1864_Lewald_163_23.txt

klarem Auge selbstzufrieden umherschauend, drückte der Baron den flachen, gleichfalls mit Goldschnüren verzierten dreieckigen Hut auf das Haupt und wollte eben den Wagen besteigen, als sich unten am Flusse eine unruhige Bewegung zeigte. Der Gärtner mit seinen Burschen und einige Arbeiter waren am wasser beschäftigt, man holte Stangen herbei, und der Gärtner bestieg das Boot, mit dem man nach dem Schwanenhäuschen überzufahren pflegte.

Was gibt's da unten? fragte der Freiherr.

Man wusste es in seiner Umgebung nicht und schickte hinunter, es zu erkunden.

Aber noch ehe der Bote zurückkam, brachte der Gärtnerbursche dem Caplan einen Brief.

Was geht da vor? wiederholte der Freiherr.

Gnädiger Herr, sagte der Bursche, es hat sich Einer in's wasser gestürzt!

Wer? Wann? rief der Freiherr mit einem Schrecken, der aus irgend einer furchtbaren Ahnung hervorgehen musste.

Ich weiss nicht! antwortete der Gärtnerbursche auf ein Zeichen des Caplans, von dessen Wangen alles Blut gewichen war.

Der Freiherr wollte die Terrasse hinuntereilen, der Caplan hielt ihn zurück. Bleiben Sie, bleiben Sie! Es ist vergebens, es ist zu spät! sagte er eilig und selbst nach Fassung ringend.

Den Brief, den Brief! drängte darauf der Baron und entriss dem Widerstrebenden das Papier. Es entielt die folgenden, kurzen Zeilen:

"Was ich von Dir erfahren soll, das teile dem Herrn Caplan mit! hat er mir geschrieben. – Sagen Sie ihm also, Hochwürden, dass ich nicht anders konnte. Ich habe fortgehen wollen, nun der Tag da ist, geht's über meine Kräfte. Ich will ihn ja nicht stören in seinem Glücke, aber hier bleiben muss ich! Wenn er heruntersieht auf das wasser, werde ich ihm wohl einfallen, und er wird dann auch wohl an den Paul denken, der nun keinen Menschen mehr auf der Welt hat, als ihn! Sagen Sie ihm das, Hochwürden! – Wenn's Tag wird und Sie den Brief bekommen, dann ist's lange mit mir vorbei!"

Das war Alles. Der Brief war kurz und ohne alle Weichheit, wie Paulinen's Charakter in sich abgeschlossen, und ihr Entschluss schnell gewesen war. Sie hatte nicht einmal ihren Namen unterschrieben.

Während der Baron las, hatte seine ganze Dienerschaft erfahren, was geschehen war. Die Blicke seiner Leute waren auf ihn gerichtet, er beachtete es nicht. Seine Hand zitterte, seine Kniee versagten ihm den Dienst, er musste sich auf einer der Bänke vor dem schloss niedersetzen, und im furchtbaren Schmerze schloss er die Augen. Es war eine vollkommene Untätigkeit in seine Umgebung gekommen, Niemand schien zu wissen, was er tun solle.

Mit einem Mal richtete er sich auf. Abspannen! befahl er und wollte sich in das Schloss begeben. In dem Augenblick kam aber der Cornet zurück, welcher mit der Lebhaftigkeit seines Alters bei der ersten Kunde von dem Unfalle nach dem wasser hinuntergegangen war.

Es hat sich ein Frauenzimmer aus dem dorf ertränkt! sagte er gleichgültig, und sie meinen, es müsse schon viele Stunden her sein, denn der Mantel und die Schuhe, die man auf dem Rasen gefunden hat, waren schon festgefroren, als Ihr Gärtner sie bemerkte. Unter den Schuhen soll ein Brief an den Herrn Caplan gelegen haben. – Ah, Sie haben den Brief schon! rief er, als er das Blatt in den Händen seines Schwagers und zugleich mit dessen Verstörung es bemerkte, dass der Kammerdiener die Pelzdecken wieder aus dem Wagen herausnahm.

Was haben Sie, Baron? Sie lassen ausspannen? fragte er verwundert. Fahren wir denn nicht?

Ja, bald, gleich! erwiderte der Baron, sich gewaltsam beherrschend. Ich muss nur erst sehen ....

Ob Sie tote lebendig machen können? rief der Cornet. Wenn wir darauf warten sollen, wird Angelika heute eine schlaflose Nacht haben und sich Sorgen um uns machen, wobei Sie natürlich für zwei zählen und ich für Nichts! Vor Abend kommen wir jetzt ohnehin nicht mehr nach Berka, und der Caplan ist ja unten. Ueberlassen Sie ihm doch den Rettungsversuch, das ist sein Amt, undfügte er übermütig hinzuwer weiss, ob der hochwürdige Herr, an den der Brief gerichtet war, nicht am Ende ohnehin mehr von der Sache weiss.

Er lachte über seinen Einfall; der Baron hatte nichts von diesen frechen Worten des jungen Mannes gehört; aber er kam allmählich aus seiner Versunkenheit zurück, fuhr sich mit der Hand mehrmals über die Stirn, und als er sich dann umsah, waren seine Mienen wieder ruhig geworden.

Sie haben Recht, sprach er; ich kann hier in der Tat Nichts helfen, und Ihre Schwester soll nicht ohne Grund beunruhigt werden. Kommen Sie, lieber Gerhard, lassen Sie uns einsteigen! – Während der junge Graf sich dem Wagen näherte, winkte der Baron den Haushofmeister heran und sagte: Ich lasse den Herrn Caplan ersuchen, alles Nötige, verstehen Sie mich, alles Nötige, zu besorgen und mir baldmöglichst nachzukommen! Und dass ich hier Alles finde, wie ich's angeordnet habe!

Der Haushofmeister verneigte sich, die Dienerschaft, welche eben so bestürzt gewesen war, als ihr Gebieter, trat beflissen hinzu, und der Baron stieg ein. Als der Cornet sich zu ihm niedersetzte und der Kammerdiener ihnen die Decken von schwarzem Bärenpelz über die Kniee gebreitet hatte, lehnte der Baron sich in die Ecke zurück, wie einer,