oder für Geld Musik machen wollte! O, unmöglich, ganz unmöglich!
Er lachte bei der blossen Vorstellung, und es half nicht, dass Seba ihn daran erinnerte, wie viele der französischen Flüchtlinge ihr Brod durch Uebung weit geringerer Fertigkeiten zu gewinnen genötigt worden wären. Er erblickte darin eben nur die Bestätigung, dass allein die Not den Edelmann bewegen dürfe, sich einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie und Kunst zu überlassen, und seine Wirtin fand ihn, wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten, jeder vernünftigen überzeugung unzugänglich, wo diese sich gegen eines der Vorurteile richtete, deren er weit mehr als sein Vater, als der Freiherr hegte.
Indess es lag darin nichts, was Seba, nach ihrer Kenntniss der Verhältnisse, überraschen konnte, und sie war einsichtsvoll genug, es sich zu deuten, wie der Caplan einen so verschiedenen Einfluss auf den Vater und auf den Sohn zu üben vermocht habe.
Als Erzieher und Reisebegleiter des Freiherrn Franz hatte der Caplan sich es einst angelegen sein lassen, diesen für das Studium der schönen Wissenschaften zu gewinnen und ihm jene humanistische Bildung anzueignen, welche den Freiherrn seiner Zeit so liebenswürdig und so duldsam gemacht hatte. Aber die Folge mochte dem Caplan nach seiner Ansicht den Beweis geliefert haben, dass die Duldsamkeit gegen Andere auch sehr duldsam gegen die eigene Schwäche und Willkür werden lasse, und wie die Aufklärung, welche den Menschen auf sich selbst verweise, die Gefahr in sich schliesse, dass er sich von der Zucht der Kirche frei, weder durch ihre Gebote noch durch ihre Strafen gebunden glaube. Mit bewusster Absicht hatte der Caplan also bei der Erziehung von Renatus den Weg verlassen, auf welchen er den Vater desselben einst geführt. Er hatte für ihn das unabweisliche Gesetz der Religion an die Stelle des eigenen Erwägens aufgestellt, der Freiheit seines grübelnden Verstandes Grenzen gezogen, seiner nach Schönheit suchenden Phantasie nur mässig, ja, dürftig Nahrung geboten, und es war ihm auf diese Weise auch gelungen, den von natur fügsamen Knaben zu einem unbedingten Gehorsam gegen seinen Erzieher und zu einem eben so unbedingten Glauben an die von ihm aufgestellten Lehren und Grundsätze zu gewöhnen. Wer aber in geistiger Gefangenschaft erwächst, in wem der Trieb nach freier, prüfender Forschung nicht lebendig ist, dem werden seine Vorurteile gar bald eben so zu einer Schranke seines Denkens, wie zu einer Stütze für seine Unselbständigkeit, und die Zuversicht, der Eigensinn, die Heftigkeit, mit welcher der Befangene sich in der Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhält, sind nur ein Zeichen seiner Haltlosigkeit und seiner inneren Schwäche.
Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen, durch den Maler in seinem Zwiegespräche mit der Freundin seiner Mutter unterbrochen worden zu sein, und da er, durch zu ausschliessliche Beachtung in seiner Kindheit verwöhnt, sich trotz seiner Bescheidenheit eine grosse Bedeutung beilegte, hatte sich bei des Malers Ankunft eine übellaunige Verstimmung seiner bemeistert, die erst in dem Verkehr mit demselben und in der Kunstbetrachtung wieder allmählich gewichen war. Nach Seba's spottender Bemerkung schien diese Gereizteit sich abermals kundgeben zu wollen, und Seba fühlte Lust, ihn um dieser Unart willen zur Rede zu stellen; aber der Jüngling stand ihr dazu noch zu fern, und halb aus Neugier, halb aus nachgiebiger Güte gegen den Sohn ihrer Angelika fragte sie, um ihm die Möglichkeit weiteren Vertrauens zu eröffnen, an ihre frühere Unterhaltung anknüpfend, welchen Eindruck denn auf ihn in seiner Kindheit die Kunde von der neuen Verheiratung seines Vaters hervorgebracht habe.
Einen weit geringeren und sicherlich einen anderen, als Sie erwarten mögen, entgegnete der Jüngling. Ich hatte durchaus keinen Kummer darüber und dachte nicht im entferntesten daran, dass und in welcher Weise meine Zukunft dadurch benachteiligt werden könne. Auch erfuhren wir die Heirat meines Vaters erst, als sie schon vollzogen war. Und als falle ihm plötzlich etwas ein, zog Renatus seine Brieftasche aus der Uniform hervor, öffnete sie, suchte unter den verschiedenen Papieren, die sie entielt, und sagte dann, seiner Zuhörerin ein zusammengefaltetes Schreiben vorhaltend: Sehen Sie, das ist der Brief, in welchem mein Vater dem Caplan von seinem Entschlusse Kenntniss gab. Ich habe ihn, als ich ihn vor ein paar Jahren nach vielem Bitten von dem Caplan erlangte, immer als eine Art von Andenken und als eine Erinnerung bei mir getragen, weil mit diesem Briefe in gar vieler Rücksicht ein neues Dasein für mich begonnen hat. – Er reichte Seba den Brief, der aus Venedig datirt war.
"Da Sie mich kennen, mein alter Freund," hatte der Freiherr an den Caplan geschrieben, "so werden Sie es natürlich finden, dass ich Sie erst, nachdem ich mit mir selbst völlig einig bin, von einem Schritte in Kenntniss setze, den ich bereits getan haben werde, wenn Sie diesen Brief empfangen.
Der Himmel, der meinem Leben von Jugend auf seine besonderen Wege und seine eigentümlichen Schicksale vorgezeichnet, hat mir ein grosses Glück, eine wundersame Verjüngung an jener letzten Grenze des reifen Mannesalters vorbehalten, in welchem weniger bevorzugte Naturen für die höchsten Empfindungen und Freuden des Daseins oft nicht mehr empfänglich sind.
Was ich in frühen Jahren besessen, die volle, ganze, rückhaltlose Liebe eines jungen Herzens, das ist mir abermals zu teil geworden, und wenn damals trennende Lebensverhältnisse mich verhinderten, meines Glückes mich offen zu erfreuen, so ist es mir jetzt eine Genugtuung und eine Ehrensache, meiner künftigen Gattin eine ihrer Geburt und ihren Vorzügen angemessene Stellung zu bereiten.
In wenig Tagen wird hier in