– und schon damals hätte ihr Ausruf: "Hier oben dürfen wir keine Kirche bauen!" ihm verraten können, was später ihm so verwirrend und so schmerzlich klar geworden war.
Ihr, der Reinen, der erhabenen Seele hätte er hier einen Tempel der Erinnerung errichten mögen, und man weihte diese Stätte dem Andenken jener fremden Frau, deren selbstsüchtige Arglist Angelika's Glück untergraben und zerstören geholfen. Er konnte die Augen nicht von der Baronin wenden, auch Eva dachte nur an sie.
Man schämt sich seines Glückes, wenn man auf sie blickt! sagte sie zu Herbert, der sich zwanglos an ihrer Seite hielt.
Der Freiherr wies den einzelnen Gästen mit leichter Handbewegung die Reihenfolge an, in welcher sie sich der Herzogin zu nähern hatten. Die gute Stimmung wuchs von Minute zu Minute. Zwischen den einzelnen Strophen des Gedichtes waren kleinere, die Verteilung begleitende und sich in raschem Rhytmus und in heiterer Melodie leicht bewegende Verse eingelegt. So ging es fort, bis die geladenen Gäste alle ihre Gaben empfangen hatten und auf ein Zeichen des Freiherrn der Architekt an den Altar beschieden wurde. Als er sich demselben näherte, erhob sich Angelika von ihrem platz, winkte Eva zu sich heran, und während sie selbst das überraschte Mädchen an Herbert's Seite geleitete, sangen die Knaben die Schlussverse des Gedichtes:
Doch nahte sich ein liebend Paar,
Dem reichte sie der Gaben beste,
Der Blumen allerschönste dar!
und Eva's und Herbert's hände in einander legend, sagte Angelika leise, dass nur die beiden es vernehmen konnten: Seid glücklicher, als ich, und denket meiner, wenn ich nicht mehr bin!
Herbert und Eva sanken ihr zu Füssen, die Gesellschaft rief ihren Beifall und ihre Glückwünsche aus. Man merkte es nicht, dass Angelika noch blässer geworden war und leise ihre Tränen trocknete. Herbert und Eva waren ein so schönes Paar.
Die ganze Erfindung und Ueberraschung war vollkommen im Sinne der Gesellschaft, und man hatte auch mehr zu tun, denn draussen waren inzwischen die Lampen angezündet, der Tempel, die Höhe, der Garten, die Terrasse, das Schloss strahlten im Lichtglanze der Illumination, und während von den dem Tempel gegenüber gelegenen Ruinen des alten Schlosses die ersten Garben des Feuerwerks in die Höhe stiegen, brachte der Fürstbischof selber in dem schäumenden Champagner, den die Diener zu credenzen begannen, den ersten Toast auf das Bestehen, Wachsen und Gedeihen des von Arten'schen Geschlechtes aus.
Neunzehntes Capitel
Die Gäste hatten das Schloss verlassen, der Tag war bewölkt, die Baronin hütete das Lager, weil sie sich mehr zugemutet, als ihre Kräfte leisten konnten; auch der Freiherr und die Herzogin waren ermüdet und hielten sich in ihren Gemächern. Der Herr Pfarrer, wie die Kirchenbeamten und der Sacristan den Caplan jetzt nannten, beantwortete in des Freiherrn Namen die Vorstellungen, welche diesem von Seiten des Superintendenten auf die Beschwerden des Pastors gemacht worden waren. Der neue Pfarrer allein war zu einer grossen Tätigkeit aufgelegt, während der Freiherr jene Erschlaffung und jene Leere fühlte, welche nach der Vollendung einer grossen Arbeit, eines grossen Unternehmens sich immer einzustellen pflegen.
Gegen den Abend machte die Herzogin ihm den Vorschlag, einen Spaziergang nach der MargaretenHöhe, so nannte man den Hügel jetzt, zu unternehmen. In ruhigem gespräche durchwanderten sie den Park, stiegen sie den Hügel hinauf. Oben angelangt, setzten sie sich auf einer der nach antikem Vorbilde gearbeiteten Steinbänke nieder, welche man dort aufgestellt hatte. Trotz des schönen Abends machten der Platz und der Tempel heute keinen guten Eindruck. Die Blumenguirlanden waren welk geworden, das Gras des Rasenplatzes hier und da zertreten. Die Lampen hingen trüb und fahl in den Drähten des Lattenwerkes, auch das Innere des Tempels war noch nicht wieder hergestellt worden, und das Bild der Herzogin sah in dem matten Lichte wie verschleiert aus.
Wir hätten heute nicht hierher gehen sollen, bemerkte der Freiherr, denn jedes fest wirft einen Schatten auf den ihm folgenden Tag!
Und doch wünschte ich gerade heute hierher zu kommen und mich an dem Orte, dem Sie so liebenswürdig meinen Namen verliehen, an welchem Sie, mein teurer Vetter, mich so hoch geehrt haben, mit Ihnen über eine Angelegenheit zu besprechen, die ich ohne Ihren Beirat zu ordnen genötigt gewesen bin, denn Ihre Freundschaft würde mich, ich fühle das, verhindert haben, die Entscheidung zu treffen, zu welcher ich selbst mich schwer genug entschloss.
Sie hielt inne; der Freiherr bat sie, sich zu erklären.
Ich bin nicht wortbrüchig, mein Freund, sagte sie, und ich habe es nicht vergessen, wie Ihre Grossmut mir einst das Versprechen abgenommen hat, dass ich von Ihrer gastlichen Schwelle nicht scheiden würde, bis Sie selbst mich wieder in die Hallen meines schönen Vaudricourt zurückgeleiten könnten.
Und dieses Versprechen ist Ihnen leid geworden? fragte der Freiherr, von einer unangenehmen Ahnung erfasst.
Sie schüttelte wehmütig das Haupt. Nein, o nein, versetzte sie, und es wird, glauben Sie es mir, teurer Vetter, zu den erhebendsten Erinnerungen meines Lebens gehören, dass Sie es einst von mir gefordert haben, dass ich Sie auch heute noch geneigt weiss, mir fort und fort das Gastrecht zu gewähren, welches Sie mir mit jener Forderung verhiessen. Aber jedes Versprechen, das wir leisten, wird in einem bestimmten Glauben, unter gewissen Voraussetzungen getan ....
Sie wollen von uns scheiden? rief der Freiherr, tiefer getroffen, als er