es selbst in diesem Augenblicke wusste. Sie wollen jetzt, eben jetzt von uns gehen, wo, wenn nicht ein Wunder geschieht, auf das zu hoffen der Mensch kein Anrecht hat, meinem haus ein schwerer Verlust und eine einsame, ernste Zeit bevorsteht?
Die Herzogin seufzte. Ich habe mir das selbst gesagt, habe Alles schmerzlich in mir erwogen, und doch bleibt mir keine Wahl. Jedes Versprechen, das wir leisten, wiederholte sie absichtlich, wird in einem bestimmten Glauben, unter gewissen Voraussetzungen getan. Als ich Ihnen einst gelobte, nicht eher von Richten zu scheiden, bis Sie mich nach Vaudricourt geleiten könnten, glaubte ich an eine Wandlung, an eine nicht ferne Rückkehr zu Ordnung und Gesetz in meiner Heimat, hoffte ich den Tron seines rechtmässigen Herrschers in Frankreich bald wieder aufgerichtet zu sehen. Diese Hoffnung habe ich für jetzt verloren!
Und was bewegt Sie also zu dem Entschlusse, mit dem Sie uns bedrohen? wandte der Freiherr mehr und mehr verwundert ein.
Die Herzogin wich der Antwort aus. Sie kennen die Huld und Gnade, sagte sie, mit welcher die Gemahlin des Grafen von Provence mich von je her beglückte. Durch die Verhältnisse unseres Vaterlandes an den Hof ihres königlichen Vaters zurückgeführt, wünscht sie mich in ihre Nähe zu ziehen. Die Oberhofmeisterin Ihrer Majestät der Königin ist gestorben, man bietet mir ihre Stelle an, und ....
Der Freiherr neigte mit vornehmer Bewegung zustimmend das Haupt: Und Sie finden es ehrenvoller und angenehmer, die Oberhofmeisterin einer Königin zu sein, als einem Landedelmanne in seinem schloss fürder die Freude und die Ehre Ihrer Gegenwart zu gönnen! Ich begreife das – und ich gebe Ihnen Recht, vollkommen Recht, fügte er schnell gefasst hinzu.
Es entstand eine Pause. Die Herzogin wusste vollkommen, welche Kränkung sie dem Freiherrn bereitete. Aber einer Beobachterin wie ihr waren die sich ändernden Glücksumstände des Freiherrn nicht verborgen geblieben, und sie hatte seit lange daran gedacht, das Schloss und den Freiherrn zu verlassen. Es widerstrebte ihrem Ehrgefühle, Opfer anzunehmen, sobald man anfangen konnte, sie als solche zu empfinden, es widerstrebte noch mehr ihrer Neigung, an dem Krankenlager einer Sterbenden langsam schleichende Tage hinzuleben und in dem freiherrlichen schloss die unvermeidliche Einsamkeit des Trauerjahres über sich zu nehmen. Das glänzende Turin, das Leben an dem üppigen hof von Savoyen, der Einfluss einer Stellung, wie sie ihr geboten ward, konnten sie nicht schwanken lassen über das, was ihr zu tun oblag, und den Freiherrn mit erkünstelter Unbefangenheit bei seinem Worte nehmend, sagte sie: Ich wusste, dass Sie mich billigen, dass Ihre selbstlose Freundschaft mir den Schritt, der mich so viel Ueberwindung kostet, nicht erschweren würde, und – sagte sie mit einem neuen Seufzer – vielleicht bin ich so glücklich, Sie, mein teurer Freund, in meiner neuen Heimat wiederzusehen, wenn der Schlag gefallen sein wird, der Sie bedroht, wenn es Ihnen zu schwer fallen sollte, hier in dem verwaisten haus zu verweilen!
Der Freiherr antwortete ihr nicht. Sie erhob sich, trat in den Tempel und sagte, ihr Tuch an ihre Augen drückend: Wie mich es gestern erschütterte, als Sie ahnungslos mich Angedenken an die werten Menschen verteilen liessen, die ich Alle nun nicht wiedersehen werde, denn der Befehl der Königin bedrängt mich und bindet mich zugleich!
Sie haben zu befehlen, Herzogin! versicherte der Freiherr.
Sie lächelte. Morgen gehe ich noch nicht, auch übermorgen nicht!
Er sagte ihr, dass er jeden Tag ihrer Anwesenheit als einen Gewinn betrachten würde, aber sein Ton war kalt, und schweigend traten sie den Heimweg an.
Die bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in der ganzen herrschaft Alles in Erstaunen. Der Freiherr versuchte nicht, sie zu halten, sie fühlte jetzt kein Verlangen mehr, zu bleiben.
Als Adam davon hörte, nickte er traurig mit dem kopf. Wenn ein Haus den Einsturz droht, sagte er, gehen die klugen Ratten hinaus!
Der Freiherr liess es der Herzogin an keiner Bequemlichkeit fehlen. Er war sich das nach seinem Empfinden schuldig. Für den vierten Tag wurden die Pferde bereit gehalten und vorausgeschickt, und ehe die letzten Kränze des Freundschaftsfestes auf der Margareten-Höhe abgenommen waren, hatte die Herzogin das Schloss und die Gegend verlassen.
Es trat damit eine grosse Lücke in des Freiherrn Leben ein. Er hatte ihr durch eine lange Reihe von Jahren seine Freundschaft, sein Vertrauen geschenkt, sie hatte ihn beschäftigt, ihn gefesselt und bestimmt; nun war er völlig auf sich selber angewiesen, und er hatte Niemanden, dem er bekennen durfte, was er fühlte, was ihn kränkte. Er wusste, dass der Caplan die Entfernung der Herzogin stets gewünscht, dass Angelika sie heiss ersehnt hatte, und Angelika konnte ihr Lager nicht mehr verlassen. Wie hätte er auch daran denken dürfen, ihr, die er mit so viel Härte von sich gewiesen, der die Herzogin so schweres Leid gebracht, es einzugestehen, dass und wie sehr er diese vermisse!
Schweigend, in sich zurückgezogen liess er die Tage an sich vorübergehen, und sie brachten keinen erfreulichen Wechsel mit sich. Er hatte Verdriesslichkeiten mit den Behörden, auf den Gütern wuchsen die Widersetzlichkeiten. Die Einweihung der Kirche, ihre Dotirung, die Einführung und Einrichtung der Kirchenbeamten, das fest auf der Margareten-Höhe und die Abreise der Herzogin hatten viele Ausgaben verursacht. Sie waren nach der Weise des Freiherrn alle unerlässlich gewesen, aber sie hatten doch seinen