die Herzogin beständig, wie glücklich sie sich am sardinischen hof fühle, und da mein Vater der Ansicht war, dass er eine zweckmässige ökonomische Massregel treffe, wenn er, wie er sich ausdrückte, als schlichter Privatmann, nur von seinem Kammerdiener begleitet, für einige Zeit ins Ausland gehe, so riet der Pfarrer – Sie wissen, ich meine damit unseren guten, trefflichen Caplan, der Pfarrer geworden war, sei er unsere Kirche in Rotenfeld verwaltete – meinem Vater selbst dazu, seiner neu erwachten Reiselust zu folgen. Man dachte dabei, so viel ich mich erinnere, von beiden Seiten nur an einen Winteraufentalt im Süden, und an die Rückkunft, wein das Frühjahr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck verliehen haben würde; aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende gingen zu Ende, ohne dass auch nur von der Heimkelr meines Vaters die Rede gewesen wäre.
Und hielt Ihr Herr Vater sich während desser beständig am sardinischen hof auf? fragte Seba.
Nein, entgegnete Renatus; er blieb allerdings den ganzen ersten Winter dort, kehrte auch immer wieder an derselben zurück, indess seine Beziehungen zu der Herzogin waren doch nicht mehr die alten. – Der junge Mann unterbrach sich selber, sah, wie in eigenem Rückerinnern, vor sich nieder und meinte dann: Sie haben ja die Herzogin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vater kennen lernen, als wir alle eigentlich in Ihres Vaters haus lebten. Mein Vater hatte Freude an der Gesellschaft der Herzogin, aber ich glaube, noch mehr Freude an der ausschliesslichen Achtsamkeit, welche die Herzogin ihm zu gewähren damals für gut befand, denn ihr war es, wie ich mir ihr Bild aus der Erinnerung ausgestaltet habe, nur um herrschaft und Erreichung ihrer Absichten zu tun. In Italien hielt ihr Hofamt sie beschäftigt; sie hatte neue Plane für sich und für ihren Bruder, der ihr nach dem Süden gefolgt war, und wenn sie auch klug und tactvoll genug war, meinem Vater immer die gebührende Rücksicht zu beweisen, so sah sie es gewiss nicht ungern, als er, empfindlich darüber, nicht mehr der alleinige Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu sein, gegen das erste Frühjahr hin den sardinischen Hof verliess, um sich nach Florenz zu begeben.
Und in Florenz also hat Ihr Vater sich so lange aufgehalten? erkundigte sich Seba, die eben mit diesen kleinen Unterbrechungen dem jungen mann ein Zeichen ihrer Teilnahme und eine Ermunterung gewähren wollte, in seinen Mitteilungen nach seines Herzens Bedürfen fortzufahren.
Er liess sich wenigstens am toskanischen hof für einige Jahre nieder, antwortete Renatus. Schon sein Aufentalt am sardinischen hof hatte ihn von dem Vorhaben abgebracht, mit dem er Richten verlassen. Es war auch für einen Mann unseres Standes und von seiner persönlichen Bedeutung nicht wohl möglich, als Privatmann aufzutreten. Er mietete also in Florenz ein Haus, möblirte es, legte sich Dienerschaft zu ....
Aber welche Ausgaben musste ihm das verursachen! rief Seba – und Sie haben mir gesagt, dass der Freiherr auf und mit dieser Reise Ersparnisse zu machen wünschte!
Renatus zuckte die Schultern und sagte mit einem Ernste und mit einer Gewichtigkeit, die ihn bei seiner Jugend fast komisch erscheinen liessen: Ersparnisse zu machen ist eben nicht in allen Lebenslagen möglich, liebste Flies! Unser Rang legt uns Pflichten gegen uns selbst und gegen die Gesellschaft auf, deren wir uns nicht entschlagen können! Allerdings hörte ich es meinen Erzieher und den neuen Amtmann, welcher Adam Steinert bei uns ersetzt hatte, beklagen, dass meines Vaters Aufentalt in der Fremde so kostbar sei, aber das Reiseleben muss doch wohl etwas sehr Bestrickendes haben!
Gewiss, versetzte Seba, denn es täuscht uns mit dem Wechsel unserer Umgebung über jenen andern Wechsel, der sich an und in uns selber vollzieht. Wer immer an demselben Orte, immer in demselben Menschenkreise lebt, wird diesem zur Gewohnheit, und wie man diese Gewohnheit des Beisammenseins auch lieben und hochhalten mag, entzieht sie uns doch den Reiz, den das Fremde immer für die Menschen hat und den man als ein Fremder auf Fremde, als ein Kommender und Gehender auf diejenigen ausübt, denen wir wert sind und denen unsere Anwesenheit erfreulich ist. Wo wir erscheinen, werden wir als etwas Neues begrüsst; kein Altersgenosse, kein Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch sein Altern, durch seine wankenden Kräfte daran, dass auch an uns die Jahre nicht spurlos vorübergehen, und ich glaube, dass man in solchem Wanderleben seinen Lebensabend erreichen kann, ohne es, wenn man sonst leidlich bei Kräften ist, gewahr zu werden, dass man sich dem Niedergange nähert.
Ach, rief Renatus, wenn Sie meinen Vater heute sehen würden, so würden Sie ihn doch gealtert finden! Freilich hat er noch immer seine gebietende Gestalt, sein Auge hat auch noch immer etwas Mächtiges, seine kräftige Farbe bildet sogar einen anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare, aber als er damals aus Italien wiederkehrte, war er doch noch ein Anderer! Er schien mir völlig wie verjüngt. Die lästigen Geschäfte hatten ihn dort nicht gedrückt, die leichtere, freiere Lebensweise der Südländer, die man ja von allen Seiten rühmt, hatte ihm immer eben so sehr zugesagt, als das Licht und die Luft Italiens, und wenn mein Vater während seiner langen Abwesenheit auch, so oft der Frühling kam oder wenn der Herbst sich nahte, von seiner Heimkehr gesprochen hatte, so hatte die Scheu vor unserem rauhen Klima und vor unserem einsamen schloss ihn doch immer wieder in Italien festgehalten.
Aber hat