich später wohl ahnte und was sich mir in diesem Briefe meines Vaters an den Caplan leider bestätigte, dass sein Verlangen nach mir nicht eben lebhaft war; und den ersten grossen Ungehorsam gegen den Befehl meines Mentors begehend, liess ich mir heimlich mein Pferd satteln, um den sehnlich Erwarteten so bald als möglich zu begrüssen.

Mein Vater erkannte mich im ersten Augenblicke nicht, als ich in den Bereich des Wagens kam. Er hatte mich als ein Kind verlassen, mich nur als Kind gedacht, und Vittoria hatte nach meines Vaters Aeusserungen auch nicht darauf gerechnet, einen fast erwachsenen jungen Menschen in mir zu finden. Sie rief mir in ihrer Muttersprache etwas zu, was ich nicht verstand; da sie dies merkte, grüsste sie mich mit einer jener Handbewegungen, welche keine Nordländerin nachzuahmen vermag, und ich war bei ihrem Anblikke wie geblendet von ihrer Erscheinung.

Sie können sich kaum vorstellen, rief er, sich unterbrechend, wie schön Vittoria damals war; aber noch auffallender, als ihre Schönheit, war auch mir ihre grosse Jugend. Als sie vor dem schloss ausstieg, als mein Vater mich ihr, wie sich's gebührte, feierlich als ihren Stiefsohn vorstellte und sie mich umarmte, war ich vollends verwundert, sie kleiner als mich, sie überhaupt so klein zu finden, denn meine Mutter war sehr gross gewesen, und ich musste mich schon damals bücken, meinen Mund dem mund Vittoria's nahe zu bringen, sagte er errötend.

Sprach Ihre Stiefmutter nur das Italienische? fragte Seba.

O nein, ich sagte es Ihnen ja bereits, sie war auch des Französischen mächtig, und mit dem fremdartigen venetianischen Accente, der mir sehr lieblich in ihrem mund klang, französisch zu mir sprechend, sagte sie: "Da ich zu jung bin, Deine Mutter zu sein und eine grosse Verehrung von Dir zu fordern, so entschliesse Dich, mein Freund, mich zu lieben. Ich will das Gleiche tun, sei dess ganz gewiss!"

Und hat die Baronin das gehalten, lieber Arten?

Ich habe keinen besseren Freund, als sie! beteuerte der Jüngling. Dann hielt er inne und liess seiner Wirtin damit zu der Frage Zeit, ob Vittoria's Eltern noch am Leben wären und wo und wie sein Vater sie kennen gelernt habe.

Vittoria war