Baarvorrat weit überstiegen und er war aufs Neue genötigt worden, Geld gegen Wechsel aufzunehmen.
Wie das Jahr zu sinken begann, sanken die Kräfte Angelika's mit ihm. In guten Stunden trug man sie auf die Terrasse hinaus; der Pfarrer, die treue Marianne, ihr Sohn durften sie wenig verlassen. Die sorge für Renatus beschäftigte sie ganz und gar.
Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht! beschwor sie den Pfarrer; machen Sie, dass er in seinem Herzen, in seinem geist die Richtschnur finde, die ihn hindert, von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuweichen; machen Sie, dass er unnachsichtig gegen seine Neigungen werde, dass sein Gewissen unbestechlich von seinen Leidenschaften sei! – Sie sprach es nicht aus, dass sie wünsche, er möge seinem Vater und ihrem Bruder nicht ähnlich werden, aber es war unschwer zu ersehen, wohin ihre Plane für die Erziehung ihres Sohnes gingen, und der Pfarrer verstand sie wohl.
Als die Ernte vollendet war, zog der Amtmann von der herrschaft ab. Es war grosse Betrübniss unter den Leuten, und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe. Adam hingegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet. Sein Haus in Marienau stand wohlgefügt, die Hochzeit seiner Schwester sollte es einweihen, und er hatte jetzt bereits im Stillen sein Auge auf eines Gutsbesitzers hübsche Tochter fallen lassen, die ihm ein Ersatz für Eva zu werden versprach.
Im Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner grossen Familie in dem haus, das die Steinerts über ein Jahrhundert inne gehabt hatten. Da er nicht des Landes, sondern aus einem fernen Teile Deutschlands gekommen war, hatte er ohne Weiteres die Meinung wider sich. Er hielt es, wie der Freiherr, mit einem strengen Regiment, und ein solches musste er auch üben, wenn er die Verheissungen wahr zu machen dachte, mit denen er den Freiherrn für sich eingenommen.
Der Herbst war ungewöhnlich hell und mild, das Jahr schien lächelnd verscheiden zu wollen, und lächelnd fand man eines Morgens die Baronin auf ihrem Lager liegend. Sanft lächelnd, Amanda's Rosenkranz, der sie nie verlassen, in ihrer Hand, war sie wie unter dem Eindrucke eines milden Traumes eingeschlafen.
Es war auch ein heller, klarer Herbstmorgen, an welchem man die Leiche der Schlossherrin zu ihrer Ruhestätte in der neuen, von ihr gelobten Kirche führte. Von nah und fern war der benachbarte Adel herbeigekommen, ihr das letzte Geleite nach der prächtigen Familiengruft zu geben.
Der erste Reif lag auf dem Rasenplatze vor dem schloss und auf dem Kirchhofe, als der von sechs Pferden gezogene Leichenwagen sie überschritt. Wie weisse Rosen hingen die leicht geballten Flocken des Rauhreifs in den Tannenbäumen des Kirchhofes. Die Freifrau Angelika von Arten-Richten war die Erste des jetzt lebenden Geschlechtes, welche zu den Ahnen ihres Mannes in die Gruft herniederstieg, die Erste, welche dieses Weges ging. Der Traum, den sie am Morgen der Kirchweihe geträumt, fand seine Erfüllung. Sie war die Erste, über deren Asche der Pfarrer ihrer Kirche die Seelenmesse las.
Als die Beerdigung vorüber war und die Fremden das Haus verlassen hatten, befanden der Freiherr und der Pfarrer sich allein in dem Wohnzimmer der verstorbenen Baronin. Der Freiherr, in tiefer Trauerkleidung, ging langsam auf und nieder. Er trat an das eine, er trat an das andere Fenster. Die weitin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buxbaum, die scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten auch in diesem Herbste durch die späte Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Am Ende des Gartens hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor, majestätische Kiefern, deren braunrote Stämme wie die Pinien breite, grüne Kronen trugen, und prächtige Eichen, noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube. Sie waren immer noch gewachsen. In dem Kamine brannte ein helles Feuer. Sein Schein streifte bald die Portraits der freiherrlichen Eltern, bald die schönen Bilder Amanda's und Angelika's, die an den Wänden hingen. Dann wieder beleuchtete er die antiken Statuen der Venus und des Amor, die in den Ecken des Zimmers standen.
Eine Erinnerung zuckte in dem Freiherrn auf. Ein schöner Herbsttag wie dieser war es, sprach er, indem er vor dem Pfarrer stehen blieb, der traurig an dem Kamine sass, ein Tag wie dieser war es, an dem wir einst diese beiden Statuen hier aufgestellt haben! Und wieder, wie damals, stehen wir hier allein!
Ich habe auch daran gedacht, entgegnete der Pfarrer, während der Freiherr abermals umherzugehen begann, bis er wieder vor dem Pfarrer stehen blieb.
Was ist seitdem geschehen! Welche Umwälzungen hat die Zeit gebracht, die Welt erfahren, und ich selber, was habe ich erlitten und erlebt! –
Er setzte sich nieder und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Aber er schien sich dessen wie einer Schwäche zu schämen, denn er erhob sich augenblicklich wieder, und dem Pfarrer die Hand reichend, sprach er: Und doch muss man sich sagen, was ich damals erstrebte, ist erreicht, und mehr als das! In Renatus wächst mir der Erbe meines Hauses, der Erhalter unseres Geschlechtes gesund empor. Ich habe meinem haus und unserer Kirche hier in der Gegend eine schöne, eine erhabene Zukunft gesichert. arbeiten Sie mit mir gemeinsam daran, mein Freund, dass mein Geschlecht in meinem Sohne einen würdigen Vertreter und unsere Kirche hier zu land die Verbreitung finde, welche sie gewinnen muss,