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in einen beständigen Zwiespalt geraten. Sie sehnen Sich nach den Briefen Ihrer Stiefmutter, weil Sie sie lieben, und dürfen Sich der Ankunft dieser Briefe, eben weil Sie sie lieben, doch nicht freuen.

Gewiss, so ist es auch, versetzte Renatus; aber es ist das nicht der einzige Zwiespalt, in dem ich lebe. Sie wissen es, ich hange an Vittoria sehr; nicht wie an einer Mutter, denn dazu ist sie viel zu jung, aber auch nicht wie an einer Schwester, oder gar wie an einem Freunde. Ich liebe sie eigentlich am meisten von allen Menschen, die ich kenne, und ich weiss Niemanden, den ich so gern glücklich sähe, als sie, oder in dessen Nähe ich mich so völlig zufrieden fühle, als in der ihrigen. Alles an ihr ist Schönheit, Heiterkeit und Frohsinn, und mein kleiner Bruder ist ganz und gar ihr Ebenbild.

Und doch sprachen Sie eben jetzt und auch sonst schon öfter von den wechselnden Stimmungen Ihrer Stiefmutter, nahm Seba nach einigem Bedenken das Wort; Sie werden es also natürlich finden, wenn ich die Frage an Sie richte, worin dieselben ihre Ursache haben.

Renatus sah ernstaft vor sich nieder. Wenn Sie Vittoria meine Stiefmutter oder gar die Baronin nennen, begann er nach einer kleinen Pause, so ist damit eigentlich Alles gesagt; denn Vittoria gehörte nicht in unseren Norden. Sie leidet von demselben, der Winter macht sie unglücklich. Sie ist so fremd bei unsso fremd, wiederholte er schmerzlich, wie die Granatblüten in unseren Treibhäusern, die mich nie recht freuen, weil ich ihnen anzusehen meine, wie viel schöner sie in ihrem vaterland sein müssen! Und doch klagt Vittoria niemals, doch hat ausser mir und ihrer Dienerin wohl Niemand eine Ahnung davon, dass sie nicht immer heiter ist, dass sie auch traurig sein kann!

Niemand? wiederholte Seba. Sollte der Freiherr sich über die Gemütsverfassung seiner Gattin, der er an Jahren und an Erfahrungen so überlegen ist, wohl täuschen können?

Es entstand eine Pause. Der junge Mann schien sich nur mit Mühe von einer Antwort, von weiteren Mitteilungen zurückzuhalten, und Seba, die schon öfter bemerkt hatte, wie sehr er Neigung fühlte, ihr sein Herz zu erschliessen, trug doch Bedenken, ihn dazu zu ermuntern, weil sie es nur allzu wohl wusste, dass man im Leben nichts häufiger bereut, als unnötig bewiesenes Vertrauen, auch wenn man es würdigen Personen gewährt hat, bei denen es wohl aufgehoben scheinen durfte; denn man gibt mit seinem Vertrauen immer einen teil seiner künftigen freien Entschliessungen hinweg. Andererseits wusste sie aber genugsam, welch ein Genuss und welche Erleichterung es zu zeiten für den Menschen sein kann, von sich und von denjenigen Personen sprechen zu dürfen, mit denen er sich verbunden fühlt, und Renatus es völlig überlassend, was er tun wolle, bemerkte sie also nur, dass sie Vittoria nicht gesehen habe, als der Freiherr mit ihr aus Italien heimgekehrt sei, dass Herr Flies sich damals aber sehr gewundert habe, sie so überaus jung und der verstorbenen Baronin Angelika so völlig ungleich zu finden.

Es ist mir gerade so gegangen, sagte Renatus, indess meine Ueberraschung war eine sehr angenehme; denn Sie können sich gar nicht vorstellen, wie traurig meine Kindheit und meine Jugend gewesen sind, ehe Vittoria nach Richten kam, und wie bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte.

Er hielt abermals inne und hob dann, als sei er mit sich zu Rate gegangen, ob er schweigen oder reden solle, und habe sich nun zu dem Letzteren entschlossen, in jenem ruhig ausholenden Tone zu sprechen an, mit welchem man sich zu einer längeren Erzählung anschickt.

Wie Sie wissen, war ich erst acht Jahre alt, als meine arme Mutter starb, aber ich hatte doch bereits Verstand genug, die Grösse eines solchen Verlustes zu begreifen und zu empfinden, und auch von ihrem traurigen Loose, von der unglücklichen Ehe meiner Eltern, von dem übeln Einflusse, den die Herzogin von Duras in unserem haus ausgeübt, hatte ich sehr früh eine Ahnung gehabt. Meine Mutter jemals recht heiter, meinen Vater herzlich mit ihr oder fröhlich mit mir gesehen zu haben, kann ich mich kaum erinnern. Die Schwermut meiner Mutter warf ihren Schatten denn auch bald auf mich; ich war nicht gern bei ihr, nicht gern bei meinem Vater, und noch weniger mochte ich in der Nähe der Herzogin sein. Ich fürchtete mich vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise, und als dann meine Mutter starb, sehnte ich michdass ich es Ihnen ehrlich gesteherecht nach Ihnen.

Nach mir? fragte Seba mit der Teilnahme, die sich in guten Herzen augenblicklich für denjenigen erzeugt, dem sie etwas leisten zu können glauben.

Ja, nach Ihnen! wiederholte Renatus. Sie hatten meine Mutter sehr geliebt, waren immer freundlich mit mir, ich war in Ihrem haus immer fröhlich gewesen, und bei uns in Richten war es in dem Herbste äusserst traurig. Mein Vater hielt es dort auch nicht lange aus. Er vermisste die Herzogin meine Mutter fehlte ihm wohl auch, der kurze Beileidsbesuch, den mein Grossvater, der Graf Berka, ihm machte, entfernte die beiden Männer nur noch weiter von einander, und die Streitigkeiten, in die mein Vater sich durch unsern alten Neudorfer Pastor mit dem protestantischen Consistorium und mit der Regierung verwickelt fand, verleideten ihm das Leben auf unseren Gütern vollends. Dazu schrieb