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er sich denn nicht nach Ihnen, nach seinem Sohne gesehnt? erkundigte sich Seba.

Renatus gab ihr keine Antwort. Indess sie bemerkte, dass seine Stirn sich verdüsterte und dass sein Auge den schwermütigen Ausdruck annahm, der, so lange sie seine Mutter gekannt, das Antlitz derselben fast niemals verlassen hatte. Er glich überhaupt vollständig der verstorbenen Baronin, und gerade das gewann ihm Seba's Gunst. Nichts in des jungen Mannes Gestalt und Wesen erinnerte an seinen Vater, und es rührte Seba, als er mit seinem melancholischen Blicke die Bemerkung hinwarf: der Freiherr sei wohl nicht im stand, sein Herz an Kinder zu hängen, wie manche andere Männer es bisweilen täten, und obendrein sei er leider seinem Vater nicht nach dessen Sinne.

Noch als meine Mutter lebte, äusserte mein Vater oftmals, ich sei nicht fröhlich genug, ich sei zu ernstaft. Hätte mein Vater mehrere Söhne gehabt, ich glaube, er würde mich dem Dienste der Kirche gewidmet haben, sagte der junge Mann. Und es ist traurig, zu sagen, mein kleiner Bruder, der voller Leben und Schalkheit ist, trägt Scheu vor unserem Vater, so dass dieser ihn deshalb nicht gern um sich leidet und mir Valerio's Zärtlichkeit missgönnt.

Renatus hielt abermals inne. Er kämpfte offenbar eine peinliche Empfindung in sich nieder, und Seba bedauerte es, dass der Tod seiner Mutter ihn frühzeitig so ernst gemacht habe.

Daran trägt, wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, wohl vor Allem die Abgeschiedenheit Schuld, in der ich von meinem achten Jahre bis zur Wiederverheiratung meines Vaters erzogen worden bin. Denken Sie nur, dass der Caplan meine einzige Gesellschaft undRenatus lächelte, was ihn sehr hübsch erscheinen liessund Mamsell Marianne mit ihren feierlichen Mienen und altväterischen Knixen das einzige weibliche geschöpf gewesen ist, mit dem ich Jahr aus Jahr ein zu verkehren hatte. Weil mein Vater so lange in Italien blieb, entliess mein Erzieher, der zugleich sein Bevollmächtigter war, die ganze französische Dienerschaft und überhaupt alle entbehrlichen Leute, und da ich schwächlich war und der Arzt für mich ein einfaches und regelmässiges Leben verordnet hatte, ging es bei uns wie in einem Kloster zu. Ich hatte viel Unterricht, war nie eine Stunde ohne Aufsicht, genoss, weil mir jede gelegenheit, einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu tun, entzogen war, die volle Zufriedenheit der beiden trefflichen alten Leute und kannte nur zwei Arten von Belohnungen, die darin bestanden, dass ich mit dem Jäger reiten oder schiessen durfte und dass Mamsell Marianne mich in unserem Ahnensaale von den Taten, den Eigenschaften und den Familien-Verbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen unterhielt, da sie sich im Dienste meiner Grosstante Ester zu einer wahren Familien-Chronik ausgebildet hatte.

Besuchten Sie denn Ihre mütterlichen Grosseltern in der Abwesenheit Ihres Vaters nicht?

Nein, sie kamen nie nach Richten; ich wurde jedoch in jedem Jahre einmal auf wenige Tage in ihr Haus geführt. Indess ich war so schüchtern, dass ich mich nicht wohl in der Gesellschaft meiner jungen Vettern fühlte. Dazu scheute ich mich auch vor all den fragen, die man über meinen GlaubenSie wissen, meine Grosseltern gehören nicht zu unserer Kirchestets an mich zu richten pflegte, und heitere Tage habe ich in meiner Kindheit nur im haus der guten Gräfin Rhoden und in der Gesellschaft ihrer beiden Töchter genossen und erlebt.

Drittes Capitel

Die Dazwischenkunft eines eintretenden Besuches unterbrach den jungen Mann in den Mitteilungen aus seiner Kindheit.

Es war ein Maler, welcher von seiner Studienreise wiederkehrte. Er brachte der Freundin seine Mappen mit, damit sie sich mit ihm an der reichlichen Ausbeute seiner Arbeit erfreue, und Renatus zeigte den lebhaftesten Anteil daran, da er selber eine recht hübsche Anlage für das Zeichnen hatte und, ohne besonderen Unterricht erhalten zu haben, im Treffen der Aehnlichkeit wie in dem Wiedergeben landschaftlicher natur recht glücklich war.

Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der Skizzen und Studien beschäftigt, und als der Maler sich dann entfernte, meinte Renatus, dass er sich kaum ein schöneres los, als das des Künstlers, zu denken vermöge, ja, wie er, da ihm auch für Musik die Begabung nicht versagt sei, sich oftmals auf dem Gedanken ertappt habe, dass er als ausübender Künstler seine höchste Befriedigung gefunden haben würde.

So hätten Sie Künstler werden sollen! bedeutete ihn Seba.

Ich? fragte Renatus mit einem Tone, als werde ihm etwas ganz Unmögliches angemutet. Wie hätte ich das anfangen sollen?

Wie jeder Andere, dem es darum Ernst ist! entgegnete ihm Seba.

Aber der Jüngling war von dieser Antwort nicht befriedigt; sie schien ihn sogar zu kränken, denn leicht errötend versetzte er: Sie vergessen, liebe Seba, dass ich ein Edelmann bin!

Seba lächelte. Soll das heissen, sagte sie mit leichtem Spotte, dass es unter Ihrer Würde ist, Sich mit dem Schönen zu beschäftigen?

Nein, es ist nicht unter unserer Würde, uns mit dem Schönen zu beschäftigen, entgegnete sehr ernstaft der junge Edelmann, der sich sofort als ein Glied der grossen Körperschaft empfand, der er angehörte; es ist nicht unter unserer Würde, uns mit dem Schönen als Geniessende zu beschäftigen, nur Vorteil können wir aus unserer Beschäftigung mit demselben nicht wohl ziehen. Wäre ich in bürgerlichem stand geboren, so wäre ich sicherlich ein Künstler geworden; jetzt würde mir das übel anstehen. Denken Sie doch, Beste, wenn ein Freiherr von Arten Bilder verkaufen