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Schicksal sie ausersehen habe, die Mutter der Verwaisten zu sein, dass es ihr, wie einst Paul, so jetzt Davide zugewiesen habe, und mit dem Augenblicke, in welchem sie die sorge für dieses Kind über sich genommen, war auch die Hoffnung, dass der ihr so teure Knabe, wie Angelika es prophezeit, noch wiederkehren könne, wiederkehren werde, obschon alle Spur von ihm verloren blieb, auf's Neue in ihr rege geworden.

Die Uebersiedlung in die Residenz war dem Lebensplane zu hülfe gekommen, den Seba sich vorgezeichnet hatte. Auf alle die Vorrechte und Ansprüche verzichtend, welche ihre noch immer jugendliche Schönheit der Fünfundzwanzigjährigen gaben, hatte sie angefangen, ihre Kenntnisse zu prüfen, und sie oberflächlich gefunden. Alles, was sie gelernt, war ihr ungründlich, ihr ganzes Denken und Tun unzusammenhängend erschienen. Sie hatte also von Grund auf neu zu lernen, sie hatte in ernsterer Weise zu denken begonnen, weil sie in sich das geistige Capital erwerben und ansammeln wollte, von dessen Zinsen ihr Pflegekind sein tägliches Leben haben sollte; und da sich demjenigen, der genau weiss, was er will, und sich dabei in seinem Wollen zu beschränken weiss, das ihm Nötige fast wie von selber bietet, so hatte das ernste Bemühen des schönen, geistbegabten Mädchens ihm die Teilnahme bedeutender Männer und Frauen zugewandt, und bei dem Reichtume und der Gastfreiheit ihrer Eltern hatte Seba sich in der Lage befunden, diesen ihr werten Bekannten an jedem Tage in ihrem Vaterhause einen Versammlungspunkt und einen herzlichen Empfang bereiten zu können.

Das war zu jener Zeit, in welcher der Krieg und die Fremdherrschaft die meisten Familien zu grossen Einschränkungen und Entbehrungen nötigten, nichts Gewöhnliches gewesen. Man hatte das sich Darbietende gern benutzt, und seit im Beginne des Jahrhunderts Madame Flies gestorben war, hatte Seba als Hausfrau in dem alten von Arten'schen haus geschaltet, bis sie allmählich zu dem geistigen Mittelpunkte eines Kreises geworden war, der, wie es zu jener Zeit, in welcher die gemeinsame Not und gemeinsames Hoffen und Streben die Herzen und die Geister über die trennende Kluft der Standesunterschiede forttrug, gar oft geschah, die verschiedensten geselligen Elemente schön und förderlich in sich vereinigte.

Die Rückkehr Daviden's erwartend, ging Seba im Genusse des hellen Abends langsam am wasser auf und nieder. Bald blickte sie nach dem Parke hinüber, als wolle sie das Abendrot nicht scheiden lassen, ehe der Vater sich nicht auch daran gefreut, bald sah sie nach dem haus hin, und fast gedankenlos blieb ihr Auge an der Stelle haften, an welcher einst über der grossen tür des Gartensaales wie über dem Portale des Hauses das von Arten'sche Wappen geprangt hatte. Die Steinschilde waren auf den Wunsch des Freiherrn abgenommen worden, als er das Haus verkaufte. Sie schmückten nun die Gruft der Rotenfelder Kirche, und nichts, als einige Stücke Möbel erinnerten jetzt in dem Flies'schen haus an seine früheren Eigentümer, denn der Freiherr hatte es seiner Zeit verweigert, das ganze Mobiliar des Hauses gleichfalls in den Besitz des Käufers übergehen zu lassen, und es vorgezogen, es in Versteigerungen weit unter seinem Werte fortzugeben.

Er hatte auch, obschon er in der Residenz gewesen war, das verkaufte Haus nicht wieder betreten, aber seinen Sohn, der seit einigen Monaten von dem Regimente, bei welchem er bis dahin in der Provinz gestanden, nach der Hauptstadt versetzt war, hatte er an Herrn Flies gewiesen, mit dem er noch immer in Geschäftsverbindung war, und die freundliche Erinnerung, welche Renatus aus seiner Kindheit an das Flies'sche Haus bewahrte, wie der anteilvolle Empfang, den Seba ihm um seiner Mutter willen bereitete, hatten den jungen Edelmann bald zu einem der oft wiederkehrenden Gäste desselben gemacht, seit die Flies'sche Familie von der Reise heimgekehrt war, die sie sich in keinem Jahre zu versagen pflegte.

Es war also kein ungewöhnliches Ereigniss, als Davide in des jungen Herrn von Arten Begleitung aus dem haus wiederkehrte.

Der Onkel kann nicht kommen, sagte sie; er hat Geschäfte, er muss fortgehen! Wir sollen ihn nicht erwarten, sondern den Tee mit Herrn von Arten trinken, aber ....

Aber? wiederholte Seba, als Davide zögernd inne hielt.

Ich möchte auch gern fortgehen! sagte das junge Mädchen bittend.

Das ist nicht schmeichelhaft für mich, meinte Renatus.

Ich dachte nicht an Sie, und Sie sind ja auch nicht mein Gast! erwiderte sie, indem sie ihn mit ihren grossen, braunen Augen ehrlich ansah.

Er wollte ihr offenbar eine verbindliche Entgegnung machen, aber Seba liess es nicht dazu kommen. Sie erteilte Daviden, als sie erfahren, dass es sich um eine eben erhaltene Aufforderung handle, die erlaubnis, ihre Freundin zu besuchen, und nachdem das junge Mädchen die beiden Andern verlassen hatte, folgte Renatus seiner Wirtin in den Gartensaal, in welchem der Imbiss ihrer wartete.

Zweites Capitel

Während Seba ihrem jungen gast den Tee hinreichte und sich selber bediente, fragte sie ihn, ob er Nachrichten von haus erhalten habe und wie es den Seinigen ergehe.

Ich habe mit der letzten Post einen Brief von Vittoria empfangen, entgegnete er. Sie ist wohl, und auch meinem kleinen Bruder geht es gut; indess wenn Vittoria so lange Briefe schreibt, ist es immer kein günstiges Zeichen. Wenn sie recht heiter und zufrieden ist, so schreibt sie nicht.

Da Sie gern Nachricht von Ihrer Stiefmutter erhalten, meinte Seba, müssen Sie auf diese Weise