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ihr Vater den Hingang einer ihnen teuren person zu beklagen, da durch eine plötzliche Krankheit ihnen die Mutter bald nach der Uebersiedelung in die Residenz und in dieses Haus entrissen worden war.

Allabendlich, wenn die Sonne zu sinken begann, pflegte Seba den frischen Strauss auf das Denkmal zu legen, und ihre junge Gefährtin liess es sich dann nicht nehmen, die Blumen des vorigen Tages in den Strom zu werfen, der langsam an dem unteren Teile des Gartens hinfloss und langsam den welken Strauss mit sich davon trug, bis das ihm folgende Auge ihn nicht mehr ersah.

Auch heute wendeten die Frauen sich wieder dem festen Kieswege zu, der das Ufer bildete und von dem man über den Fluss hinweg die schönen Bäume eines auf der anderen Seite des Wassers gelegenen Gartens vor sich hatte, die eben jetzt im Sonnenuntergange erglühten.

Wenn der Vater nicht bald hinauskommt, wird er es heute nicht sehen, wie die Bäume drüben ihr flammendes Lichtbad geniessen, sagte Seba. Seit den zwölf Jahren, die wir hier in diesem haus leben, bin ich dieses Schauspiels noch nicht satt geworden, und selbst auf Reisen entbehre ich den Anblick.

Auf Reisen? wiederholte das junge Mädchen kopfschüttelnd; nein, da habe ich niemals oder doch nur selten hierher gedacht. Da hat man ja Anderes, Neues zu betrachten.

Ja, wenn man jung ist, meinte die ältere Freundin, und das Neue uns noch reizt. Indess, und es mag das vielleicht wie manches Andere in einer gewissen Abgeschlossenheit und Beschränkung meines Wesens begründet sein, fügte sie halb wie zu sich selber sprechend hinzu, mir offenbaren sich die Schönheiten der natur, der Wechsel der Tageszeiten, der Jahreszeiten, des Lichtes und der Luft am deutlichsten und schönsten gerade an den Gegenständen, welche meine Neugier gar nicht reizen, sondern die mir in allen Einzelheiten recht vertraut sind. Ein Sonnenuntergang am Niagara würde mich sicherlich weniger erfreuen, als der Anblick, den ich hier geniesse. Das Licht auf eben diesen Bäumen, denen ich die belebende Wärme gönne und wünsche, weil ich sehe, wie sie sich mit jedem Jahre neu belauben, wie sie wachsend immer mächtiger werden, entzückt mich wie das freudige Lächeln auf einem bekannten und geliebten Antlitze. Was könnte mir auch die strahlendste Freude einer fremden Schönheit gelten gegen die Zufriedenheit in Deinen guten Augen?

Und doch möchte ich schön sein! rief das junge Mädchen lebhaft aus.

Seine Gefährtin blickte es freundlich an. Kennst Du nicht die Worte, Davide, die wir neulich in dem "Landprediger von Wakefield" gemeinsam lasen: Schön ist, wer schön handelt?

Da musst Du also sehr schön gehandelt haben! entgegnete das junge Mädchen, ganz vergnügt über die Logik, welche sein liebevolles Herz ihm plötzlich eingab.

Törichtes Kind! entgegnete Seba, dem Schmeichelworte des Mädchens wehrend, das Seba's Hand an seine Lippen drückte und von ihr mit einer Umarmung belohnt ward, ehe sie ihm den Auftrag gab, nach dem haus zu gehen, um nachzuhören, wo der Vater gar so lange weile.

Als Davide sich entfernte, blickte Seba ihr mit lächelndem Behagen nach, denn Davide war ihre Cousine und ihr Pflegekind, und es war eine Lust, diese junge, schlanke Gestalt zu betrachten, wie sie sich mit unbewusster Anmut so leicht und schnell bewegte.

Eben an jenem verhängnissvollen Tage, an welchem Seba einst im Beisein der alten Gräfin Berka und Angelika's mit dem Grafen Eberhard zusammengetroffen und in der furchtbarsten Aufregung in ihr Vaterhaus zurückgekehrt war, hatte ein Brief ihren Eltern die Kunde gebracht, dass eine verwittwete Schwester ihrer Mutter auf den Tod liege und nach derselben verlange, um dieser ihr einziges Kind zu übergeben. Noch an demselben Abende war Madame Flies in Seba's Begleitung aufgebrochen, und vierundzwanzig Stunden später hatten sie an dem Bette der Sterbenden gestanden.

Nimm mich! hatte die kleine, kaum dreijährige Davide, wie alle Kinder, von der Schönheit angezogen, ausgerufen, als Seba an das Krankenlager herangetreten war; und wie einst Paul sie in der Stunde schwerer Seelenpein dem Leben und der Hoffnung durch seinen liebevoll besorgten Zuruf wiedergewonnen, so hatte das Zutrauen eines Kindes sie zum zweiten Male aus der Dumpfheit des Schmerzes wachgerufen, in welche die bittere Erfahrung sie versenkt hatte, dass es Selbstbefriedigungen und Siege gibt, an denen man zu grund gehen kann.

Lass mir das Kind! hatte Seba gebeten, als die Sterbende es der Schwester übergeben wollte. Lass es mein Kind sein, Tantees soll gut, es soll besser und glücklicher werden, als ich! hatte sie leise hinzugefügt, und von dem Herzen der sterbenden Mutter hatte sie Davide an ihr Herz genommen.

Von dem Tage ab hatte Seba's Leben einen Halt gewonnen. Sie hatte sich, seit Paul verschwunden und trotz aller Nachforschungen nicht zu finden gewesen war, wenn ihre Tätigkeit nicht, wie in der Krankheit der Baronin, durch einen augenblicklichen Liebesdienst in Anspruch genommen ward, sehr überflüssig in der Welt gefühlt, und in der Entmutigung eines verletzten und hoffnungslosen Herzens auch nicht daran gedacht, einst in ihrer eigenen Entwicklung und Selbstvollendung Trost zu suchen; denn liebevolle Seelen leisten ihr Höchstes nur im Hinblicke auf die Gegenstände ihrer Liebe. Nun war das plötzlich anders geworden. Sie hatte jetzt ein festes Ziel gehabt, sie hatte sich, da der Mensch, je hülfsbedürftiger und ratloser er sich fühlt, um so lieber an eine höhere hülfe oder an geheimnissvolle Zeichen glaubt, die Vorstellung gebildet, dass das